Gestern hat das Lichterzünden auf dem Pariser Platz stattgefunden. Dabei war ich allerdings nicht, weil ich in der Deutschen Oper die Wiederaufführung von Mozarts "Idomeneo" erlebt habe. Die viel besprochene Szene mit Mohammeds abgetrenntem Kopf fand ich übrigens vollkommen banal; mein Beifall gilt daher lediglich den PR-Leuten der Deutschen Oper, die die Tendenz der deutschen Öffentlichkeit zur Hysterie sehr gut ausgenutzt haben.
Was den Leuchter am Brandenburger Tor anbelangt, so scheint er mir im Grunde genommen vielmehr für Nichtjuden bestimmt zu sein, also ebenfalls eine Art PR-Arbeit. Immerhin bietet sich jetzt die Gelegenheit, eine Bemerkung zum Verhältnis zwischen Chabad und der Jüdischen Gemeinde zu machen - oder soll ich vielleicht sagen: zwischen den Lubawitschern einerseits und den "Juden" andererseits? Auf der Einladung steht nämlich beides nebeneinander, als wären die Lubawitscher keine Juden, sondern, wie es der selige "litwische" Rabbiner Schach formuliert hat, "die dem Judentum ähnlichste Sekte". Der Grund für diese Gleich- und Gegenüberstellung ist wohl klar: Während die amtlichen jüdischen Gemeinden die Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR "integrieren" möchten, damit sie in das "alte" deutsche Judentum assimilieren, ist die Chabad-Chassidus hergekommen, um die deutschen Juden - alte und neue zugleich - zu verjiddischkeitlichen, d.h. um eine Alternative bzw. eine "Lösung" zu bieten. Daher will Chabad tunlichst wenig mit dem "Problem", d.h. mit dem Bisherigen zu tun haben. Das ist alles eigentlich verständlich - und lässt sich nicht zuletzt wahrscheinlich auch darauf zurückführen, dass Chabad in ihren Aktivitäten nicht eingeschränkt werden will.
Angesichts dessen ist es schließlich doch erfreulich zu sehen, dass die beiden Rivalen manchmal auch zusammenarbeiten können. Nun ist die Jüdische Gemeinde eigentlich kein großes Problem für Chabad - solange sie nicht stört, kommt es den Lubawitschern wohl zugute, dass sich auch die bisherige Gemeinde um den Zusammenhalt und das sonstwie Alltägliche kümmert, etwa im Sinne der Zentralwohlfahrtstelle. Aber was heißt es für die Einheitsgemeinde? Diese bekommt ihre politische Bedeutung und Wirksamkeit ausgesprochen daraus, dass sie "die Juden" schlechthin vertritt bzw. vertreten soll. Spaltungen unterminieren den Machtanspruch durch Alleinvertretung. Das Gute daran ist jedoch, dass Chabad gerade durch die Schwächung der Einheitsgemeinde erstmals die "freie Marktwirtschaft" eingeführt hat. Somit gibt es in der deutsch-jüdischen Landschaft endlich wieder echte Konkorrenz, d.h. für dieses Land neue Möglichkeiten jüdischen Daseins, die über den bisherigen Konsens hinausgehen.
Die Popularität von Chabad unter den deutschen Juden zeugt m. E. eben vom großen Bedarf nach dermaßen selbstbewusster Erneuerung des jüdischen Lebens in Deutschland. Der Hauptnachteil dieser Entwicklung besteht in dem Verlust der gegenseitigen Toleranz zwischen orthodoxen und liberalen Juden. Letztere haben als solche selbstverständlich keinen Zugang zu den Aktivitäten von Chabad; als gleichberechtigte Gemeinden können sie nämlich nur im Rahmen der alten Gemeinden auftreten - und so kommt es zur komischen Gegenüberstellung von Chabad und der "Jüdischen Gemeinde". Jedoch sollten sich die liberalen Strömungen ebenfalls über die neue Konkurrenz freuen und die Gelegenheit nutzen, um ihre Ware besser zu vermarkten. Ob sie sich überhaupt gut verkaufen lässt, wird sich dann noch zeigen.
Für die alte Struktur der Machtverteilung, d.h. für die Einheitsgemeinde, gibt es hingegen keinen Ausgang: Sie wird mit immer heftiger Konkurrenz rechnen müssen und folglich auch weiterhin immer schwächer werden. So ist es in Wien, wo Chabad in Zusammenarbeit mit der Lauder-Stiftung eine parktisch neue, staatlich nicht anerkannte Gemeinde gegründet hat, während sich die IKG anscheinend gerne "ergänzen" bzw. verdrängen lässt. Aber vielleicht es ist schon Zeit, dieses Stück nationalsozialistisches Erbe langsam verschwinden zu lassen?
Die Einheitsgemeinde hat sicherlich ihre schönen Seiten, z. B. in der Betonung des bloßen Jüdischseins gegenüber der denominationellen Zugehörigkeit; aber letzten Endes ist sie doch nur aus Not entstanden, ja erzwungen, und daher ist es nicht gerade das Schöne des Gemeinsamen, sondern eher der kleinste gemeinsame Nenner, der hier den Vorzug hat und die Einheitsgemeinde ermöglicht. Diese setzt nämlich auch heutzutage eine jüdische Landschaft voraus, in der es zu viel Angst gibt und zu sehr an Selbstbewusstsein fehlt. Wenn es jedoch die Angst ist, die uns zusammenhält, dann machen wir am besten jeweils alleine weiter.
Anstatt der Angst soll es das verstärkte Selbstbewusstsein sein, das uns noch den Mut gibt, um nicht nur den eigenen Weg zu gehen, sondern auch um manchmal - aus freiem Willen allein - mit den Konkurrenten zusammenzuarbeiten.
Posts mit dem Label Liberalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Liberalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Dienstag, 19. Dezember 2006
Chabad und die Zukunft der Jüdischen Gemeinde
Stichwörter: Chabad-Lubawitsch, Einheitsgemeinde, Konkurrenz, Liberalismus, Orthodoxie
Abonnieren
Posts (Atom)