Sonntag, 6. Jänner 2008

Vorsehung: Unbedingt positiv?

Wie in wohl fast jeder religiösen oder philosophischen Lehre ist die Frage nach der göttlichen Einmischung in die Weltgeschehnisse auch im jüdischen "Bücherregal" ziemlich oft aufgegriffen worden.

Im Grunde genommen wird zwischen allgemeiner und individueller Vorsehung unterschieden. Allgemeine Vorsehung bedeutet, dass Gott sein Augenmerk auf die Wesensart als solche richte, d.h. nicht auf jedes einzelne Lebewesen innerhalb der Art, z. B.: Gott habe den Löwen als eine Tierart geschaffen und befasst sich seit der Schöpfung nicht mehr damit, was sich in dem Leben jedes einzelnen Löwen abspielt (daher wird die allgemeine Vorsehung manchmal auch als das Fehlen von Vorsehung bzw. als die Vorherrschaft der Zufälligkeit im Rahmen der von Gott bestimmten Naturgesetzte beschrieben). Demgegenüber bedeutet individuelle Vorsehung, dass Gott alles zur Kenntnis nehme, was der Einzelne tut, und dementsprecehend das Leben dieses Einzelnen gestalte; darauf beruht z. B. der Glaube an Belohnung und Bestrafung (für Verdienste bzw. Sünden).

Zwischenbemerkung: Die reformchristliche Prädestinationslehre, in der alles Geschehende einerseits von Gott ausgehe, andererseits aber nicht auf die Entscheidungen des Einzelnen zurückzuführen, sondern noch vor der Schöpfung der Welt vorherbestimmt worden sei, hat meines Wissens kein jüdisches Gegenstück.

Was die Einzelheiten betrifft, so gehen die Meinungen auseinander. Maimonides hat geglaubt (Moreh Newochim III Kap. 17-18), dass die individuelle Vorsehung nur bei Menschen möglich sei und dass der Grad der Vorsehung bzw. das Ausmaß der göttlichen Einmischung in das Leben des Einzelnen sich nach dem Weisheitsgrad desselben richte (wenn ich mich nicht irre, bilden bei Maimonides Weisheit und Vorsehung verschiedene Aspekte von ein und demselben: der Nähe zu Gott, der die Weisheit an Einzelne verschenkt und mithin auch besser auf diese aufpasst).

Andere (insbesondere im essentialistischen Gedankengut des Chassidismus) sind der Auffassung, dass die individuelle Vorsehung sich auf Israel beschränke und zwar ganz abgesehen vom jeweiligen Weisheitsgrad (hier kann man schon merken, dass in manchen chassidisch-kabbalistischen Lehren Israel aus der Menschheit herausgehoben, die Menschen dabei als höchstes aller tierischen Lebewesen angewesen werden; aber das ist ein anderes Thema).

So weit also die diesmalige Verallgemeinerung. Und warum bin ich darauf überhaupt eingegangen? Weil in den jetzigen Wochenabschnitten (der letzten Woche: "Wa'era"; der jetzigen: "Bo") Gott sich auf eine Art und Weise einmischt, die man immer wieder neu hinterfragen muss. Er fügt nämlich den an diesem Weltgeschehnis eigentlich kaum beteiligten Bewohnern Ägyptens ganz ganz harte Plagen zu, obwohl:

1. es nur der Pharao ist, der Israel nicht ausziehen lässt, und
2. Gott selbst derjenige ist, der den Pharao daran hindert, Israel ausziehen zu lassen.

Und wozu das Ganze? Damit Gott auf diese Art und Weise seine Macht verkündet (vgl. 2. Mose 7:3, 10:1), d.h. damit er sich Ruhm und Ehre verschafft (vgl. etwa 2. Mose 14:4 - gehört schon zum nächsten Wochenabschnitt bzw. zur Seedurchquerung). Von einer (gerechten) Bestrafung kann hier also keine Rede sein (und die Kommentatoren geben sich tatsächlich Mühe, Rechtfertigungen zu finden).

Was haben hier also mit einer Gottesvorstellung zu tun, in der Gott einen Menschen dazu zwingt, ihm den Anlass zu geben, diesen einen und zahlreiche andere zugleich ebenso grausam wie zusammenhangslos zu verfolgen. Vergleicht man es mit anderen Bibelstellen, etwa mit Jesaja 6:9 ff (wo Gottes Zorn gegen das eigene Volk gerichtet wird, während dieses von Gott nunmehr dazu verurteilt wird, nicht zu verstehen, sich nicht zu bekehren und nicht heilen zu lassen), so gewinnt man den Eindruck, dass dieses "Spiel mit sich selbst" auf Kosten lebendiger Menschen eigentlich ein Charakteristikum dieser Gottheit ist, zumindest in der damaligen Zeit.

Inwiefern dieses Verhalten für damalige Götter typisch oder aber das Privilegium einer alleinigen Gottheit war, vermag ich nicht zu sagen; dazu kenne ich mich mit altorientalischer Religiongeschichte kaum gut genug aus. Aber selbst wenn diese Geschichte keine Ausnahme bildet, bleibt eine Frage schweben:

Ist es immer bzw. unbedingt gut, mit göttlicher Vorsehung versehen zu werden? Oder funktioniert die Schöpfung manchmal ungefähr so wie jedes hierarchische System: Je seltener man ins Visier des Chefs gerät, umso geringer sind die Chancen, dass es einem schlecht geht?

2 Kommentar(e):

CresceNet hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Anonym hat gesagt…

Hi Yoav,

das Wort Vorsehung ist doch ganz nahe an dem Wort Vorhersehen. Und im Leben ist es doch so: je mehr Erfahrung, Geschichtskenntnisse, Urteilskraft, Menschenkenntnis, ... man hat, desto genauer kann man bestimmte Dinge vorhersehen, aber nie alles. So glaube ich das jedenfalls. Daß Menschen wahre Propheten sein können, die tatsächlich die Zukunft vorhersehen können, glaube ich nicht, weil ich an keinen Determinismus glaube, dazu ist mir der Kosmos zu kreativ, zu wild, zu kunterbunt, zu launisch, ... einfach alles, wozu für mich auch die jeweilige, aber nie die totale Freiheit gehört. Aber das sind ja alles Glaubensformen und ob der Mensch jemals irgendetwas über einen Gott und dann auch noch, was der denkt, vorhat, wie er mit sich selber so zurecht kommt, wenn ihm grad langweilig ist ... , wissen kann, das ist doch auch eine Glaubensfrage. Für mich ist es immer etwas verdächtig und unehrlich, wenn jemand vorgibt, ganz genau zu wissen, was Gott will oder mit jemandem vorhat. Wenn sich jemand damit glücklicher fühlt, bitteschön, aber bitte nicht auf Kosten von anderen überheblich sein. Es ist doch immer Dummheit, wir könnten auch sagen: eine Strafe Gottes, wenn jemand sein eingebildetes oder auch tatsächliches Bessersein in irgendeiner Beziehung nicht mehr kritisch sehen, vergleichen und auch als Strafe Gottes sehen kann, oder nicht?

Mit freundlichen Grüßen,
Christoph.Hans.Messner@gmx.de