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Donnerstag, 20. März 2008

Wo sich Links- und Rechtsextremismus treffen

Nicht nur Horst Mahler:

In ihrer morgigen Ausgabe bringt die National-Zeitung ein ganzseitiges Interview mit dem sonst doch linksextremen Ilan Pappé zum Thema "Ethnische Säuberung als Staatsziel".

Tja. Das politische Spektrum ist eigentlich ein Kreis, auf dem sich Links und Rechts nicht nur in ihrer mildesten, sondern auch in ihrer extremsten Form treffen.

Übrigens lehrt Pappé seit kürzerem an der britischen University of Exeter, was mit den immer bizarreren Formen des britischen Antisemitismus wohl im Einklang steht.

Und die unausbleibliche Frage sei hiermit vorweggenommen: Es gehört dazu, tunlichst auf dem Laufenden zu sein, wenn man sich mit deutscher Zeitgeschichte befasst.

Frohes Purim
Yoav

Donnerstag, 13. März 2008

Demokratische Werte

Vor genau einer Woche sind in Jerusalem acht Schüler ermordet, viele andere verletzt worden.

Und?

Der Terrorist hat zu diesem Zweck ein MG benutzt, das den Palästinensern im Rahmen des sog. Friedensprozesses vom israelischen Militär geliefert wurde.

Und?

Für den Friedensprozess war in der israelischen Politik v. a. Shimon Peres verantwortlich, der auch die Waffenlieferungen trotz öffentlicher Kritik durchgesetzt hat.

Und?

Heute ist Shimon Peres der israelische Präsident bzw. Staatsoberhaupt.

Und?

Auf diesen etwas merkwürdigen Zusammenhang hat im Fernsehen der Mann hingewiesen, der den Terroristen erschossen hat.

Und?

Das Interview ist sofort unterbrochen worden.

Aber?

Wir sind die einzige Demokratie im Nahen Osten.

Oder?

Sonntag, 17. Februar 2008

Die Besetzung Palästinas und die Psychologie akademischer Forschung in Israel

Im Rahmen der Heidelberger Hochschulreden, welche die Hochschule für jüdische Studien von Zeit zu Zeit veranstaltet, hat am 23. Jänner ein bestimmter Henryk M. Broder in der Aula der Universität Heidelberg gesprochen und zwar zum Thema: " 'Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich die Juden seiner annehmen würden' – jüdischer Selbsthass von Karl Marx bis heute". Zum zahlreichen Publikum hat auch der Schreiber dieser Zeilen gezählt. Ebenfalls anwesend war Max, Mitstudent an der HfjS und Betreiber eines sehr interessanten Blogs namens Netz und Geschichte, wo ihr einen ziemlich ausführlichen Bericht über Broders Vortrag finden könnt.

*

Abgesehen von diesem Hinweis auf Maxens Blog wollte ich an einen Punkt anknüpfen, mit dem Broder seinen Vortrag abgeschlossen hat. Als Beispiel für Autoantisemitismus in Israel hat er nämlich darauf hingewiesen, dass an der Hebräischen Universität kürzlich (Ende 2007) die Diplomarbeit von Tal Nitzan angenommen worden ist, einer Soziologin, die sich mit den Grenzen der Besetzung. Zur Seltenheit militärischer Vergewaltigung im israelisch-palästinensischen Konflikt befasst hat. Was Broder anscheinend nicht gewusst hat, ist übrigens, dass die Arbeit zudem von der Israeli Sociology Society ausgezeichnet worden ist.

Im Grunde genommen geht es bei dieser Arbeit darum, dass Besatzungssituationen in der Regel von weit verbreiteten Vergewaltigungen weiblicher Angehöriger des unterjochten Volkes durch männliche Angehörige des unterjochenden Militärs begleitet werden. Dass solche Vorfälle in den sog. besetzten Gebieten fast nie passieren, bilde folglich einen Ausnahmefall, den die Forschung zu erklären habe. Anhand von Interviews mit 25 Soldaten, Sekundärliteratur, Berichten von Menschenrechtsorganisationen und einschlägigen Zeitungsbeiträgen ist sie zum Schluss gekommen, dass dieses Phänomen, nämlich die Seltenheit der Vergewaltigungen, auf eine Entmenschlichung palästinensischer Frauen durch israelische Soldaten zurückgehe, welche die palästinensische Frauen folglich für unbegehrbar halten würden. Weiters nennt sie als Grund die Angst vor der sog. demographischen Drohung, da das Kind aus der in Israel üblichen, jüdisch-orthodoxen Sicht als Palästinenser gölte.

Inwiefern die Resultate dieser Forschung richtig oder falsch sind, vermag ich jetzt selbstverständlich nicht zu beurteilen. Klar ist jedenfalls, dass die Arbeit nicht so einfach verworfen werden kann, wie es die allermeisten, darunter auch Broder, tun. Beziehungen zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern sind auch außerhalb der militärischen Begegnungssituationen äußerst selten, obwohl der Kontakt etwa zu den israelischen Arabern durchaus möglich und oft unvermeidbar ist. In Israel ist in diesem Winter, eben bis vor einigen Wochen, eine neue Serie ausgestrahlt worden, deren Drehbuch von einem meiner Lieblingsautoren geschrieben wurde, dem arabischen Israeli Sayed Kashua (->Authorseite im Perlentaucher). Eines der zentralen Themen war dabei die bald lustige, bald herausfordernde Beziehung zwischen dem jüdischen Freund des arabisch-muslimischen Protagonisten einerseits und der arabischen Freundin der (ebenfalls arabischen) Frau des Protagonisten andererseits. Für die meisten Israelis, jüdische wie muslimische, ist die Vorstellung von solch einer Beziehung eben noch neu.

*

Ein anderer Grund aber, weshalb die Forschung Nitzans nicht leichtfertig als Autoantisemitismus verworfen werden kann, besteht in dem besonderen Sprachgebrauch, der diese Arbeit propagiert. Um dies zu beleuchten, muss ich für Seltenheit der Vergewaltigungen in den sog. besetzten Gebieten zuerst eine alternative Erklärung bieten. Ich will jetzt nicht die häufige Behauptung wiederholen, dass der israelische Soldat einfach moralischer ist als der übliche Besatzungssoldat in der modernen Geschichte. Mir geht es eher um eine Annahme, die der ganzen Forschung zugrunde liegt, nämlich, dass es sich in den sog. besetzten Gebieten um eine Besatzungssituation handelt.

