Wie kein anderes Fest (mal abgesehen davon, dass Chanukka nach jüdischem Recht kein richtiges Fest ist) wirft Chanukka Fragen nach jüdischem Geschichtsbewusstsein und der damit zusammenhängenden Erinnerungsarbeit auf. Hinter den Kulissen findet man einen vornehmlich innerjüdischen Krieg, in dem die von Gott unterstützten Extremisten gegen die von den Seleukiden unterstützten Assimilierten gekämpft und Letzere besiegt haben. Kurz danach haben sich die siegenden Hasmonäer selbst - aus realpolitischen Gründen - gewissermaßen in die weitgehend griechisch geprägte Umwelt assimiliert. Schließlich wurden die blutig erkämpften Errungenschaften 101 Jahre später (63 v. u. Z.) an die Römer verloren. Weiteres dazu steht im Internet wohl reichlich zur Verfügung, also erlaube ich mir gleich auf den Punkt zu kommen: Was macht man heutzutage mit diesem Erbe? Was soll eigentlich gefeiert werden? Welches Geschichtsbewusstsein soll gepflegt werden?
Im frührabbinischen Judentum wurde der Schwerpunkt verlegt: vom militärischen Sieg und der damit verbundenen Wiedereinweihung des Tempels (daher "Chanukka" - Einweihung) auf ein wohl zurückprojiziertes Ölwunder, das kaum eine (und aus wissenschaftlicher Perspektive: wohl keine) der alten Quellen kennt. Diese Form der Erinnerungsarbeit setzte sich jedoch durch und bildet die Grundlage des uns bekannten Festes.
Im Zionismus ist das Fest, wie es sich in einer nationalen Bewegung gehört, neu bewertet worden: Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bedrohungen - nationale und kulturelle Assimilation einerseits, religiös-traditionelle Passivität andererseits - sind die Bekämpfung der Assimilation sowie die physisch-militärische Kühnheit als solche hervorgehoben worden, während die Wundergeschichte - als Quintessenz des Religiösen - beiseite geschoben worden ist.
Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Bemühungen des Rabbiners S. J. L. Rapoport um eine Synthese, eine orthodoxe Neubewertung des Chanukka-Festes und dessen Geschichte im Sinne eines bewusst gläubigen Nationalismus. Allerdings war er seinerzeit eher eine Ausnahme, die kaum rezipiert wurde (nebenbei bemerkt: auch heute steht er noch - vollkommen unberechtigterweise - am Rande des wissenschaftlichen Augenmerks).
Interessanterweise hat es die Geschichte so gewollt, dass die Tempelfrage im heutigen Israel wieder eine zenrale Rolle spielt, und zwar nicht mehr als Sinnbild der traditionellen, anti-nationalen Passivität, sondern gerade im Einklang mit dem neuen jüdischen Nationalismus. Dieser Zustand, der jetzt zum ersten Mal "seit 2000 Jahren" wiederkehrt, spieglt den Geist dieses Festes eigentlich am treffendsten wider: Die Bestrebung geistiger, weil religiöser und kultureller Ziele durch irdische, d.h. physische und politische Mittel.
Dies stellt jedoch eine große Herausforderung für Juden dar, die weder im militärischen Nationalismus noch im kulturell-religiösen Extremismus der Makkabäer ein festlich zu gedenkendes Vorbild erblicken wollen. Doch allzu leicht lässt sich dieses Fest nicht umdeuten.
Leider wird die Bedeutung dieses Festes an den meisten Orten vertuscht und die Fragen, die es aufwirft, i. d. R. gänzlich vermieden. Es wäre aber schön, wenn jüdische Gemeinden sich nicht nur mit Latkes (dt. Kartoffelpuffer) und Sufganijot (dt. Berliner Pfannkuchen), sondern auch mit Geschichtsbewusstsein und Erinnerungspolitik befassen würden.
Mehr zum Thema findet ihr in meinem vorjährigen Beitrag.
Und in diesem Sinne: Gut Chanukka!
