In "Ekew", der Parsha der vorhin ausgegangenen Woche (wie in anderen Wochenabschnitten auch), macht Gott den Kindern Israels ein Angebot, "das man nicht ablehnen kann": Wenn sie sich an die göttliche Moral halten, die Ureinwohner vertreiben, deren Götzen vernichten usw. usf., wird es ihnen im Verheißenen Lande gut gehen; sonst wird Gott Israel genau das antun, was er mit den anderen Völkern vorhat. Interessanterweise wird diese Sonderstellung Israels hier sowie anderwärts immer wieder auf den Bund zurückgeführt, den Gott mit den Erzvätern geschlossen hat, z. B.: "So gedenke des Ewigen, deines Gottes, denn er ist es, der dir Kraft gibt, Vermögen zu schaffen, auf daß er seinen Bund halte, den er deinen Vätern geschworen, wie jetzt geschieht." (Dwarim 8:18, ins Deutsche von N. H. Tur-Sinai)
Bekanntermaßen wird zuerst Abraham, dann Isaak und schließlich Jakob jeweils auserwählt. Mit Jakob bzw. Israel hört das Auswahlverfahren auf; es ist seine Nachkommenschaft, die Gottes eigenes Volk bildet. Den Anspruch auf diese Sonderstellung - oder die Pflicht, in dieser Rolle zu figurieren - haben wir also ausschließlich deswegen, weil wir Israels Nachkommen sind. Gottes Volk sind wir also nicht deswegen, weil wir die Torah am Sinai bekommen haben, sondern im Gegenteil: Die Torah haben wir bekommen, weil wir Gottes Volk sind, was wiederum unserer Blutlinie entspringt.
Und das erinnert mich an eine Erfahrung, die meine Gedanken wohl geprägt hat: Vor ein paar Jahren - das war kurz vor dem israelischen Unabhängigkeitstag - habe ich im Rahmen meines politischen Engagements eine neue Unabhängigkeitserklärung für den Staat Israels verfasst; die bisherige hat recht wenig mit dem Judentum zu tun, also habe ich sie umgeschrieben und dabei den ursprünglichen Stil bewährt, damit die Korrekturen gleich auffallen. Zum Beispiel: Ben-Gurions Fassung fängt mit folgender Aussage an: "Im Lande Israels kam das jüdische Volk zustande [...]"; dies habe ich in der ersten Fassung (es gab mehrere) ersetzt durch: "Am Berg Sinai entstand das Volk Israel [...]". Die verbesserte Erklärung habe ich herumgeschickt; die Resonanz war i. d. R. positiv, manchmal wurde auch Kritik geäußert. Eine Antwort bewahre ich besonders gut auf, nämlich die von Rabbiner Uri Sherki, der in derselben politischen Bewegung mitwirkt und mir damals Folgendes geschrieben hat:
Meiner Meinung nach gilt die Aussage, dass das Volk Israel am Berg Sinai geboren wäre, als Ketzerei [doppelte Hervorhebung im Original], weil sie den nationalen Charakter Israels leugnet und unsere ganze Identität auf religiöser Grundlage aufbauen möchte [...] Es sei daran erinnert, dass Mose der ultra-orthodxen Versuchung widerstand, mit der Gott ihn prüfen wollte, als er ihm sagte, er würde Israel vernichten, weil es gegen die Sinai-Lehre verstieß; da erwiderte Mose [Schmot 32:13]: "Gedenke es Abraham, Jizhak und Israel [deinen Knechten, denen du bei dir geschworen hast...]" - das heißt, dass [das Volk] Israel zuallererst Nachkommen der Erzväter und erst nachher [=daraufhin] Jünger Moses sind.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Übertrittsfrage recht schwierig. Im Gegensatz zum Christentum, das auf dem Glauben an die heilsgeschichtliche Rolle Jesu, d.h. auf einer Idee basiert, zu der man sich "einfach" bekennen kann, spielt im Judentum die Idee (verkörpert v. a. im jüdischen Recht) eine erst zweitrangige Rolle; sie unterliegt nämlich dem (angeblich) objektiven Umstand, dass man Jude ist (oder nicht). So dürfen sich Nichtjuden z. B. nicht an die Schabbes-Vorschriften halten; sonst sollten sie mit dem Tode bestraft werden. Übertrittskandidaten, die sich auf ihr neues Leben vorbereiten, müssen daher jeden Schabbes einen kleinen Verstoß gegen die Schabbes-Vorschriften begehen. Erst wenn man Jude wird, darf bzw. muss man sich an das jüdische Recht halten. Doch wie kann man eigentlich Jude werden, wenn es auf ein Glaubensbekenntnis ankommt, d.h. wenn die Sache von vornherein nicht universell gemeint ist?