Wie gesagt, geht Tal Nitzan davon aus, dass Besatzungssituationen in der Regel von Vergewaltigungsvorfällen begleitet sind bzw. sein sollen. Dieses Phänomen ist tatsächlich nachvollziehbar: Der Soldat befindet sich in einer fremden Umgebung. Er ist erschöpft. Sein Leben ist mehrmals riskiert worden, viele seiner Kameraden sind wohl gefallen, d.h. es hat sich viel Stress gehäuft, der sich jetzt entladen will. Den Gegner, d.h. die Männer der anderen Seite, hat er als Überlebender des Kampfes besiegt; deren Frauen und Töchter stehen jetzt, Trophäen gleichsam, zur Verfügung. Tatsächlich hat er seine Frau oder Freundin seit langem nicht mehr gesehen. Und andere moralische Instanzen wie Mutter, Schwestern etc. sind in dieser fremden Umgebung einfach nicht da.

Und nun stellt sich die Gretchenfrage: Befinden sich israelische Soldaten überhaupt in einer fremden Umgebung? Das ist notabene keine objektive Frage, sondern es geht hier, wie immer, um die Vorstellungswelt der Personen, deren Verhalten erforscht wird bzw. werden sollte. Nun entspricht die Vorstellungswelt der Soldaten nicht unbedingt der der Forscherin. Ganz im Gegenteil: Für die meisten israelischen Soldaten sind die sog. besetzten Gebiete keine fremde Umgebung, kein fremdes Land. Es handelt sich um das eigene Zuhause, und zwar nicht nur, weil das Land sehr klein ist und es keine klaren Grenzen gibt, sondern vor allem deswegen, weil manche Soldaten, d.h. die Offiziere, Freunde oder Kameraden der anderen Soldaten, wirklich in diesen Gebieten geboren und aufgewachsen sind, dort wohnen und leben, vielleicht auch schon ihre eigenen Familien dort gegründet haben.

Das gilt nicht nur in sozialer, sondern auch auch in geographischer Hinsicht. In den sog. besetzten Gebieten ist man nämlich fast überall von jüdisch-israelischen Ortschaften umgeben, deren Anblick man nicht vermeiden kann, selbst wenn man es wollte, und in denen Mütter und Schwestern des eigenen (vorgestellten) Volkes leben. Diese bewohnten Siedlungen erhalten also, wie anderwärts in Israel und überall auf der Welt, ganz automatisch das kollektive Über-Ich aufrecht, zumal es in vielen Fällen religiöse Siedlungen sind, die bekanntermaßen einen (ebenfalls den eigenen Vorstellungen nach) höheren moralischen Anspruch erheben. Mit anderen Worten: Für die meisten Israelis bilden die sog. besetzten Gebiete Teil der Heimat, in der trotz der herrschenden Machtverhältnisse Vergewaltigungen und Ähnliches undenkbar sind.

Dass in den sog. besetzten Gebieten keine Vergewaltigungen stattfinden, geht mithin vor allem darauf zurück, dass es dort für die meisten Israelis keine richtige Besatzungssituation gibt, jedenfalls nicht in soziologischer Hinsicht, und hier geht es ja um eine soziologische Fragestellung. Und damit kommen wir zum Eigentlichen: Das Ziel dieser Forschung ist nicht, für die Seltenheit der Vergewaltigungen eine Erklärung zu finden, sondern vielmehr, anhand eines ideologisch bedingten Sprachgebrauchs die eigene Vorstellungen zu propagieren, nämlich zu suggerieren, dass es sich hierbei trotz alledem doch um eine Besatzungssituation handeln würde.

Dieser eigentliche Zweck wird in Nitzans Diplomarbeit schon durch den Titel - "Die Grenzen der Besetzung" - optimal erfüllt und in der ganzen Diskussion, die darauf folgt, weiter verfolgt. Dass der Ansatz in soziologischer Hinsicht abwegig ist, spielt offensichtlich keine Rolle, weder bei der Annahme der Arbeit durch die Universitätsgutachter, noch bei der Auszeichnung durch die Israeli Sociology Society. Denn sowohl an der Universität als auch in der besagten Society verfolgen die Gutachter dasselbe Ziel: unter dem Vorwand akademischer Forschung ihre politisch-ideologischen Vorstellungen zu propagieren.

Und das, liebe Leser, ist in der akademischen Landschaft Israels kein Ausnahmefall.

Mittwoch, 16. Jänner 2008

Das sechzigste Jahr

Parlamentsmitglieder fördern eine Initiative des mirabeauschen Militärs, nach der u. a. das Wahlrecht vom Militärdienst abhängig gemacht werden soll.

Staatsbürger werden weiterhin von Terroristen ermordet, deren Milizen die Staatsregierung selbst mit Waffen ausstattet.

Das Universitätswesen lässt sich mangels Studenten-Dozenten-Rektoren-Solidarität zusehends auflösen.

Und die Züge auf dem praktisch zweispurigen Landeseisenbahnnetz fahren noch immer nicht rechtzeitig ab.

[Schweigeminute]


P.S.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich euch auf einen wochentäglichen Comicstrip hinweisen, der einem bei der Bewahrung der geistigen Gesundheit zu helfen vermag: Dry Bones

Donnerstag, 03. Jänner 2008

Privatisierung, aber anders?

Liebe Leser,

gibt es auf Erden noch ein Land, wo an staatlichen (!) Universitäten nicht nur kleinere Einrichtungen wie Forschungszentren, Lehrstühle etc., sondern auch ganze Fakultäten plötzlich nach Personen benannt werden, die entweder zur Erhaltung der Fakultäten in deren jetzigem Zustand gespendet haben oder im besten Fall die Eltern solcher Spender gewesen sind?

Und wenn ihr mir nicht glaubt:
http://www.tau.ac.il/units-eng.html
(...ist wohl keine Neuigkeit mehr, aber mir als Produkt der Hebräischen Universität Jerusalem erst jetzt aufgefallen)

Schöne Grüße
Yoav

Donnerstag, 22. November 2007

Wie können wir die iranische Atombombe bekämpfen?

So macht man es richtig:

U.S. demands Israel crack down on illegal Iranian pistachio imports

American officials are urging Israel to crack down on Iranian pistachio nut imports which are reaching Israel via Turkey despite a ban on Iranian imports into Israel.

U.S. Undersecretary of Agriculture Mark Keenum said in a meeting with Israeli officials in Rome on Monday that the pistachio imports must stop, a U.S. official confirmed Wednesday.

