Freitag, 19. Jänner 2007

Wir sind keine Porzellanmenschen

Eine der Sachen, die mich hier am meisten stören, sind die Polizisten und sonstige Wächter, die vor jüdischen Einrichtungen stehen bzw. am Eingang die Besucher kontrollieren. Dieses Phänomen kommt zugegebenermaßen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas vor, und selbst in Israel wird man überall kontrolliert. In Israel begegnen einem diese Schutzmaßnahmen jedoch nicht gerade an "jüdischen Orten", sondern in Einkaufszentren, auf Bahnhöfen usw., wo sie immerhin aufs Strengste abzulehnen sind: In dem Moment, wo sich die Juden selbst ghettoisieren, haben unsere Feinde den qualitativen Sieg schon erreicht, und es ist dann vollkommen gleichgültig, wie viele sie dann auch tatsächlich ermordet haben. Unseren Lebens-, sprich: Kampfwillen haben sie somit bereits überwältigt. Dass die israelischen Streitkräfte in der Regel nur reagieren, also erst dann zurückschlagen (von richtigen Kampfleistungen ganz und gar zu schweigen), nachdem der Feind "erfolgreich" gewesen ist, zeigt allzu deutlich, wie sehr sich die Juden in Israel an die Selbstghettoisierung, d.h. an die ständige Kontrolle und Überwachung gewöhnt haben, wie sehr sie also eigentlich zu kapitulieren bereit sind - so sehr, dass sie auf diese unmögliche Art und Weise auch weiterhin leben könnten und eine militärische Reaktion, wie gesagt, erst nach einem vermeintlich erfolgreichen Einsatz des Feindes fordern, obwohl der Feind schon in dem Moment gewonnen hat, als sie die Selbstghettoisierung hinnahmen.

Das gilt nun umso mehr für die Diaspora, insbesondere aber für Deutschland. Dass Juden hier wieder leben, ist ja nicht selbstverständlich, wie etwa am Staatsvertrag zu erkennen ist. Vor allem wird jedoch die Verantwortung der Bundesregierung für die Sicherheit der deutschen Juden vorausgesetzt. Dass diese in keinem Gesetz festgeschrieben steht, ist leicht erklärlich: Die Bundesregierung sowie die Landesregierungen sind für die Sicherheit aller Deutschen, ja der ganzen Bevölkerung verantwortlich und dürfen hier nicht differenzieren; sonst würde sich jeder Deutsche fragen, warum die Juden besser geschützt werden sollten als er. In der Tat sind aber die Juden aus politischen Gründen doch besser als andere zu schützen, wovon die bloßen Schutzmaßnahmen zeugen, die mich so ärgern. Ob sie aber über die Kosten hinaus auch richtig und wirksam sind?

Meiner Ansicht nach sind es gerade diese Maßnahmen, die einen Kreis um die Juden herum zeichnen und diese somit als Angriffsziel markieren. Sicheres Leben heißt angstloses Leben - doch es kann der Angst kein Ende gemacht werden, solange die Polizisten vor den Synagogen stehen, solange jüdisches Leben ummauert, also eigentlich ghettoisiert ist. Wenn die Bundesregierung Schwierigkeiten damit hat, ihrer Sonderverantwortung gerecht zu werden - und diese Schwierigkeiten hat sie wohl schon -, dann muss sie ihr Problem so lösen, dass die Juden ihr normales, d.h. angstloses Leben weiterführen können. Die Unkosten der behördlichen Schutzmaßnahmen an jüdischen Orten sollte sie daher am besten dorthin lenken, wo sie nützlich wären, etwa zur verstärkten Überwachung unter Nichtjuden und zur rechtzeitigen Beseitigung möglicher Bedrohungen, die jedenfalls nicht unter den Juden selbst ausfindig gemacht werden können. An uns, den Juden in Deutschland, vor allem jedoch an den deutschen Juden liegt es, die Bundesregierung darauf hinzuweisen, dass dieses Problem das ihrige ist und bleibt, welches sie uns nicht "unterschieben" darf.

P.S. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich auch an den Schmachprozess gegen Dennis Milholland, der am 25. d. M. in Potsdam stattfindet bzw. beginnt.

11 Kommentar(e):

Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

Hi Yoav, mir haben die Polizisten vor den Berliner jued. Einrichtungen immer sehr geholfen. Naemlich so, dass ich nie juedische Einrichtungen gross suchen musste; die Polizei sah man von weitem und war somit ein guter Wegweiser.

Ich finde die staendige Bewachung auch nervig. Wobei Jerusalem wesentlich schlimmer als andere israel. Staedte ist. Noch dazu zahlen wir die Preise; Busfahrten sind teurer und selbst der Kaffee in Restaurants wird mind. 1 Shekel teurer berechnet, wegen des Waerters (Shomer) vor der Tuer.
Einmal kam ich ganz fruehmorgens ins Cafe Hillel und der Waechter hatte seinen Dienst noch nicht begonnen. Prompt zahlte ich einen Shekel weniger.:-)

Klar, wird uns gesagt, dass die Sicherheit nun einmal notwendig sei. Schaue ich mir aber andererseits viele Waechter an, kommen Zweifel auf, ob die im Ernstfall ueberhaupt etwas bewirken. Es gibt bei einigen Attentaten (Piguim) schon diverse Beispiele.

