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Samstag, 29. Dezember 2007

Eine Fußnote zu Genesis

Zu Genesis wollte ich in der vorletzten Woche Stellung nehmen, als wir im Begriff waren, Genesis bzw. 2. Mose bzw. Bereschith zu Ende zu lesen. Jedoch konnte der gute Vorsatz aus Zeitgründen nicht in Erfüllung gehen. Also habe ich mich jetzt noch dazu gezwungen, bevor es "zu spät" wird (oder aber zu früh für den nächstjährigen Lesezyklus).

Einerseits handelt es sich beim Buch Genesis um sehr Wichtiges: um die Erzfamilie, also um den Ursprung des Volkes und dessen Vorzeichen; im Rückblick möchte man auch sagen: um die Anfänge der Heilsgeschichte. Andererseits fallen die Geschichten von der Erzvätern und -müttern gerade durch die zahlreichen Missetaten auf, die in sie verwoben sind. Dabei sehe ich absichtlich von der Ursünde, der ersten Mordtat u. Ä. ab und richte das Augenmerk gerade auf die "Kleinigkeiten", von denen man meinen könnte, sie wären für die Heilsgeschichte überhaupt nicht nötig gewesen.

Ich versuche also eine Liste dieser Missetaten herzustellen; freilich kann ich mich nicht an alles erinnern:

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Abraham stellt Sarah, sein Weib bzw. seine Frau, als seine Schwester vor und überredet sie dazu, sich ebenfalls so vorzugeben. Er verhindert nicht, dass sie infolge seiner falschen Aussage zu einem anderen Mann genommen wird. Ganz im Gegenteil: Er wird für sie gut bezahlt. Erst durch Gottes Einmischung kommt es doch nicht zum Sexualverkehr und Sarah wird zu Abraham zurückgebracht. Und das nicht ein-, sondern zweimal: Zuerst mit dem Pharao (1. Mose 12:10-20), dann mit Abimelech, dem König von Grar (1. Mose 20:1-18). Interssanterweise wiederholt es sich zum dritten Mal bei Isaak, der Rebekka ebenfalls als seine Schwester vorstellt (1. Mose 26:7).

Abraham versucht, seinen eigenen Sohn zu schlachten, und scheut sich zu diesem Zweck nicht davor, Isaak zu belügen und dessen Vertrauen auszunutzen (1. Mose 22:1-19). Wie sich diese Gräuelerfahrung auf Isaak eingewirkt hat, kann man sich vorstellen.

Abraham schickt seinen Knecht in die alte Heimat, um dort eine Frau für Isaak zu finden. Vom Bräutigam will der Knecht nicht zu viel erzählen; vielmehr lässt er die Geschenke reden, mit denen er Rebekkas Familie überschüttet. Erst wenn es schon zu spät ist, darf Rebekka die Wahrheit erfahren: "Und Isaak ging gegen Abend hinaus, um sich auf dem Feld zu ergehen. Da hob er seine Augen und sah: Kamele kamen daher. Und auch Rebekka hob ihre Augen und sah Isaak. Da fiel sie vom Kamel herunter [Rev. Elberfelder: "Da glitt sie vom Kamel"]. Sie sprach zu dem Knecht: "Wer ist jener Mann, der dort auf dem Feld uns entgegenkommt? Und der Knecht sprach: "Das ist mein Herr!" Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich." (1. Mose 24:63-65).

Lot, Abrahams Neffe, will dem Sodomer Pöbel seine eigenen, noch jungfräulichen Töchter übergeben, damit sie vom Pöbel vergewaltigt werden und Lots Gäste, Gottes Boten, von diesem Geschick verschont bleiben (1. Mose 19:1-38; interessanterweise rächen sich die Töchter nachher, indem sie ihn narkotisieren und begatten).

Jakob kauft Esau die Erstgeburt ab (1. Mose 25:29-34). Das muss man abermals lesen: Jakob kauft Esau die Erstgeburt ab. Wie ist die Erstgeburt zur Ware geworden? Wie ist Jakob überhaupt auf die Idee gekommen, mit so etwas handeln zu können? (Und leise hinzugefügt: Ist das der Ursprung "jüdischer Geschäftstüchtigkeit"?)