"This causes great anger, especially since pistachios succeed in coming in through a third country," Agriculture Minister Shalom Simhon told Israel Radio.

Both the U.S. and Israel have been pushing for new UN sanctionsto persuade Iran to abandon its nuclear program which Iran insists is only aimed at energy production and not military use. "This has to do with the sanctions but also with the competition between American farmers and Iranian farmers, and we are trying to deal with this," Simhon added.

Simhon said a recent meeting with a senior U.S. agriculture official focused on using technology to detect the origin of pistachios. He said that would involve chemical testing to determine the climate and soil of where the nuts were grown. California is the second largest producer of pistachios in the world, according to the former California Pistachio Coalition. Iran is first.

In the mid 1990s U.S. officials pressured Israel to block the import of Iranian nuts coming through EU member states and winding up in Israel. Tensions have heightened since Iran began pursuing nuclear technology, as the U.S. has pushed the UN to implement new economic sanctions against the country until it gives up the program.

"As a proud native of the golden state (California), I think Israelis should eat American pistachios, not Iranian ones," said Stewart Tuttle, spokesman for the U.S. Embassy in Tel Aviv.


...jetzt bin ich beruhigt.

Samstag, 10. November 2007

Ein Stück israelischer Kulturgeschichte

Git Woch allerseits,

nach der Gründung des Staates Israels waren die führenden Positionen innerhalb der zionistisch- bzw. nationalreligiösen Strömung über Jahrzehnte hinweg von Juden besetzt, die in der Tradition des deutsch-jüdischen Bürgertums verwurzelt waren; immerhin hing der Grundgedanke des religiön Zionismus sehr eng mit der neo-orthodoxen Lehre der deutschen Rabbiner Schimschen Rephuel Hirsch und Asriel Hildesheimer zusammen: Trotz aller Unterschiede im historischen Zusammenhang liegt beiden Strömungen der Wunsch zugrunde, Traditionell-Religiöses mit Modern-Weltlichem erfolglich zur Synthese zu bringen.

Vor diesem Hintergrund verstanden es die damaligen Führer der Nationalreligiösen als ihre Aufgabe, den Abstand zwischen Säkularen und Ultraorthodoxen zu überbrücken. Dazu gehörte u. a. auch das weltliche Medium des Fernsehens: Von den überwiegend säkularen Regierungen, die damals noch gänzlich über das Fernsehen verfügten, bekamen die "daitschen" Funktionären in den 1980er Jahren die Sendezeit gleich nach dem Schabbesausgang zur Verfügung gestellt.

Diese kostbaren Sendestunden wurden dann nach guter daitscher Tradition mit religiösen Chorgesängen und sonstiger Liturgie gefüllt. Allerdings mit wenig Erfolg: Die Säkularen mochten diese Sendungen nicht, weil sie "religiös" wirkten; den Nationalreligiösen gefielen sie ebenfalls nicht, weil sie nie eine richtige Botschaft an die Säkularen hatten (das wäre damals eine Zumutung gewesen) und den Nationalreligiösen selbst einfach zu langweilig waren; und die Ultraorthodoxen hatten eh keine Fernsehapparate. Dass es so etwas überhaupt im Fernsehen gab, wurde von (fast?) allen Zuschauern als Tribut der säkularen Elite an die politischen Macher der Nationalreligiösen betrachtet - und zwar mit gutem Grunde.

Anfang der 1990er Jahre ist das Kabelfernsehen erstmals im zionistischen Schnellkochtopf eingetroffen - und mit ihm eine bis dahin noch nie erahnte Auswahl an alternativen Fernsehprogrammen. Der Wandel war so umfangreich, dass er bereits 1992 in einem damals sehr erfolgreichen Film aufgearbeitet wurde. Der Film hieß schlicht und einfach Kabel und kam durch Zusammenarbeit prominenter Komödianten zustande. Dabei nahm er natürlich auch auf das staatlich erzwungene Fernsehprogramm Bezug - und der "daitsche" Kantorismus blieb selbstverständlich nicht verschont:



Ach, those were the days...

Der Wortlaut dieses satirischen Stücks besteht übrigens nur aus vier hebräischen Wörtern, die so viel bedeuten wie: "Seid fröhlich und freut euch über das Meer Gottes". "Seid fröhlich und freut euch über..." ist einem echten Lied entnommen, das zu Simchat Thorah gesungen wird. "Das Meer Gottes" hingegen - wie lässt es sich positiv formulieren? - kommt hier erstmals vor.

Nachtrag [11.11.2007]: Auf YouTube habe ich noch etwas aus Kabel gefunden. Die Interpretation überlasse ich diesmal euch...

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Übung im Rechtsverständnis

Liebe Leser,

zunächst eine Vorstellung des gegenwärtigen Sachverhaltes:

1. Am 28. Juni 1967 wurde das so genannte "Ostjerusalem" an Israel angeschlossen: ein ca. 70 qkm großes Gebiet, das bis dahin 19 Jahre lang von der Haschemitischen Monarchie in Transjordanien bzw. Ostpalästina gesetzeswidrig besetzt war. Seitdem liegt dieses Gebiet innerhalb der Staatsgrenzen Israels, insbesondere aber gänzlich innerhalb der Verwaltungsgrenzen der Stadt Jerusalem.

2. Das israelische Grundgesetz (!) bzw. das "Grundgesetz zu Jerusalem, der Hauptstadt Israels" legt in Bezug auf Jerusalem Folgendes fest (meine Übersetzung):

§1 Das ganze wiedervereinigte Jerusalem ist die Hauptstadt Israels.

[...]

§5 Das Stadtgebiet Jerusalems umschließt in Zusammenhang mit diesem Gesetz u. a. das ganze Gebiet, das im Zusatz zur Deklaration über die Erweiterung des Jerusalemer Stadtgebietes vom 28. Juni 1967 beschrieben wird [...]

§6 Es darf keine Macht, die sich auf das Stadtgebiet Jerusalems bezieht und rechtmäßig beim Staat Israel oder dem Stadtrat Jerusalems liegt, an ein fremdes Staats-, Regierungs- oder ein in ähnlicher Weise fremdes Wesen/Organ, ob endgültig oder zeitweilig, abgegeben werden.


3. Das israelische Strafgesetzbuch legt in §97b unter dem Titel "Landesverrat" Folgendes fest (nochmals meine Übersetzung):

Wer mit der Absicht, dass irgendein Stück Land der Souveränität des Staates entzogen würde oder unter die Souveränität eines anderen Staates käme, eine Tat begangen hat, die zum Vorgenannten hätte führen können, wird mit dem Tode oder lebenslänglichem Freiheitsentzug bestraft.