Shavua Tov,
Miriam

Yoav A. Sapir hat gesagt…

Gut Woch Miriam,

was Israel angeht, so darf keiner erwarten, dass der arme Wächter sein Leben für 20 NIS pro Stunde gefährden würde, falls es dazu kommen sollte. In den Cafés usw. geht es nur eine gerne angenommene Selbsttäuschung. Jedenfalls sind diese "Sicherheitsmaßnahmen" mitnichten notwendig. Ganz im Gegenteil, denn das Kriegsgebiet darf auf keinen Fall in die eigene Heimat geraten, wie es mit den Wächtern nicht nur in Israel, sonern etwa auch in Deutschland geschehen ist.

Anonym hat gesagt…
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Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

Leider kriegen aber die meisten Waechter nur das Mindestgehalt und den Ueberschuss streicht eh sein Boss ein.

Miriam

medbrain hat gesagt…

Dass die Sicherheitskräfte und die Polizei schon auch einen Ummauerung darstellen, ist unbequem, aber ohne wäre es mir doch mulmig zumute.

Die offene Gesellschaft ist eben auch nur ein Etikettenschwindel - wenn man nicht der Mehrheit angehört.

schmetterlingsfrau hat gesagt…

So kraß sehe ich das nicht mit den Wächtern. Ich sperre ja auch die Haustüre ab (Pladelet heißt das hier - Stahltüre), um Diebe und Einbrecher abzuwehren. Natürlich geht es bei dem Wächter vor dem Café mehr um einen psychologischen Effekt - nicht nur auf die Gäste sondern auch auf potentielle Angreifer. (Meint jemand im Ernst, die zierlichen Äthiopierinnen hätten eine Chance?)

Auf jedem Flughafen wird doch auch kontrolliert, nur in Israel eben effektiver und eben nicht nur am Flughafen. (Bald wird es überall auf der Welt "israelische Zustände" geben.) Man wird das gewohnt, es gehört eben dazu. Das Risiko steigt, die Sicherheit steigt. Mit welchem Flugzeug willst du lieber fliegen - eines ohne jegleiche Kontrolle oder eines nach vierstündiger Befragung durch die "Selektors"? Das ist eben die Realität. Mit Minderheit und Mehrheit hat das übrigens überhaupt nichts zu tun. In Europa ist eher die Mehrheit durch eine Minderheit namens politischem Islam gefährdet.

Yoav A. Sapir hat gesagt…

An die Schmetterlingsfrau:

Ich habe doch nicht behauptet, dass man den Islam(ismus?) nicht bekämpfen soll, sondern eher, dass man ihn mit den sozusagen "zivilen Sicherheitsmaßnahmen" nicht bekämpfen kann, und zwar deswegen, weil man den Kampf bereits verloren hat, sobald diese Sicherheitsmaßnahmen den normalen Alltag verdrängen. In dem Moment, wo die Terroristen unseren Alltag diktieren, haben sie ihr Ziel erreicht. So einfach ist es in diesem psychologischen Krieg.

Miriam Woelke hat gesagt…

B"H

@medbrain

Ich koennte dir nicht mehr zustimmen.

Miriam

schmetterlingsfrau hat gesagt…

Du hast recht, Yoav. Trotzdem ist es eher erstaunlich als alles andere, wie sehr man in Israel trotz allem am Alltag festhält. Selbst zu den Höchstzeiten der Intifada, als fast täglich irgendetwas in die Luft flog, gingen die Menschen trotzdem aus. Nach jedem Anschlag ist binnen Stunden nichts mehr zu sehen. Alles geht weiter wie gehabt, man sieht weder Denkmäler noch Poster von Leichen wie das bei der anderen Seite so üblich ist. Ein Minimum an Security stört mich wirklich nicht. Es ist als ob man sich darüber beschweren würde, eine Auto-Alarmanlage zu brauchen, als "Sieg des Verbrechens". Sehe ich wirklich nicht so eng. Außerdem gibt es keine Alternative.

Noch etwas, völlig am Thema vorbei: Mir gefällt diese Idee des Webrings. Wie macht man so etwas? Ich würde gerne einen Ring machen für "Deutschsprachige Israelblogs" (also sozusagen das umgekehrte zu deinem).

Yoav A. Sapir hat gesagt…

Liebe Schmetterlingsfrau, das ist eine sehr gute Idee, etwa für Miriam usw.. Sie lässt sich durch bravenet.com verwirklichen, wo du ein kostenloses Konto erstellen kannst.

Aussensaiter hat gesagt…

Im eigentlichen Blog halte ich es zu sehr auf auf Juden / jüdische Einrichtungen und das Verhältnis Deutschlands dazu fixiert. Versuch mal in die amerikanische Botschaft oder in ein amerikanische Kaserne in Deutschland zu kommen, wobei die Schutzmaßnahmen in den USA selbst hier ähnlich sind. Hinterher habe ich mir geschworen, endlich mal meinen Kofferraum aufzuräumen.