P.S. Chanukka - alternativ (neue Komposition von Viktor Esus; man muss einige Sekunden warten, bis die Werbung vorbei ist. Hebräischlesende finden Weiteres dazu hier):
Mittwoch, 5. Dezember 2007
Chanukka und jüdische Identitäten
Stichwörter: Chanukka, Geschichte, Identität
Montag, 26. Februar 2007
Zwischen Juden und Israelis
In den letzten Jahren lässt sich immer häufiger hören, dass eine der Ursachen gegenwärtiger Manifestationen von Antisemitismus in Europa die fehlende Unterscheidung zwischen Juden und Israelis wäre. Diese Behauptung habe ich etwa bei der Diskussion im taz-Café zur Lina-Morgenstern-Schule etc. von einem Berliner Jugendstadtrat gehört, der sich auf Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen bezogen hat. Solch eine Denkweise finde ich besonders schlimm, weil sie suggeriert, dass es irgendwie doch akzeptabler wäre, wenn in Berlin (jüdische) Israelis anstatt (deutscher) Juden verfolgt würden.
Jedoch lässt sich das Verlangen nach dieser Unterscheidung auch unter Juden finden: Im Sommer 2005, bei einem Besuch in Stuttgart, habe ich einen Vortrag von Meinhard Tenné gehört, der sich darüber beschwert hat, dass die Deutschen zwischen Juden und Israelis noch immer nicht unterscheiden können (diese Aussage kann man, wenn ich mich nicht irre, auch in der Ausgabe des "Parlaments" vom 28.07.2003 nachlesen). Die Beschwerde beim Vortrag bezog sich darauf, dass die Deutschen bei der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart anrufen, um sich nach den Voraussetzungen für die Einreise nach Israel zu erkundigen. Auch mit dieser Aussage kann ich mich nicht abfinden: Wenn sich die Juden in Deutschland vom zionistischen Judenstaat abgrenzen wollen, warum lernen dann die Kinder in der jüdischen Volkshochschule in Berlin Neuhebräisch, aber kein talmudisches Aramäisch? Warum will der Berliner Rabbiner Ehrenberg, dass seine Gemeinde nach dem Schlussgebet an Jom Kippur die zionistische Nationalhymne singt? Warum kommen so viele Vorbeter aus Israel? Warum schicken sowohl die Heidelberger Hochschule als auch das Berliner Abraham-Geiger(!)-Kolleg ihre angehenden Rabbiner zur Schulung nach Jerusalem (was übrigens sogar das amerikanische Hebrew Union College macht und zwar zum Ärger vieler seiner Studierenden)? Und das sind ja nur wenige Beispiele.
Ob sich das deutsche Judentum überhaupt von Israel abgrenzen könnte, ist eine gute Frage; meiner Meinung nach eher nicht, weil es nach den heutigen Verhältnissen eine Kolonie des israelischen, daneben auch des US-amerikanischen Judentums ist - und so wird es in absehbarer Zukunft auch bleiben (mehr dazu hier). Klar ist jedoch, dass es sich nicht abgrenzen will und gar nicht abzugrenzen versucht. Bislang habe ich hier übrigens nur recht wenige Menschen kennen gelernt, die sich zum Judentum bekennen, aber keine Verwandten in Israel haben, und schon gar keine Juden, die nicht nach Israel reisen wollen. Dass sich nicht alle Juden mit Israel identifizieren, spielt im menschlichen Kopf, der seit undenklichen Zeiten verallgemeinert und es auch weiterhin tun muss, eine genauso kleine Rolle wie die Tatsache, dass nicht alle Israelis Juden sind. Mag es auch ungerecht erscheinen und bisweilen unangenehm sein: So ist es nun mal.
Mit diesem Zustand müssen die hiesigen Juden - ohne Rücksicht auf ihre jeweilige politische Anschauung in Sachen Israel - zurechtkommen. "Die Deutschen", wenn man doch verallgemeinern dürfte, sind nicht dumm, selbst wenn sie bei der Jüdischen Gemeinde wegen Visum nach Israel anrufen. Unbewusst spüren sie diese Verbindung (und wer sich deren doch bewusst wird, ruft eh nicht bei der Jüdischen Gemeinde an). Auf Hebräisch heißt es sprichwörtlich, dass man den Kuchen nicht aufessen und dennoch unversehrt beibehalten kann; das wissen vielleicht manche Stadträte und Pädagogen nicht, aber viele muslimische Jugendliche schon. Wir können es hinnehmen, wir können es ja auch leugnen, aber ändern lässt es sich anscheinend nicht.