Und in §100 (meine Hervorhebung):

Wer eine Tat begangen hat, aus der es sich auf eine der in §97, §98 oder §99 beschriebenen Absichten schließen lässt, wird mit zehnjährigem Freiheitsentzug bestraft.


4. Laut zahlreichen Medien im In- und Ausland (etwa dem Spiegel) hat der israelische Ministerpräsident, Ehud Olmert, vor, bei der für Ende November 2007 geplanten Gipfelkonferenz in Annapolis, Maryland über die Hoheit im so genannten "Ostjerusalem", d.h. in der Hauptstadt Israels (!) zu verhandeln.

5. Leider kann man nicht mehr erwarten, dass sich das israelische Rechtswesen in dieser Sache um Gerechtigkeit bemüht. Seit Beginn der zweiten Amtszeit Jizchak Rabins (1992), die ebenfalls von derartigen Rechtsbrüchen begleitet war, hat der oberste Gerichtshof - insbesondere in politischen Sachen - immer wieder Unrecht gesprochen.

Und die Gretchenfrage lautet:

Was soll der gewissenhafte Bürger tun, der einerseits kein Mitläufer sein und sich nicht mehr entmündigen lassen will, andererseits aber selbst von einem korrupten Rechtswesen verraten wird? Wie kann sich ein Normalbürger diesem moralischen Verfall und rechtlichen Zusammenbruch nachhaltig entgegensetzen?

P.S.
Es ist nicht auszuschließen, dass mich dieser rein deskriptive Beitrag wohl schon an und für sich in die berüchtigten Keller des geheimen Sicherheitsdienstes auf dem so genannten "Russenhof" in Jerusalem bringen könnte, wenn ich jetzt in Israel wäre und auf Hebräisch schriebe... Denkt hier eigentlich noch jemand an Rechtsstaatlichkeit? Ich zumindest nicht mehr.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Pseudorecht und die israelische Scheindemokratie

[T]he Israeli court [...] may well be the branch most dangerous to the political rights of the nation.

Seit langem überlege ich mir gelegentlich, wie sich am besten erklären lässt, was mit der israelischen Demokratie in den letzten 15 Jahren geschehen ist. Nun bin ich über einen Artikel gestolpert, dem das obige Zitat entnommen ist und der die Sache richtig und m. E. auch ziemlich gut verständlich darlegt. Der Artikel ist im Winter 2007 in Azure, der englischen Ausgabe der hebräischen Tcheleth erschienen, einer hochangesehenen, jüdisch-israelischen Vierteljahresschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft und alles andere, was sich auf die Zukunft Israels und dessen Staates auswirkt:

http://www.azure.org.il/magazine/magazine.asp?id=349

Geschrieben ist der Artikel - im Grunde genommen eine Buchrezension - von Robert H. Bork, "a professor at the Ave Maria School of Law in Ann Arbor, Michigan, and a Distinguished Fellow at the Hudson Institute in Washington, D.C."

In den USA muss man, wenn ich mich nicht irre, selbst für das Richteramt in den unteren Instanzen im jeweiligen Bezirk bzw. Wahlkreis kandidieren. Dadurch wird demokratisch gewährleistet, dass die Richter bei ihrer subjektiven Interpretation des geschriebenen Gesetzes die Werte und Weltauffassung der Bevölkerung zur Geltung bringen, über deren Alltag sie zu entscheiden haben. Dies gilt natürlich umso mehr für die höheren Instanzen und insbesondere bei verfassungsrechtlichen Fragen, die schließlich nur durch Umsetzung der subjektiven Wertvorstellungen des jeweiligen Richters beantwortet werden können.

In Deutschland wird die Sache wahrscheinlich ungefähr so geregelt wie in Israel, d.h. auf eine demokratiegefährdende Art und Weise [vgl. Kommentare von medbrain]. Ich habe hier nämlich noch keine Wahlplakate gesehen, wo sich qualifizierte Juristen für das Richteramt zur Wahl stellen. Weiß jemand, wie etwa die Richter ins deutsche Bundesverfassungsgericht gewählt werden? Geschieht das durch die demokratische Volksvertretung (Bundestag)? Werden sie, d.h. ihre jeweilige Biographie und Weltanschauung, im Vorfeld öffentlich geprüft?

Nachtrag [19.10.2007]:

Ebenfalls empfehlenswert ist Richard A. Posners Kritik an Aharon Barak und dessen Buch, die er - gewissermaßen im Anschluss an Borks Rezension - in The New Republic vom 23.04.2007 veröffentlicht hat und zwar unter dem Titel "Enlightened Despot":

http://www.tnr.com/doc.mhtml?pt=6s%2BxHps2IOThe8RrLmtgM2%3D%3D
(einfache, kostenlose Anmeldung ist erforderlich)

Dienstag, 02. Oktober 2007

Schöne Grüße vom Tel-Aviver Flughafen







Live-Blogging...

P.S.
Wussten Sie schon, dass man in Berlin-Schönefeld für den Internetgebrauch zahlen muss? Genau so wie in Warschau...

Montag, 24. September 2007

Amerika, die Juden und der Judenstaat

Nach dem heiklen Artikel vom März 2006 ziehen jetzt John Mearsheimer and Stephen Walt mit ihrem eben erschienenen Buch The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy schon wieder viel Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden behaupten, dass jüdische Organisationen, aber auch einzelne Juden in den USA die US-amerikanische Außenpolitik allzu stark zugunsten Israels beeinflussen würden, und zwar gegen das angeblich wahre Interesse der USA, die deshalb ins Visier islamischer Militanter geraten seien.

Dazu kann man viel sagen, doch bei der jetzigen Medienresonanz fehlt mir vor allem Folgendes:

1. Die treusten Freunde Israels in den USA sind nicht unbedingt die Juden, sondern vielmehr die zig Millionen ganz gewöhnliche, evangelisch-gläubige Amerikaner, die sich jenseits des verzerrten Amerikabildes befinden, das uns Hollywood gerne verkaufen möchte. Gerade bei den amerikanischen Juden kommt es oft dazu, dass sie sich (aus Angst vor möglicher Kritik?) linksextreme Meinungen zu Eigen machen.

