Montag, 26. Februar 2007

Zwischen Juden und Israelis

In den letzten Jahren lässt sich immer häufiger hören, dass eine der Ursachen gegenwärtiger Manifestationen von Antisemitismus in Europa die fehlende Unterscheidung zwischen Juden und Israelis wäre. Diese Behauptung habe ich etwa bei der Diskussion im taz-Café zur Lina-Morgenstern-Schule etc. von einem Berliner Jugendstadtrat gehört, der sich auf Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen bezogen hat. Solch eine Denkweise finde ich besonders schlimm, weil sie suggeriert, dass es irgendwie doch akzeptabler wäre, wenn in Berlin (jüdische) Israelis anstatt (deutscher) Juden verfolgt würden.

Jedoch lässt sich das Verlangen nach dieser Unterscheidung auch unter Juden finden: Im Sommer 2005, bei einem Besuch in Stuttgart, habe ich einen Vortrag von Meinhard Tenné gehört, der sich darüber beschwert hat, dass die Deutschen zwischen Juden und Israelis noch immer nicht unterscheiden können (diese Aussage kann man, wenn ich mich nicht irre, auch in der Ausgabe des "Parlaments" vom 28.07.2003 nachlesen). Die Beschwerde beim Vortrag bezog sich darauf, dass die Deutschen bei der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart anrufen, um sich nach den Voraussetzungen für die Einreise nach Israel zu erkundigen. Auch mit dieser Aussage kann ich mich nicht abfinden: Wenn sich die Juden in Deutschland vom zionistischen Judenstaat abgrenzen wollen, warum lernen dann die Kinder in der jüdischen Volkshochschule in Berlin Neuhebräisch, aber kein talmudisches Aramäisch? Warum will der Berliner Rabbiner Ehrenberg, dass seine Gemeinde nach dem Schlussgebet an Jom Kippur die zionistische Nationalhymne singt? Warum kommen so viele Vorbeter aus Israel? Warum schicken sowohl die Heidelberger Hochschule als auch das Berliner Abraham-Geiger(!)-Kolleg ihre angehenden Rabbiner zur Schulung nach Jerusalem (was übrigens sogar das amerikanische Hebrew Union College macht und zwar zum Ärger vieler seiner Studierenden)? Und das sind ja nur wenige Beispiele.

Ob sich das deutsche Judentum überhaupt von Israel abgrenzen könnte, ist eine gute Frage; meiner Meinung nach eher nicht, weil es nach den heutigen Verhältnissen eine Kolonie des israelischen, daneben auch des US-amerikanischen Judentums ist - und so wird es in absehbarer Zukunft auch bleiben (mehr dazu hier). Klar ist jedoch, dass es sich nicht abgrenzen will und gar nicht abzugrenzen versucht. Bislang habe ich hier übrigens nur recht wenige Menschen kennen gelernt, die sich zum Judentum bekennen, aber keine Verwandten in Israel haben, und schon gar keine Juden, die nicht nach Israel reisen wollen. Dass sich nicht alle Juden mit Israel identifizieren, spielt im menschlichen Kopf, der seit undenklichen Zeiten verallgemeinert und es auch weiterhin tun muss, eine genauso kleine Rolle wie die Tatsache, dass nicht alle Israelis Juden sind. Mag es auch ungerecht erscheinen und bisweilen unangenehm sein: So ist es nun mal.

Mit diesem Zustand müssen die hiesigen Juden - ohne Rücksicht auf ihre jeweilige politische Anschauung in Sachen Israel - zurechtkommen. "Die Deutschen", wenn man doch verallgemeinern dürfte, sind nicht dumm, selbst wenn sie bei der Jüdischen Gemeinde wegen Visum nach Israel anrufen. Unbewusst spüren sie diese Verbindung (und wer sich deren doch bewusst wird, ruft eh nicht bei der Jüdischen Gemeinde an). Auf Hebräisch heißt es sprichwörtlich, dass man den Kuchen nicht aufessen und dennoch unversehrt beibehalten kann; das wissen vielleicht manche Stadträte und Pädagogen nicht, aber viele muslimische Jugendliche schon. Wir können es hinnehmen, wir können es ja auch leugnen, aber ändern lässt es sich anscheinend nicht.

