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Dienstag, 27. November 2007

Das Schmita-Jahr zu unserer Zeit

Vor kurzem habe ich hier eine neue "Reihe" angefangen: Jüdische Politik. Heute möchte ich es mit einem ersten Beispiel veranschaulichen.

Und der Ewige redete zu Mosche auf dem Berg Sinai und sprach: "Rede zu den Kindern Israels und sprich zu ihnen: wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, so soll das Land dem Ewigen einen Sabbat feiern. Sechs Jahre besäe dein Feld und sechs Jahre beschneide deinen Weinberg und bringe seinen Ertrag ein; aber im siebenten Jahr soll ein Sabbat vollkommener Ruhe sein für das Land, ein Sabbat dem Ewigen; dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden. Den Nachwuchs deines Schnittes sollst du nicht abmähen und die Trauben deines unbeschnittenen Weinstocks sollst du nicht lesen; ein Sabbatjahr sei es für das Land. Es sei aber der Sabbat des Landes für euch zum Essen, für dich und für deinen Knecht und für deine Magd, sowie für deinen Mietling und für deinen Beisassen, die sich bei dir aufhalten. Auch für dein Vieh und für das Getier, das in deinem Land ist, sei all sein Ertrag zum Essen."

[...]

Und ihr sollt meine Satzungen üben und meine Rechtsvorschriften wahren und sie üben; so werdet ihr in Sicherheit im Land wohnen. Und das Land wird seine Frucht geben, und ihr werdet essen zur Sättigung und in Sicherheit darin wohnen. Und wenn ihr sagt: 'Was sollen wir essen im siebenten Jahr? Wir dürfen ja nicht säen und unsern Ertrag nicht einbringen!' So will ich euch meinen Segen entbieten im sechsten jahr, daß es den Ertrag bringe für die drei Jahre. Ihr werdet säen im achten Jahr, und noch Altes essen von dem Ertrag; bis zum neunten Jahr, bis dessen Ertrag einkommt, werdet ihr Altes essen. Das Land aber soll nicht für immer verkauft werden; denn mein ist das Land, denn Fremdsassen seid ihr bei mir. Und in dem ganzen Land eures Besitzes sollt ihr Einlösung gewähren für das Land.


- aus 3. Mose 25, 1-7 bzw. 18-24 (vgl. auch 2. Mose 23, 10-11 sowie 5. Mose 15, 1-11)

Wie viele von euch wohl schon wissen, ist heuer (5768) solch ein Schmita-Jahr. Auf die Einzelheiten dieses Begriffs will ich jetzt zwar nicht eingehen, aber man kann sich auf der englischsprachigen Wikipedia einen ziemlich guten Überblick verschaffen. In diesem Beitrag beziehe ich mich auf den landwirtschaftlichen Aspekt des Schmita-Jahres (außer ihm gibt es auch den finanziellen Aspekt des Schuldenerlasses). "Schmita" bedeutet auf Hebräisch ungefähr "Wegfallen-Lassen" oder "Verzicht"; im landwirtschaftlichen Zusammenhang bedeutet es, dass man (in diesem Jahr) auf die Bodenbearbeitung verzichtet und das Land sozusagen in dessen natürlichen, noch nicht urbar gemachten Zustand zurückfallen lässt.

Dieser siebenjährliche Verzicht auf die Landwirtschaft birgt in sich eine soziale Vorstellung von größter Bedeutung: Alle sieben Jahre wird das Volk vom physischen Arebitszyklus befreit und kann sich anderen Aktivitäten, etwa geistiger Weiterentwicklung widmen.

Diese Vision kann jedoch nur dann verwirklicht werden, wenn das Volksleben - wie damals - auf der Landwirtschaft beruht, was auf unser Zeitalter kaum noch zutrifft. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum heutige Diskussionen über das Schmita-Jahr allzu oft am Eigentlichen vorbeigehen (s. Beispiel).

Es gilt also, das biblische Ideal für unsere Zeit anwendbar zu machen. Ansätze gibt es schon in mehreren Ländern, vor allem im Erziehungsbereich (Lehrer, Hochschul- und Universitätsprofessoren). Aber was bedeutet die biblische Vision für uns, die wir in einem Zeitalter leben, wo die Wirtschaft und die mit ihr zusammenhängenden Arbeitsverhältnisse nicht mehr land- bzw. bodengebunden sind? Es liegt also Israel ob, auf diese Frage eine umfassende Antwort zu geben und der Welt ein funktionierendes Modell anzubieten, wie es im antiken Israel der Fall war. Im Grunde genommen geht es darum, jedem Arbeiter - wenn auch nicht allen zugleich - die Möglichkeit zu geben, sich nach sechs Arbeitsjahren 12 Moante lang einem Schaffensbereich zu widmen, der über sein normales Tätigkeitsfeld hinausgeht.

Während dieses Lernurlaubs kann sich der Arbeiter weiterentwickeln und damit die Gesellschaft als Ganzes zu bereichern: Bürokaufleute können sich dann mit Religionsphilosophie, Juristen mit schaffender Kunst, Bäcker mit Volkswirtschaftslehre usw. usf. befassen - je nachdem, wovon sich jeder angezogen fühlt.