2. Die US-amerikanische Politik lässt sich sowohl in der Gegenwart als auch in der historischen Bilanz kaum als israelfreundlich bezeichnen. Die USA haben z. B. keine Botschaft in Jerusalem, befürworten noch immer Verhandlungen mit der mörderischen Terrormiliz "Fatah" und halten Jonathan Pollard seit mehr als 22 Jahren gefangen. Nur im Vergleich mit der schlichtweg israelfeindlichen EU wirkt Amerika plötzlich "israelfreundlich". In der Tat nutzen die USA Israel aber nur aus, gleichsam einen Bauer auf dem großen Spielbrett der US-amerikanischen Weltpolitik, je nach ihrem jeweiligen Interesse.

3. Israel spielt zwar eine entscheidende Rolle bei der Erweckung des gegenwärtigen Terrorismus, aber nicht gerade deswegen, weil der eher begrenzte Kampf zwischen Israel und manchen Arabern zum Amerikahass unter gläubigen Muslimen sowie nichtgläubigen Arabern beigetragen hat. Israels "Leistung" besteht vor allem darin, dass es den islamischen Terror fast eigenhändig legitimierte und zum nachweislich erfolgreichen Kampfmittel werden ließ. Jitzchak Rabins Händedruck mit Jassir Arafat am 13. September 1993, mit dem dem Terror vor aller Welt Recht gegeben wurde, und den vierfachen Terrorangriff am 11. September 2001, mit dem das neue Rechtsgefühl auch außerhalb Israels zur Geltung kam, verbindet eine klare Linie des moralischen Verfalls: "Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit der Unterwelt einen Vertrag gemacht" (Jesaja 28:15).

Der allerwichtigste Punkt bei dieser Diskussion ist aber Folgendes:

Selbst wenn die USA wirklich israelfreundlich handelten und nur deswegen von Muslimen gehasst und angegriffen würden, gölte nichts anderes als: Idealismus kostet - nach wie vor! Ist aber die US-amerikanische Gesellschaft grundsätzlich bereit, um Werte und Moral zu kämpfen? Oder sucht sie jetzt nur noch den gemütlichen Ruhestand?

Das ist die eigentliche Frage, die gerade in Bezug auf Israel leider nirgendwo gestellt wird.

Nachtrag [25.09.2007]: Veröffentlicht auch im Zeitgeist und zwar hier.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Wie jüdisch darf der Judenstaat sein?

Nach ein paar Enttäuschungen - alle ganz meinerseits - habe ich in Berlin versucht, politische Israel-Veranstaltungen zu vermeiden. Israelis, die hierher kommen, um zu einem mehr oder weniger politischen Thema zu referieren, neigen nämlich leider allzu oft zu Linksextremismus. Es dauert dann a bissl, bis ich mich wieder beruhigt habe.

Trotzdem war ich heute in der israelicshen Botschaft mit einer Studentengruppe bei einem Vortrag von Dan Golan, dem Leiter der Kulturabteilung, über "Kulturen in Israel". Dabei hat er viel behauptet, womit ich nicht einverstanden war, aber besonders aufgefallen sind mir drei Punkte (ich zitiere aus dem Gedächtnis; das Gespräch fand auf Englisch statt, da er kaum Deutsch kann):

1. "Es gibt in der Kultur Israels keine Klassik, da der Staat erst 1948 gegründet wurde." Nach dem Vortrag habe ich darauf hingewiesen, dass es nach diesem Prinzip auch keine deutsche Klassik gäbe, da der heutige deutsche Staat, die BRD, erst 1949 gegründet und 1955 unabhängig wurde; trotzdem sind die Kulturvertretungen dieses neuen Staates weltweit nach einer Person benannt, die ja bereits 117 Jahre vor Staatsgründung starb: Goethe. "Da waren die Deutschen aber auch vorher auf verschiedene Weise souverän." Auch die Polen waren in den letzten Jahrhunderten lange nicht wirklich, nicht überall und manchmal auch halt gar nicht souverän, und trotzdem versuchen sie nicht über diese Zeit hinwegzusehen, erwiderte ich (übrigens: Was heißt hier überhaupt "souverän"? Der Dichter ist ja als solcher immer souverän!). Warum soll denn etwa die hebräische Dichtung von Jehuda HaLevi ausgeschlossen werden? "Man muss aber auch eine sprachliche Kontinuität haben", hat er mir geantwortet, "ich kann diese Texte nicht verstehen." Nanu! Diese Dichtung ist ja Pflichtlektüre an israelischen Schulen! Und außerdem ist die Sprache eigentlich dieselbe, nur wird sie heutzutage als gehoben empfunden.

Um ihn aber vor dem deutschen Publikum nicht in Verlegenheit zu bringen, habe ich ihm einfach gesagt, dass gewöhnliche Deutsche heute mittelhochdeutsche Texte ebenfalls nicht verstehen können. "Mehr kann ich nicht sagen", lautete seine Antwort - und zwar mit guten Grunde, denn eigentlich geht es nicht um das Selbstverständnis des Staates, sondern eher um seinen ganz persönlichen Wunsch, dass Israel ein "normaler", abendländischer Staat wäre, der die "Last" der jüdischen Vergangenheit nicht mehr trüge und die Juden somit "normalisieren" könnte. Und Normalisierung setzt natürlich einen neuen Anfang voraus. Also: Keine Klassik.

Anschließend hat er erzählt, dass diese Selbstbeschränkung seiner Abteilung auf Staatsbürger auch praktische Folgen hat: Als man darum gebeten hat, dass die Abteilung einen finanziellen Beitrag zu einer Ausstellung über Albert Einstein leisten würde, hat sich die Abteilung "nach langer Diskussion" geweigert, da Einstein doch kein Staatsbürger war. Nun soll man bedenken, dass Einstein, einem bekennenden Zionisten, 1952 die israelische Präsidentschaft angeboten wurde, die er allerdings ablehnte, v. a. um sich mit der Physik weiter befassen zu können. Und trotzdem: Für die Präsidentschaft war er gut genug, für finanzielle Leistungen aber nicht mehr?! Da wäre es doch besser gewesen, Mangel an Mitteln als Grund zu geben! Übrigens vererbte Einstein die Rechte auf die Nutzbarmachung seiner Person und Werke an die Hebräische Universität Jerusalem.

2. "Das israelische Recht ist nicht das jüdische Recht, sondern geht auf das britische Mandat zurück." Dies war der Zustand bis 1980, als das israelische Parlament ein Gesetz (das "Rechtsgrundlagengesetz") erließ, nach dem dem israelischen Recht nunmehr das "jüdische Erbe" zugrunde liegt, sofern die Behandlung eines Falls nicht aus israelischen Gesetzen oder rechtlichen Präzendenzfällen zu ziehen ist. Dass unsere "tollen" Richter gerne von diesem Gesetz absehen, gebe ich zu; doch dieses Gesetz gibt es immerhin! "Dazu kann ich nichts sagen", hat er geantwortet, "mir ist das besagte Gesetz nicht bekannt" - sic!

