Mittwoch, 5. Dezember 2007

Chanukka und jüdische Identitäten

Wie kein anderes Fest (mal abgesehen davon, dass Chanukka nach jüdischem Recht kein richtiges Fest ist) wirft Chanukka Fragen nach jüdischem Geschichtsbewusstsein und der damit zusammenhängenden Erinnerungsarbeit auf. Hinter den Kulissen findet man einen vornehmlich innerjüdischen Krieg, in dem die von Gott unterstützten Extremisten gegen die von den Seleukiden unterstützten Assimilierten gekämpft und Letzere besiegt haben. Kurz danach haben sich die siegenden Hasmonäer selbst - aus realpolitischen Gründen - gewissermaßen in die weitgehend griechisch geprägte Umwelt assimiliert. Schließlich wurden die blutig erkämpften Errungenschaften 101 Jahre später (63 v. u. Z.) an die Römer verloren. Weiteres dazu steht im Internet wohl reichlich zur Verfügung, also erlaube ich mir gleich auf den Punkt zu kommen: Was macht man heutzutage mit diesem Erbe? Was soll eigentlich gefeiert werden? Welches Geschichtsbewusstsein soll gepflegt werden?

Im frührabbinischen Judentum wurde der Schwerpunkt verlegt: vom militärischen Sieg und der damit verbundenen Wiedereinweihung des Tempels (daher "Chanukka" - Einweihung) auf ein wohl zurückprojiziertes Ölwunder, das kaum eine (und aus wissenschaftlicher Perspektive: wohl keine) der alten Quellen kennt. Diese Form der Erinnerungsarbeit setzte sich jedoch durch und bildet die Grundlage des uns bekannten Festes.

Im Zionismus ist das Fest, wie es sich in einer nationalen Bewegung gehört, neu bewertet worden: Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bedrohungen - nationale und kulturelle Assimilation einerseits, religiös-traditionelle Passivität andererseits - sind die Bekämpfung der Assimilation sowie die physisch-militärische Kühnheit als solche hervorgehoben worden, während die Wundergeschichte - als Quintessenz des Religiösen - beiseite geschoben worden ist.

Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Bemühungen des Rabbiners S. J. L. Rapoport um eine Synthese, eine orthodoxe Neubewertung des Chanukka-Festes und dessen Geschichte im Sinne eines bewusst gläubigen Nationalismus. Allerdings war er seinerzeit eher eine Ausnahme, die kaum rezipiert wurde (nebenbei bemerkt: auch heute steht er noch - vollkommen unberechtigterweise - am Rande des wissenschaftlichen Augenmerks).

Interessanterweise hat es die Geschichte so gewollt, dass die Tempelfrage im heutigen Israel wieder eine zenrale Rolle spielt, und zwar nicht mehr als Sinnbild der traditionellen, anti-nationalen Passivität, sondern gerade im Einklang mit dem neuen jüdischen Nationalismus. Dieser Zustand, der jetzt zum ersten Mal "seit 2000 Jahren" wiederkehrt, spieglt den Geist dieses Festes eigentlich am treffendsten wider: Die Bestrebung geistiger, weil religiöser und kultureller Ziele durch irdische, d.h. physische und politische Mittel.

Dies stellt jedoch eine große Herausforderung für Juden dar, die weder im militärischen Nationalismus noch im kulturell-religiösen Extremismus der Makkabäer ein festlich zu gedenkendes Vorbild erblicken wollen. Doch allzu leicht lässt sich dieses Fest nicht umdeuten.

Leider wird die Bedeutung dieses Festes an den meisten Orten vertuscht und die Fragen, die es aufwirft, i. d. R. gänzlich vermieden. Es wäre aber schön, wenn jüdische Gemeinden sich nicht nur mit Latkes (dt. Kartoffelpuffer) und Sufganijot (dt. Berliner Pfannkuchen), sondern auch mit Geschichtsbewusstsein und Erinnerungspolitik befassen würden.

Mehr zum Thema findet ihr in meinem vorjährigen Beitrag.

Und in diesem Sinne: Gut Chanukka!

P.S. Chanukka - alternativ (neue Komposition von Viktor Esus; man muss einige Sekunden warten, bis die Werbung vorbei ist. Hebräischlesende finden Weiteres dazu hier):

5 Kommentar(e):

Yankel Moishe hat gesagt…

In al-haNissim, das wir an
Chanukkah mindestens dreimal
täglich rezitieren,
ist von einem Öl-Wunder übrigens
keine Rede, nur von einem
militärischen Sieg.

Hast Du mal den Text von Maos Zur
(alle Strophen) gelesen?
Was wird durch die acht (Tage) symbolisiert?
Anscheinend geht es an Chanukkah bei genauerem Hinsehen um mehr.

YM

Yoav Sapir hat gesagt…

Lieber Yankel,

mir ist unklar, wogegen du den Einwand genau erhoben hast. Aber ich lasse mich vorerst einfach darauf ein:

1. Es stimmt zwar, dass im Text das Wort "Öl" nicht erwähnt wird, aber es ist von der Anzündung der Kerzen die Rede, und diese waren aus Öl. Im Übrigen ist es Brauch, zu Chanukka richtige Ölkerzen anzuzünden.

