Freitag, 4. Jänner 2008

Von Gott, dem Glauben und dem Rabbinerberuf: Vorschabbesdike Reflexionen

Gott.

Was ist "Gott"?
Was oder wer ist er/sie/es in seiner jetzigen Beziehung zu mir? zu dir?
König? Vater?
Freund? Feind?
Eine Mischung?
Was ganz anderes?
...darf sich jeder, muss sich keiner fragen.

Aber lässt sich überhaupt eine Aussage machen, die über den jetzigen Augenblick hinausgeht, ohne dabei, wenn nicht gerade dadurch, in die Gefahr des Dogmatismus zu geraten?

*

Mit der Glaubensfrage darf es nichts zu tun haben. Denn die Glaubensfrage ist genauso irreführend wie die nur scheinbar positive, hierzulande gar nicht so seltene Feststellung, Israel habe ein Recht zu existieren: Wenn schon, dann hat Israel aber das Recht darauf, dass über sein Existenzrecht nicht (mehr) diskutiert würde.

Die Glaubensfrage sieht bereits von ihrem Ansatz an völlig von Gott ab. Sie konzentriert sich auf einen innermenschlichen Diskurs, bei dem Gott nur die Kulisse bilden und nie die Bühne betreten darf. Es ist gleichgültig, wie man auf die Frage antwortet: Man hat Gott schon objektiviert. Es ist gleichgültig, woran man jeweils glaubt: Indem man sich den eigenen Glauben definiert hat, ist dieser schon dogmatisch geworden.

Die Glaubensfrage erwartet dort eindeutige Antworten, wo die Wirklichkeit keine zulässt.

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Wenn Rabbiner nicht nur in ihrer juristischen Funktion denjenigen Rechtsanweisungen erteilen, die sie erhalten wollen, sondern in ihrer seelsorgischen bzw. geistlichen Funktion auch von "Gott" reden: was wissen sie dann, was können sie eigentlich von der Beziehung wissen, die Gott zu anderen hat?

Also - sagt der Modernist - brauchen wir keine Rabbiner mehr.

Aber doch, antwortet der postmoderne Existenzialist: Denn gerade die Rabbiner dürfen diejenigen sein, die genug wissen sollen, um zu wissen, dass sie von der geistigen Wirklichkeit der anderen, von deren Begegnungen mit Gott, von Gottes Beziehungen zu ihnen im Grunde genommen nichts wissen und dies als Menschen auch nicht wirklich wissen können. Nur solche sind imstande, die Gemeinden vor irreführendem Dogmatismus zu schützen, ob dem orthodoxen, dem liberalen oder einem andersartigen.

Dort, wo einer meint, Gott sei böse/gut, Frauen sollten mit den Männern gemeinsam beten oder dies gerade meiden, an der mündlichen Lehre müssten grundsätzliche Änderungen/dürften keine solchen vorgenommen werden usw. usf.: Dort ist es die Aufgabe des Ortsrabbiners, die jeweils andere Seite der Medaille zu erklären.

Schließlich muss die Praktik von der Gemeinde bzw. von jedem einzelnen Mitglied als freiem Menschen "mit den Füßen" gebilligt werden. Eine "Formel für alle" gibt es nicht - und es ist auch gut so. Daher darf sich die Synagoge nicht exklusiv verhalten. Die Praktik darf und soll abgewechselt werden, je nach dem Wunsch und der Initiative der Gemeindemitglieder: Ein guter Rabbiner steht ihnen bei der Verwirklichung ihrer Ideen zur Verfügung.

Wenn einer eindeutige Antworten bekommen will, wird es zur Aufgabe des Rabbiners erstens zu veranschaulichen, dass es im Bereich des Geistigen keine geben kann, und zweitens dem Fragenden zur geistigen Eigenständigkeit zu verhelfen. Denn das Bedürfnis nach übermäßiger Eindeutigkeit weist - nicht nur im geistigen, sondern etwa auch im zwischenmenschlichen Bereich - auf Wackeligkeit im entsprechenden Bereich innerhalb der eigenen Persönlichkeit hin. Das schlimmste, was der Rabbiner in solch einer Situation machen kann, ist diese gefährliche Tendenz nur noch zu stärken.

Es ist die Aufgabe des Rabbiners wie des Lehrers und des Dozenten: Den Mitmenschen, die es wollen, dorthin zu helfen, wo sie keines mehr bedürfen.

Eigenständigkeit und verantwortungsvolle Souveränität beim schwierigen Umgang mit dem Göttlichen nicht nur aufzuweisen, sondern auch zu verbreiten: Das wären meine Erwartungen von einem Rabbiner im 21. Jahrhundert.

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Jüdisch zu leben, das heißt: Den immer währenden Fragezeichen nicht zu entfliehen, weder den verlockenden Antworten des Glaubens noch der trügerischen Einfachheit des Atheismus zu verfallen.

1 Kommentar(e):

Ohne_mich_kein_Gott hat gesagt…

Hi Yoav,

sehr schön und wahrhaftig geschrieben!
Was heißt eigentlich vorschabbesdike auf deutsch?
Die Sache mit dem Gott als Einzigen, als Schöpfer, als Allmächtigen, als etwas, woran ich glauben soll, auf daß dieser Glaube der einzige sein soll, der wahr, gut, in Ordnung usw. sein soll, ... da hat es bei mir immer Zweifel gegeben. Glauben kann man doch an etwas nur, das man auch in Zweifel ziehen kann, oder nicht?
Dennoch bejahe ich, daß diese ganze Welt, so wie sie mir erscheint, ein Mysterium ist, in dem es viele Mysterien gibt, das Eine, das Sein, das Nichts, das Dialektische, das Multipolare, das ganze Leben, die Sterne, meine Existenz in Bezug zur Transzendenz, meine Fragen, warum ich immer derselbe bin und warum das Leben oft sehr schmerzhaft verläuft ...
Also das ganze Denken im Raum aller Denkmöglichkeiten immer wieder an dieses Eine, dieses Alleinige, genannt Gott, zu binden, lenkt es uns nicht immer wieder von der Welt ab, so wie sie ist und auch so wie sie vielleicht sein könnte und dann auch noch alle möglichen anderen Welten, die sich uns nur dann erschließen, wenn wir nicht dogamtisch an dieser einen als die beste festhalten, sondern tausend weitere uns ausdenken können, die es ja vielleicht tatsächlich irgendwo geben könnte ... ?
Also ich finde, der "Baumeister aller Welten" bei den Freimaurern und der eine "Gott" bei Christen, Juden, Muslimen und das Nichts der Buddhisten und die vielen Götter bei den Hindus ...
sind doch als Ausgesprochenes alles eher diesselbe Reduzierung im Denken und Glauben, aber als erlebte und gelebte Erfüllung im Leben sind sie doch als sie selbst völlig ausreichend und es gibt keinen Grund mehr, darüber zu streiten.
Ein guter Rabbiner weiß, daß ein Besserwissen um Gott als andere nicht möglich ist.

Gruß von Christoph.Hans.Messner@gmx.de