3. "Israel sei kein jüdischer Staat, sondern einer für die Juden. In Neuseeland [wo er vorher gearbeitet hat] gibt es Christen, wenige davon sind Gläubige; käme jemand auf die Idee, Neuseeland als christlichen Staat zu bezeichnen?" - Erstens steht im israelischen (allmählich zustande kommenden) Grundgesetz mehrmals, d.h. in mehreren Teilgesetzen, geschrieben, dass Israel ein "jüdischer und demokratischer Staat" ist; der Hinweis auf den Staat als "jüdischen Staat" liegt auch bereits in der Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1948 vor. Zweitens greift Neuseeland für seine Nationalsymbole (Staatsfahne und -wappen) nicht auf christliche Symbole zurück; Israel tut es doch. Diese Einwände habe ich dann aber nicht mehr vorgebracht, da er offensichtlich schon ganz irritiert war. Naja, es wäre ihm wohl lieber gewesen, wenn alle ihm einfach so geglaubt hätten.

Also? Was kann man nach solch einer Erfahrung noch sagen? Seit langem denke ich mir, dass ich kein guter Diplomat wäre, weil ich keinem Staat meine Zunge zur Verfügung stellen könnte, mit dessen Politik ich nicht unbedingt einverstanden bin. Da ist mir die eigene Meinung schon zu wichtig, um eine andere zu vertreten. Doch anscheinend kann man selbst als Diplomat weiterhin die eigene Meinung aussprechen, so extrem sie sein mag, sogar wenn sie kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Oder gilt das nur für ganz bestimmte Meinungen? Jedenfalls bin ich als Israeli sehr von Herrn Golan enttäuscht, der zumindest hätte sagen können, dass er jetzt nur seine eigene Meinung ausspricht. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass er diesen Vortrag überall in Deutschland hält...!

In der Tat folgt er aber einfach der Vision Herzls, von der ich wenig halte und die erfreulicherweise auch recht wenig mit der israelischen Wirklichkeit zu tun hat. Vielleicht schreibe ich später auch darüber.

Montag, 26. Februar 2007

Zwischen Juden und Israelis

In den letzten Jahren lässt sich immer häufiger hören, dass eine der Ursachen gegenwärtiger Manifestationen von Antisemitismus in Europa die fehlende Unterscheidung zwischen Juden und Israelis wäre. Diese Behauptung habe ich etwa bei der Diskussion im taz-Café zur Lina-Morgenstern-Schule etc. von einem Berliner Jugendstadtrat gehört, der sich auf Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen bezogen hat. Solch eine Denkweise finde ich besonders schlimm, weil sie suggeriert, dass es irgendwie doch akzeptabler wäre, wenn in Berlin (jüdische) Israelis anstatt (deutscher) Juden verfolgt würden.

Jedoch lässt sich das Verlangen nach dieser Unterscheidung auch unter Juden finden: Im Sommer 2005, bei einem Besuch in Stuttgart, habe ich einen Vortrag von Meinhard Tenné gehört, der sich darüber beschwert hat, dass die Deutschen zwischen Juden und Israelis noch immer nicht unterscheiden können (diese Aussage kann man, wenn ich mich nicht irre, auch in der Ausgabe des "Parlaments" vom 28.07.2003 nachlesen). Die Beschwerde beim Vortrag bezog sich darauf, dass die Deutschen bei der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart anrufen, um sich nach den Voraussetzungen für die Einreise nach Israel zu erkundigen. Auch mit dieser Aussage kann ich mich nicht abfinden: Wenn sich die Juden in Deutschland vom zionistischen Judenstaat abgrenzen wollen, warum lernen dann die Kinder in der jüdischen Volkshochschule in Berlin Neuhebräisch, aber kein talmudisches Aramäisch? Warum will der Berliner Rabbiner Ehrenberg, dass seine Gemeinde nach dem Schlussgebet an Jom Kippur die zionistische Nationalhymne singt? Warum kommen so viele Vorbeter aus Israel? Warum schicken sowohl die Heidelberger Hochschule als auch das Berliner Abraham-Geiger(!)-Kolleg ihre angehenden Rabbiner zur Schulung nach Jerusalem (was übrigens sogar das amerikanische Hebrew Union College macht und zwar zum Ärger vieler seiner Studierenden)? Und das sind ja nur wenige Beispiele.

Ob sich das deutsche Judentum überhaupt von Israel abgrenzen könnte, ist eine gute Frage; meiner Meinung nach eher nicht, weil es nach den heutigen Verhältnissen eine Kolonie des israelischen, daneben auch des US-amerikanischen Judentums ist - und so wird es in absehbarer Zukunft auch bleiben (mehr dazu hier). Klar ist jedoch, dass es sich nicht abgrenzen will und gar nicht abzugrenzen versucht. Bislang habe ich hier übrigens nur recht wenige Menschen kennen gelernt, die sich zum Judentum bekennen, aber keine Verwandten in Israel haben, und schon gar keine Juden, die nicht nach Israel reisen wollen. Dass sich nicht alle Juden mit Israel identifizieren, spielt im menschlichen Kopf, der seit undenklichen Zeiten verallgemeinert und es auch weiterhin tun muss, eine genauso kleine Rolle wie die Tatsache, dass nicht alle Israelis Juden sind. Mag es auch ungerecht erscheinen und bisweilen unangenehm sein: So ist es nun mal.

Mit diesem Zustand müssen die hiesigen Juden - ohne Rücksicht auf ihre jeweilige politische Anschauung in Sachen Israel - zurechtkommen. "Die Deutschen", wenn man doch verallgemeinern dürfte, sind nicht dumm, selbst wenn sie bei der Jüdischen Gemeinde wegen Visum nach Israel anrufen. Unbewusst spüren sie diese Verbindung (und wer sich deren doch bewusst wird, ruft eh nicht bei der Jüdischen Gemeinde an). Auf Hebräisch heißt es sprichwörtlich, dass man den Kuchen nicht aufessen und dennoch unversehrt beibehalten kann; das wissen vielleicht manche Stadträte und Pädagogen nicht, aber viele muslimische Jugendliche schon. Wir können es hinnehmen, wir können es ja auch leugnen, aber ändern lässt es sich anscheinend nicht.