Jakob führt seinen eigenen, blinden Vater irre, um den Segen des Erstgeborenen zu bekommen, und zwar nachdem ihn seine Mutter, Isaaks Frau (!), dazu verleitet hat (1. Mose 27). Im Übrigen stellt sich hier die Frage, warum es überhaupt zu solch einem Betrug hätte kommen müssen, wenn sich die Erstgeburt einfach so verkaufen ließe, wie es Genesis beschreibt? Schließlich muss Rebekka Jakob zur Flucht nach Haran, zu ihrem Bruder Laban raten.

Nachdem Jakob sieben Jahre lang im Dienste Labans gearbeitet hat, um Rahel zu bekommen, gibt ihm Laban im Schutze der Dunkelheit Lea, die ältere Tochter (1. Mose 29).

Innerhalb der Erzfamilie geht es mit dem Handel recht voran: Lea will Rahel eine Nacht mit dem gemeinsamen Mann abkaufen. Und: Rahel verkauft ihrer Schwester die Nacht. Und: Jakob lässt sich darauf ein (verkauft ist verkauft, das weiß er wohl am besten; 1. Mose 30:14-16).

Jakob und Laban betrügen einander bei der Aufteilung der Schafherden (1. Mose 30:31-43).

Jakob teilt Laban nicht mit, dass er vorhat, ihn zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren. Beim Auszug aus Labans Haushalt stiehlt Rahel ihrem Vater die Götzerbilder (1. Mose 31:19-44).

Nachdem Schechem, der Sohn Hamors, Dina, die Tochter Leas, vergewaltigt hat, schlägt Hamor Jakob und seinen Söhnen vor, dass sie den Söhnen Hamors ihre Töchter geben und im Gegenzug die Töchter der Familie Hamors bekommen. Noch will er ihnen alles geben, was sie bekommen möchten, um Dina abzugeben. Die Söhne Jakobs willigen scheinbar darin ein, indem sie voraussetzen, dass Hamor und seine Söhne sich beschneiden. Das tun sie auch, doch am dritten Tage, während sie noch leiden, werden sie alle von den Söhnen Jakobs getötet, ihr sämtlicher Besitz geraubt (1. Mose 34).

Ruben begattet Bilha, die Kebse Jakobs, seines Vaters (1. Mose 35:22).

Die Söhne Jakobs wollen Josef, ihren Bruder, erschlagen. Schließlich wird er "nur" in die Grube hineingeworfen, in der es "kein Wasser", aber wohl anderes gibt. Als die Brüder Jakob als Knecht an die Ismaeliten verkaufen wollen, müssen sie feststellen, dass ihnen die Midianiter zuvorgekommen sind. Dann führen sie ihren eigenen Vater irre, indem sie ihn glauben lassen, Josef wäre gefressen worden (1. Mose 37).

Juda hält nicht sein Wort, das er Tamar, seiner Schwiegertochter, gegeben hat, nämlich, dass sie die Frau Schelas, seines dritten Sohnes, wäre. Daraufhin verführt Tamar ihren Schwiegervater, Juda, der sie begattet, weil er sie für eine Hure hält (1. Mose 38). Aus diesem Geschlechtsverkehr sollte noch David hervorgehen (also auch der Heiland).

Man möchte hier auch auf Josefs unehrlichen Umgang mit seinen Brüdern in Ägypten hinweisen, doch erscheint es nach alledem, was sie selbst angetan haben, fast angemessen...

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Lügen, Irreführungen, Betrügereien und sogar Zuhältereien: In Genesis bilden die Missetaten keine Ausnahmen, sondern die Regel. Im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen bzw. des Familienlebens ist die israelitische Erzfamilie kläglich gescheitert. Vorbildlich? Kaum. Kindergerechter Lesestoff? Wohl auch nicht.

Die Geschichte der Erzväter und -mütter stellt eine große, weil grundsätzliche Schwierigkeit dar. Was soll uns mit dieser Problematik vermittelt werden? Auf diese Frage vermag vielleicht mancher eine Antwort zu geben. Es scheint mir aber angebrachter zu sein, die Frage unbeantwortet "schweben" zu lassen. Manchen Fragen steht es nämlich zu.


P.S. Um den Beitrag trotzdem mit einem positiven Ton ausklingen zu lassen:



Danke an Marek aus Warschau für den Hinweis!