Diese Frage beantwortet die lurianische Kabbalah mithilfe von Begriffen ("Funken" und "Schalen") aus dem eigenen System dieser Mystik. Sieht man davon ab, so bleibt die rechtsphilosophische Frage bestehen: Wie kann ein nichtjüdisch Geborener in eine fremde Blutlinie eintreten?
Im Judentum gibt es eigentlich keine Nachnamen; man (X) ist der Sohn (bzw. die Tochter) seines Vaters (Y) und seiner Mutter (Z), je nach der Situation: Wenn man bspw. in der Synagoge zum Lesen von der Thora aufgerufen wird, heißt man "X, der Sohn von Y". Wenn man aber - Gott behüte - krank wird und andere wollen Gott um seine Genesung bitten, heißt er "X, der Sohn von Z". Und warum habe ich es erwähnt? Weil Proselyten, die als Neugeborene nichts mehr mit den biologischen Eltern zu tun haben sollen, interessanterweise dem Erzvater Abraham und der Erzmutter Sarah zugeschrieben werden, was nun genauso für die Araber in ihrer Rolle als Ismaeliten sowie für die Christen in der Rolle Esaws gilt.
Mit anderen Worten: Proselyten werden - auch bzw. gerade nach dem erfolgreichen Übertritt - nicht dem Erzvater zugeschrieben, der am Ende des göttlichen Auswahlverfahrens steht: Jakob bzw. Israel. Der Bezug des Proselyten auf die Blutlinie Israels ist also eher problematisch, d.h. ein nichtjüdisch Geborener kann in diese Blutlinie nicht wirklich eintreten. Dies hat z. B. zur Folge, dass einem Priester (heb. Cohen) eine Proselytin verboten ist (d.h. er darf sie nicht heiraten oder begatten).
In diesem Zusammenhang wäre es wohl gut zu bemerken, dass im Judentum - im Gegensatz zur üblichen (aber falschen) Meinung - nicht die Mutter, sondern der Vater die Blutlinie bestimmt (vgl. etwa bei Leviten im Allgemeinen und bei Priestern im Besonderen). Nur bei Mischehen jeder Art wird der Vater ausgeschlossen und die Blutlinie nach der Mutter bestimmt. Und dennoch: Eine jüdisch Geborene, bei der die Mutter zwar Jüdin, der Vater aber keiner ist, ist einem Priester ebenfalls verboten.
Bei den Kindern des (bzw. der) Proselyten tritt diese Schwierigkeit übrigens nicht mehr auf. Das Kind X ist dann einfach der Sohn (bzw. die Tochter) des Vaters Y und der Mutter Z (der übergetretene Elternteil hat bei seiner Neugeburt einen neuen, hebräischen Namen bekommen).
a gut Woch,
Yoav
P.S. Woran lässt sich eine gute Bibelübersetzung am schnellsten erkennen? Eine Faustregel: Man schlägt die erste Seite auf und prüft, ob in Bereschis (1. Mose) 1:5 nicht "erster Tag" oder "Tag eins", wie in den christlichen Übersetzungen üblich, sondern "ein Tag" geschrieben steht. Der Grund für diese im hebräischen Original vorhandene Differenzierung ist, dass es bis zum zweiten Tag noch keine Reihenfolge und folglich auch noch kein erster Tag gab. Unter den deutsch-christlichen Übersetzungen ist die revidierte Elberfelder m. W. die einzige, die diese Prüfung besteht.