Sonntag, 10. Dezember 2006

Hinter den Kulissen: Säkulare und homosexuelle Rabbiner

Seit 1945 ist das Judentum in Deutschland, d.h. in der BRD zwar nicht nur, aber vor allem auch in religiöser Hinsicht weitestgehend eine Kolonie zweier jüdischer Zentren: Israel und die USA (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge). An diesen beiden weltweit größten "Gemeinden" orientiert sich das religiöse Leben des deutschen Judentums und aus dort wird alles importiert, was dem hiesigen Judentum an Menschen, Gedankengut, Lehrmaterial usw. fehlt. Mit der kürzlich erfolgten Ordination von drei Reformrabbinern am Abraham-Geiger-Kolleg mögen sich neue Möglichkeiten eröffnet haben - jedoch schickt das Geiger-Kolleg die werdenden Rabbiner eben nach Israel, desgleichen die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien (da kann man zwischen Jerusalem, New York und London wählen). Daher soll man den Blick bisweilen auch nach Israel und in die USA richten.

Und dieser Blick scheint sich zu lohnen: In Israel werden am 30. Kislew - 01. Tewet 5767 (21.-22. Dezember 2006) erstmals sieben "säkulare Rabbiner" ordiniert. Allerdings wird in der Bekanntmachung nicht der herkömmliche und sonst übliche Begriff für Rabbinerordination - "Smicha" -, sondern ein sprachlich verwandter, neuhebräischer Begriff gebraucht - "Hasmacha", der eigentlich "Bevollmächtigung" bedeutet. Begründet darf die begriffliche Abweichung darin sein, dass diese Strömung als eine nichtorthodoxe in Israel amtlich nicht anerkannt wird, was aber natürlich nichts daran ändern kann, dass diese Ordination in bestimmten Kreisen eben als solche angesehen wird. Selbst ein Import aus den USA, bekommt diese Richtung jedoch eine ganz andere Bedeutung mit ihrer Ansiedlung in Israel, das in den letzten Jahren zum jüdischen Boxring schlechthin geworden ist. Selbst das amerikanische Reformjudentum, das sonst eine US-amerikanische Nationalidentität pflegt, bemüht sich um Anerkennung in und durch das zionistische Staatswesen; in Anbetracht der umfangreichen Assimilation und der demzufolge nicht mehr so allmählichen, aber erst seit kurzem zu bekämpfenden Auflösung des amerikanischen Reformjudentums ist nun dieser Wunsch bzw. Bedarf nach zumindest "halbamtlicher" Bestätigung in und durch Israel aber vollkommen verständlich.

Auch in den USA gibt es Neues, und zwar im konservativen Judentum: Vor vier Tagen, am 6. Dezember, hat das "Committee on Jewish Law and Standards" eine Entscheidung über die Annahme homosexueller Eheschließung und die Stellung homosexueller Rabbiner und Rabbinerinnen getroffen. Allerdings wirkt die Entscheidung nicht besonders "jüdisch": Von nun an darf sich jeder Rabbiner, jede Gemeinde, jede Einrichtung selbst entscheiden, ob Homosexualität am jeweiligen Ort "verkoschert", d.h. institutionalisiert wird - oder eben nicht. Homosexualität als solche ist im Judentum, wohl gemerkt, nicht verboten, sondern erst die anale Umsetzung der vielleicht nicht erwünschten, aber immerhin erlaubten Neigung (Lesbianismus gilt zwar auch als unerwünscht, ist jedoch vollkommen erlaubt). Das konservative Komitee hätte folglich eigentlich entscheiden sollen, ob Homosexualität nur zu dulden oder aber auch gleichzustellen ist. Sein Problem war jedoch, dass manche Rabbiner bereits "unerlaubt" damit angefangen haben, Gleichgeschlechtige zu trauen. Mit dieser Nicht- bzw. Unentscheidung sucht wohl das Komitee, eine mögliche Spaltung im konservativen Judentum zu verhindern; damit hat es jedoch die eigentliche Entscheidung und mithin auch die Spaltungsgefahr nur auf die nächste(n) Generation(en) verschoben.

Anscheinend ist den beiden Neuentwicklungen in Israel und den USA viel gemeinsam, denn beide weisen auf so genannten Liberalismus bzw. "Aufgeschlossenheit" hin. Wichtig ist jedoch nicht so sehr das Ereignis an sich, sondern vielmehr die Bewegung, die zu ihm geführt hat - und in dieser Hinsicht weichen die beiden Entwicklungen ziemlich stark voneinander ab: Während die Unentscheidung des konservativen Komitees die bis dahin amtlich nicht akzeptierten Homosexualität nun - scheinbar nur halbwegs, tatsächlich aber mehr - doch verkoschert hat, zeugt hingegen die Ordination der säkularen Rabbiner in Israel - m. E. zumindest - von dem Bedarf nach jüdischer Religiosität gerade unter Juden, die sonst keinen Zugang zum Judentum finden; da geht es also nicht um die Liberalisierung des sonst teils sehr orthodoxen, teils sehr orthodox gesinnten Judentums in Israel, das die neuen, staatlich nicht anerkannten Rabbiner nur auslachen würde, sondern um die Annährung derjenigen, die anderenfalls eine eher feindliche Haltung gegenüber dem Judentum haben bzw. entwickeln können. Die "Kundschaft" der neuen Säkularrabbiner besteht nämlich nicht aus Juden, die eine gewisse jüdische Identität haben, sondern gerade aus denen, die noch keine jüdische oder aber schon eine antijüdische Identität haben.

Im Hinblick auf Deutschland kann ich mir weder die eine noch die andere Entwicklung hier vorstellen. Der Grund dafür ist das in der BRD sowie in Österreich immer noch wirksame Erbe des Nationalsozialismus, der erstmals eine jüdische Einheitsgemeinde erzwang, die den Kontakt zur nichtjüdischen Regierung hat (siehe etwa den heutigen Staatsvertrag). Wie die Juden unter sich verhandeln, miteinander umgehen usw., geht die nichtjüdische Regierung nach wie vor nichts an: Der Jude kommt noch immer fast nur als solcher, ohne weitere Differenzierung vor. Nun setzt aber die Einheitsgemeinde schon Etliches voraus - vor allem Konsens; und Konsens heißt Konservativismus. Daher kann ich mir hier eine vierte "konfessionelle" Richtung im Sinne des säkularen Rabbinats - über die "heilige", weil herkömmliche "Trinität" vom orthodoxen, konservativen und liberalen bzw. reformierten Judentum hinaus - kaum vorstellen. Vor diesem Hintergrund würde ich auch die Einführung homosexueller Eheschließung - geschweige denn Rabbiner - nicht erwarten. In Deutschland ist zwar die gleichgeschlechtliche "Lebenspartnerschaft" anerkannt, aber die ziemliche Notwendigkeit, die sich manchmal in den Wunsch verwandelt, den Konsens anzustreben, d.h. den Status quo beizubehalten, wird höchstwahrscheinlich dafür sorgen, dass der religiösen Landschaft des heutigen deutschen Judentums auch diese Neuerung fernbleibt.