9 Kommentar(e):

Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

Interessantes Thema, was du ansprichst.
Ich persoenlich bin mir nicht sicher, ob deutsche Juden wirklich einen intensiven Bezug zu Israel haben. Vielleicht hat man hier Verwandte, kommt mehrmals im Jahr nach Israel, feiert den Unabhaengigkeitstag etc. Aber wieviele von den deutschen Juden sind wirklich bereit, einige Jahre in Israel zu leben, geschweige denn Aliyah zu machen ?

Vor sechs Jahren bemaengelte dies ein Jewish Agency - Mitarbeiter in einem persoenlichen Gespraech mit mir. Es ging dabei um die abweisende Haltung deutscher Juden, ein High - School - Jahr in Israel zu verbringen.
Wer weiss, vielleicht habe ich ja Unrecht, was ich mir uebrigens wuenschen wuerde.

Ich kann dennoch ein weiteres mir negativ aufgeschlagenes Beispiel geben:
Im Herbst 1999 erlebte ich in meiner ehemaligen Gemeinde, dass die nun 1. Vorsitzende jener Gemeinde, einen weiteren Israeli und mich in die hinteren Sitzreihen eines Buses verbannte, weil wir uns auf Hebraeisch unterhielten. Die Israelis sollen sich woanders hinsetzen, weil das jetzt hier stoere, so die Dame.

Hoffentlich hat sich seither was veraendert.

Miriam

Schoschana hat gesagt…

Ich kann nicht bestätigen, daß deutsche Juden eine "abweisende Haltung" haben, was ein High-School-Jahr in Israel bzw. Israelaufenthalte zwecks Studium o.ä. angeht. Eher im Gegenteil. Um mich herum, ob Freunde, Verwandte oder Bekannte, sind dauernd Leute, die nach Israel gehen, für kurze oder auch lange Zeit (myself inclusive) - nicht wenige bleiben sogar ziemlich lang - oder die letztendlich definitiv Alijah machen. Ich denke, die Beziehung sog. "deutscher" Juden - was mit "deutscher Jude" nun genau gemeint ist, ist noch zu klären - zu Israel ist auf ganz verschiedene Weise intensiv. Fast jede/r hat Verwandte, Besuche von hier nach da und umgekehrt sind häufig und das ist AUCH eine Beziehung. Ich finde den Vorwurf, daß deutsche Juden keine Beziehung zu Israel haben, weil sie (noch) keine Alijah in größerer Zahl machen so überflüssig, wie Reformern vorzuwerfen, sie wären nicht religiös, und Orthodoxen, sie wären immer konservativ (im Sinne von unmodern).
Meine Erfahrung mit der Jewish Agency ist auf jeden Fall die, daß bei jungen Leuten noch aktiv beworben wird, bei Leuten über 35 wird's dann schon weniger mit der Begeisterung - und haben die dann noch den falschen Beruf, wird peinlich berührt zur Seite geschaut :) (habe ich selbst erlebt).

Naja und die Geschichte mit der Gemeindevorsitzenden (ich vermute, daß ich sogar weiß, um wen es sich da handelt) ist so illuster wie die Geschichte mit Meinhard Tenné. Leider meinen manche Leute eben immer, sie wüssten ganz genau, was gut für uns ist und daß sie uns gut vertreten.
Die mich noch interessierende Frage ist - habt ihr Euch denn tatsächlich in die hinteren Sitzreihen verbannen lassen? Zum Verbannen gehören hierzulande immer zwei ...

Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

Ich halte es da lieber mit Rav Kook.

Miriam

Anonym hat gesagt…
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Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

Das ist doch endlich mal ein Vorschlag.....:-))))

Yoav A. Sapir hat gesagt…

Liebe Miriam,

ich habe nicht verstanden, worauf du dich mit Kuk beziehst (und um welchen der beiden es geht).

Yoav

Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

Um den ersten Kook. Um Avraham Yitzchak und seine Ideen ueber den Zionismus. Habe wohl zulange in Kiryat Moshe gelebt.:-)

Miriam

Yoav A. Sapir hat gesagt…

Liebe Miriam,

irgendwie verstehe ich nicht, was Kuks Meinung zum seinerzeitigen Zionismus mit dem hiesigen Thema zu tun hat...

a gutn schabbes
Yoav

P.S. In Kiryat Moshe man höchstens ÜBERleben...

Yoav A. Sapir hat gesagt…

Errr: *kann* man höchstens usw.