2. Interessanterweise ist es gerade der militärische Sieg, der in dem Chanukka-spezifischen Text nicht ausdrücklich erwähnt wird. Ganz im Gegenteil: Die Rettung wird ausschließlich Gott zugeschrieben ("du hast ihren Kampf durchgeführt" bzw. "für ihre Sache gekämpft").

3. Nur in der allgemeinen "Einleitung", die Purim und Chanukka gemeinsam ist, werden ganz pauschal "Kriege" bzw. Kämpfe erwähnt, und das auch erst am Ende. An erster Stelle stehen die "Wunder", mit denen wohl nicht das Militärische gemeint sein kann, denn sonst hätte man es nicht am Ende erwähnt.

4. Die Verdrängung des Militärischen bezeugt auch die Tatsache, dass die Makkabäerbücher nicht in den jüdischen Kanon aufgenommen worden sind - im Gegensatz zur Estherrolle. Dies geht eben auf die Betonung des Militärischen in diesen Büchern zurück. Den alten Weisen ging es aber darum, das Rabbinische hervorzuheben. Die Hasmonäertradition stand mit dieser Weltauffassung nicht im Einklang.

5. Zur weiteren Lektüre darüber, wie Chanukka im rabbinischen Judentum interpretiert wird und um welches Wunder es sich in dieser Auffassung handelt, verweise ich dich auf den Babylonischen Talmud: Schabbath 21b ("mai chanukka?" - was ist Chanukka).

6. Deine Frage zu den acht Tagen bedürfte eines ganzen Beitrages. In der rabbinischen Literatur hängen sie am engsten mit dem Öl-Wunder zusammen (s. ebenfalls am besagten Ort im babylonischen Talmud). Das Wunder selbst wird in verschiedener Weise erklärt. Leider habe ich aber keine Zeit, um darauf näher einzugehen. Wenn du über Josef Karos "Beit Josef" verfügst, kannst du da anfangen (in §670). Es kann aber auch sein, dass die acht Tage damit zusammenhängen, dass der erste Tempel zu Sukkoth (7 Tage + 1 Tag Azeret) eingeweiht wurde. Für solche Einweihungen gibt es in der Bibel noch mehr Beispiele. Wie heißt es in akademischen Kreisen? "Dazu könnte man ein ganzes Seminar anbieten."

Hoffentlich kann dir das alles weiterhelfen.

Chanukka sameach!

Yoav

Yankel Moishe hat gesagt…

1. Ich meinte das spezifische Öl-Wunder. IMHO bezieht das "Wunder" in der Einleitung auf den Sieg. Denn am Ende heisst es lapidar, dass sie Lichter im Hof des Tempels anzündeten, ohne Referenz auf G-tt, im Unterschied zur Beschreibung des Kampfes.
2. Na klar wird der Erfolg
G-tt zugeschrieben. Wem auch sonst?
Das Wort "Sieg" kommt zwar nicht vor, sondern Umschreibungen, z. B. "gabst viele in die Hand weniger".
5.+6. Ich bezog mich speziell auf die Zahlensymbolik z. B. bei Maharal.

YM

Yoav Sapir hat gesagt…

Es fällt mir jetzt auf, dass ich vergessen habe, meine Antwort bzgl. Maos Zur aufzuschreiben: In der Strophe, die sich auf Chanukka bezieht, geht es ganz und gar um das Öl, ja eigentlich um nichts anderes als das Öl...

Zu deinem zweiten Kommentar:

Ich habe ja nicht behauptet, dass im rabbinischen Judentum der militärische Askept geleugnet, sondern dass der Schwerpunkt verlegt wurde. Trotzdem lasse ich mich auf deine Einwände erneut ein:

1. Wenn mit dem Wunder am Anfang ein Sieg im Makkabäerkrieg oder einfach in irgendeinem Krieg gemeint ist - wie lässt es sich nun mit Purim vereinbaren, wo das große Wunder gar nichts mit einem Krieg zu tun hatte? Es kam zwar zu sporadischen "Verteidigungsmassaker" bzw. Kämpfen, aber ganz am Rande - und von einem militärischen Sieg kann da keine Rede sein.

2. Es gibt in al-hanissim keine Kampfbeschreibung im militärischen Sinne. Die Bezugnahme ist weitgehend vergeistigt und auf Gott bezogen: "Gabst viele in die Hand weniger" - damit wird eben von den militärischen Errungenschaften der Makkabäer abgelenkt. Und schließtlich führt der Text nicht zu einem militärischen Sieg, sondern zum "Eigentlichen" - dem Tempel.

3. "ohne Referenz auf Gott" - kann ich nicht nachvollziehen, weil das Possessivpronomen "Dein[e/em]" kommt in diesem Satz nicht weniger als sechs Mal vor und weist stets auf Gott hin.

4. Zahlensymbolik etc. - hiermit verliere ich den Faden schon vollkommen: Inwiefern hat es mit dem obigen Beitrag zu tun? Jedenfalls: Wenn ich über die Pflege von tatsächlichem Geschichtsbewusstsein schreibe, hat es nichts mit der mystischen Metageschichte des Maharal zu tun...

Anonym hat gesagt…

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