Dienstag, 05. Dezember 2006

Das "Manifest der 25" und seine Kritiker

Angehörige des linksextermen Flügels unter den "Juden in Deutschland" traten vor kurzem mit einem Aufruf zur Neubetrachtung und Revision der deutschen Nahostpolitik auf, der sowohl auf eigener Website als auch in der Frankfurter Rundschau vom 15. Novemeber veröffentlicht worden sind. Im Grunde genommen fordern sie die deutsche Regierung dazu auf, ihr bisheriges Verhältnis zu Israel neu zu gestalten, um sich stärker und israelkritischer für den so genannten "Frieden" zu engagieren. Begründen wollen sie ihren Appell mit dem Hinweis auf den Holocaust, "der das seit sechs Jahrzehnten anhaltende und gegenwärtig bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid über die (muslimischen wie christlichen und drusischen) Palästinenser gebracht hat". Für den Holocaust - als solchen, d.h. nicht nur den jüdischen Opfern gegenüber - hat sich das amtliche Deutschland noch verantwortlich zu fühlen, denn "[a]ls Deutsche, Österreicher und Europäer haben wir nicht nur Mitverantwortung für die Existenz Israels, die, nachdem die Geschichte nun einmal diesen Gang genommen hat [sic!], ohne Abstriche für alle Zukunft zu sichern ist, sondern auch eine Mitverantwortung für die Lebensbedingungen und eine selbstbestimmte Zukunft des palästinensischen Volkes."

Wie mir scheint, sorgten sie damit aber für Aufregung vor allem gerade unter ihren "Mitjuden" in Deutschland, denen es nicht so gut gefällt, dass die Erstunterzeichner sich in ihrer "Berliner Erklärung" als "Jüdinnen und Juden aus Deutschland" vorstellen. Zu diesem Punkt wäre nun Folgendes zu bemerken:

1. Wenn sich die Juden in Deutschland, sofern sie sich amtlich als Mitglieder bei den jüdischen Gemeinden angemeldet haben, nicht nur als gewöhnliche Bundesbürger ansehen, sondern ein Parallelverhältnis zur deutschen Bundesregierung auch und gerade als "Juden in Deutschland" pflegen wollen, können sie keine Einwände mehr erheben, wenn anders gesinnte Juden in Deutschland das gleiche tun, um ihre eigene Sichtweise somit besser zum Durchbruch zu verhelfen.

2. Die Erstunterzeichner können jedoch nur deswegen die jüdische Karte ausspielen, weil das heutige Deutschland als deutscher Nationalstaat und Nachfolgestaat des Dritten Reiches eine - ob zum Guten oder zum Schlechten - besondere Beziehung zum Judentum und erst darunter auch zum Judenstaat hat. Damit gelangen sie zu einem Widerspruch in sich, denn wenn diese Beziehung jetzt neu bewertet werden soll, um eine "richtige" Israelkritik zu ermöglichen und somit das deutsche Verhaltensmuster zu Israel schließlich doch zu normalisieren, sollte es uns als mögliche Unterzeichner ebenso wenig interessieren wie die deutsche Bundesregierung, ob diese Erklärung nun aus jüdischen oder aber aus anderen Kreisen in Deutschland stammt.

Die Erklärung an sich finde ich zugegebenermaßen gar nicht so interessant wie etwa Markus Weingardts Kritik daran, die auf die offenbar nicht nur mir bislang weniger bekannten Seiten der deusch-israelischen Beziehungen hinweist. Zum Sachverhalt würde ich aber sagen, dass die Verfasser des "Manifestes der 25" im Grunde genommen Recht haben, wenn man bedenkt, dass die herzlianisch-zionistische Vision vom modernen Judenstaat einen säkular aufgeklärten Rechtsstaat nach abendländischem Muster vorsieht. Vor diesem Hintergrund ist es vollkommen verständlich, dass sie die entsprechenden Ansprüche an den zionistischen Staatswesen stellen und auch die deutsche Bundesregierung dazu aufrufen. Ob Israel dann von einem realpolitischen Gesichtspunkt aus noch fortbestehen könnte und, was noch wichtiger ist, ob Israel diesen Erwartungen von einem "religiösen", also heilsgeschichtlichen Gesichtspunkt aus überhaupt gerecht werden sollte, sind jeweils vollkommen andere Fragen.

Trotz all ihrer argumentativen Fehler, auf die auch Michael Wolffsohn hinweist, haben also die fünfundzwanzig m. E. zumindest mit ihren Wünschen Recht, solange man - allerdings ganz axiomatisch - davon ausgeht, dass der Staat "Israel" ein abendländisch-säkularer Judenstaat sein soll; in diesem Fall soll sich Deutschland tatsächlich als für die noch immer aktuellen "Spätfolgen des Holocaust" in Palästina mitverantwortlich betrachten und sich nicht zuletzt auch aufgrund seiner eigenen moralgeschichtlichen Erfahrung für die zweifelsohne heftig unterdrückten und schwer leidenden Palästinenser einsetzen. Sobald man sich jedoch vorstellt (und wenn ihr wollt, ist es ja kein Märchen), dass der abendländische Judenstaat "Israel" noch zum auf die eine oder andere Weise wahrhaft jüdischen "Staat Israels" werden kann, soll und realpolitisch betrachtet vielleicht auch muss, hat das Manifest all seine politische Bedeutung verloren und ist einfach zu noch einer europäischen Kuriosität geworden, denn es soll dann den Israelis ja sowieso vollkommen egal sein, was die deutsche Bundesregierung zu sagen hat. So oder so besteht seine eigentliche Bedeutung nicht in der Reaktion der deutschen Bundesregierung darauf, sondern gerade in der öffentlichen Diskussion darüber. Wünschenswert wäre also, dass das öffentliche Interesse daran nicht allzu schnell erlöscht.