Wenn der Arbeiter nach dem einjährigen Lernurlaub in den Dienst zurückkehrt, bringt er nicht nur neue Kraft und Lust mit, sondern (hoffentlich) auch neue Einsichten. Er ist dann nämlich in humanistischer Hinsicht höher gebildet als vorher und kann mit diesem geistigen Mehrwert einen besseren Beitrag leisten. Es kann aber natürlich auch sein, dass der Arbeiter während seines Lernurlaubs ein neues Feld entdeckt hat, wo er sich besser entfalten kann und will. In dem Fall gewinnt die ganze Gesellschaft von dieser Bereicherung.

Finanziert werden kann dieses Modell durch freifillig geführte Sparkonten: Jeder - ob Angestellter oder Selbstständiger etc. - hat die Möglichkeit, einen festgelegten Prozentsatz seines monatlichen Gehaltes oder jährlichen Gewinns auf dieses Sondersparkonto überweisen zu lassen. Je niedriger der Grundgehalt, umso größer ist dann der staatliche Zuschuss. Nach sechs Arbeitsjahren kann das Ersparte einschließl. der staatlichen Zuschüsse in staatlich anerkannten Volkshochschulen in Anspruch genommen werden. Ansonsten kann der Arbeiter seinen Anteil zurückbekommen.

Jedenfalls geht es hier nicht um das eine oder andere Detail, sondern um die allgemeine Vision der jüdischen Bibel und die Frage, wie diese Vision zu unserer Zeit verwirklicht werden kann.

Dienstag, 13. November 2007

Was heißt jüdische Politik?

Wenn man irgendeine heilige Schrift liest (mit oder ohne Anführungszeichen), kann man sich die Inhalte in drei Aspekten überlegen:

1. Ich-Gott: Was bedeutet es für meine Beziehung zu Gott?
2. Mensch-Mitmensch: Was bedeutet es für meine Beziehungen zu den Menschen, mit denen ich in persönlichen Kontakt komme?
- und
3. Gesellschaft als Ganzes: Was bedeutet es für die Art und Weise, in der wir Menschen unser Gemeinwesen strukturieren, organisieren und leiten?

Mit der Entstehung des modernen Staates und insbesondere mit der Verbreitung der liberalen Demokratie hat der dritte und letzte Aspekt sehr stark an Bedeutung gewonnen. Denn seitdem ist jeder von uns in der Lage, sich politisch zu engagieren und das Gemeinwesen mitzugestalten. Nun ist es so, dass das sog. "Alte Testament" im Allgemeinen und das Pentateuch im Besonderen viel mehr gesellschaftsorientierte Fragen aufgreift als etwa das sog. "Neue Testament", das sich eigentlich zu distanzieren versucht ("in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt").

Doch gerade im Judentum, wo man sich durch den Jahreskreis hindurch mit dem jeweiligen Wochenabschnitt aus dem Pentateuch befasst, ist die gesellschaftsorientierte Lektüre lange eher vernachlässigt worden. Dies hatte freilich einen guten Grund: Während der langen Exilzeit(en) hatten die Juden ja kein souveränes Gemeinwesen, sondern nur relativ kleine Gemeinden mit sehr beschränkten Autonomierechten. Unter diesen Umständen sind Staatsfragen kaum bis gar nicht aufgetaucht, weshalb sie in der Regel auch nicht aufgegriffen worden (und wenn, dann aber eher als rein theoretisch-philosophische Übung).

Heutzutage, wo die Juden wieder ein souveränes Gemeinwesen, d.h. einen richtigen Staat haben, stehen diese Fragen ganz im Mittelpunkt - oder so soll es zumindest sein. Allgemein gesprochen geht es darum, was für einen Staat wir Juden haben wollen und sollen: einfach einen herzlschen "Judenstaat", d.h. einen normalen Nationalstaat nach abendländischem Muster? Oder eher einen jüdischen Staat, wo sich aber gleich die Frage stellt: Was sind eigentlich die "jüdischen Vorbilder", an denen sich ein "jüdischer Staat" zu orientieren hätte?

Für mich heißt es: Jüdischer Staat. Denn ansonsten ergibt die Existenz des modernen Staates Israels als eine kreuzritterliche Festungsinsel inmitten der feindlichen muslimischen See einfach keinen Sinn. Ganz im Gegenteil: Wenn die Juden nur als Privatpersonen, nicht aber in ihrem Gemeinwesen jüdisch sein sollten, dann könnten die Juden im Ausland eigentlich weit besser und nicht zuletzt auch sicherer leben.

Kurzum: Der Sinn der Souveränität Israels in dem ihm verheißenen Lande liegt nicht so sehr in der Vergangenheit, sondern vornehmlich in der Zukunft. Dies hat also nicht nur mit Realpolitik, sondern m. E. vor allem auch mit dem Gottesverständnis bzw. der Heilsgeschichte zu tun: Israels Aufgabe ist es eben, nicht passiv auf die Endzeit zu warten, sondern als Gottes Volk ganz aktiv die göttlichen Ideale von Freiheit, Gerechtigkeit und Moral hier auf Erden zu verwirklichen - wie es dreimal täglich im Gebet heißt: "zur Vervollkommnung der Welt in Gottes Reich". Uns, die wir dazu auserwählt sind, liegt es also ob, die in unseren Schriften enthaltenen Vorstellungen zu politisieren, d.h. öffentlich, gründlich und praxisorientiert zu besprechen, um sie dann mittels eines jüdischen Staates vorbildlich zu verwirklichen:

Ich, der Ewige, habe dich in Gerechtigkeit gerufen und ergreife dich bei der Hand. Und ich behüte dich und mache dich zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen


- Jesaja 42:6 (meine Hervorhebung, selbstverständlich)