I.
"Kol Berlin", die Stimme Berlins, ist eine hebräischsprachige Rundfunksendung im OKB, dem Offenen Kanal Berlin, moderiert von Aviv Russ. Ab sofort stehen die Sendungen auch im Internet zur Verfügung und zwar unter:
http://www.icast.co.il/default.aspx?p=Podcast&id=54850
Für alle also, auf die diese Sprache therapeutisch einwirkt. Aviv könnt ihr übrigens unter kolberlin@gmail.com anschreiben, etwa um euer Lieblingslied zu erbitten.
II.
Einer Anregung durch medbrain zufolge bin ich letzte Woche nach Speyer gereist. Mir ist das Städtl etwas nibelungisch vorgekommen, wohl aufgrund der optischen Kongruenz zwischen dem salischen Dom einerseits und Fritz Langs Kriemhilds Rache (dem 2. Teil seines Nibelungenepos) andererseits.
III.
Und was verbindet Berlins hebräischsprachige Rundfunksendung mit meiner Reise nach Speyer? "Sapir", mein heutiger Nachname, war die Wahl meines seligen Vaters, als er den Familiennamen "Speyer" hebräisiert hat. "Sapir" bedeutet auf Hebräisch Saphir.
Sonntag, 4. November 2007
Berlin - Hebräisch - Speyer
Montag, 10. September 2007
Nachträgliches Abschiedsgeschenk: Der offizielle Falafel-Guide für Berlin
Liebe Leser,
als Zeichen meiner großen Dankbarkeit für alles, was ich in dieser faszinierenden Metropolis erleben durfte, möchte ich Berlin seinen ersten professionellen Falafel-Guide überreichen (1., überarb. u. erw. Ausgabe):
1. Türkisch oder arabisch?
Der eigentliche Grund, weshalb der Oberste Israel ein Land verheißen hat, das gerade zur Zeit der letzten Erlösung von Arabern besetzt wird, ist natürlich die fabelhafte arabische Küche, welche irdische Zutaten in himmlische Erfahrungen zu verwandeln vermag und auf diese Weise ihren eigenen Beitrag zum Tikkun Olam, der Vervollkommnung der Welt in Gottes Reich leistet.
Aber Wie kann man schnell und bequem feststellen, ob es sich um einen türkischen oder arabischen Laden handelt, und zwar selbst dann, wenn alles nur auf (gebrochenes) Deutsch geschrieben steht?
Laut einigen Talmudstellen soll es ganz einfach sein: Wenn im Laden Döner angeboten wird, ist der Laden türkisch; wird jedoch Schawarma angeboten, so ist der Laden arabisch. Uns geht es jetzt zugegebenermaßen nicht um Fleischiges, aber anhand dieser Hinweise können wir uns schnell entschließen, ob wir dem Laden überhaupt eine Chance geben wollen.
Übrigens: Das W in "Schawarma" wird so ausgesprochen wie die Kombination Wh im englischen "Why?".
2. Auf die Soße kommt's an
Die Herkunft der komischen weißen Sesam-Knoblauch-Kräuter-Joghurt-Soße ist mir noch nicht ganz klar: Mancher sagt, die Türken hätten sie nach Deutschland mitgebracht, doch andere behaupten, dass es selbst in der Türkei nicht so schlimm sei und die Soße als türkischer Anpassungsversuch an den deutschen Speck-und-Schmalz-Geschmack entstanden sei. Im Land der Sonne, Anschläge und Palme ist sie jedenfalls völlig unbekannt; daher ist von ihr nur abzuraten.
Statt dessen ist die herkömmliche Sesamsoße zu empfehlen, nämlich die Tchina (Heb.) oder Tachini (Arab.), die in Berlin leider nur selten angeboten wird. Dafür gibt es aber einige nette Verkäufer, die diese Soße gerne auf der Stelle extra vorbereiten, sobald sie den Kunden trotz seiner osteuropäischen Gesichtszüge als ihresgleichen erkannt haben. Andere Verkäufer brauchen a bissl Zeit, bis der Kunde als Stammgast aufgenommen und dementsprechend behandelt wird.
Hat der Kunde jedoch großen Hunger und mithin keine Lust zu warten, bis die Soße vorbereitet wird, so kann er auf etwas anderes zurückgreifen, nämlich den Chumussalat. Bei den Arabern fast verboten, gilt die Zusammenstellung von Falafelkugeln, die eigentlich selbst aus Chumus bestehen, einerseits und Chumussalat andererseits in Israel vielerorts als Standard. Im Übrigen ist beim Schawarmaverzehr der Zusatz von Chumussalat immer empfehlenswert.
Bei der Soßenauswahl bekundet sich schnell, mit was für einer Geschäftsidee der Kunde hier zu tun hat. Hat der Verkäufer daran Spaß, seine Gäste zu ernähern, oder geht es ihm nur ums Geld? Mit anderen Worten: Ist man nur Kunde oder vor allem auch Gast? Leider gibt es in Berlin, selbst unter den Arabern, zahlreiche Verkäufer, die ihre Kundschaft missachten und gegen jede Änderung bei der Soßenauswahl noch €0,50 verlangen. Abgesehen von der Tchina, die manchmal extra vorbereitet werden muss, ist die verdächtige Joghurtsoße für den Ladenbesitzer eigentlich teurer als der Chumussalat. Ein Verkäufer, der für die Änderung extra verlangt, freut sich nicht darüber, dass er endlich einen Sachverständigen vor sich hat, sondern versucht unberechtigterweise nur noch mehr Geld zu gewinnen. Kommt es dazu, so soll sich der Kunde am besten gleich verabschieden; ansonsten schadet er nicht nur seiner eigenen Bewirtungserlebnis, sondern auch der künftiger Kunden.
3. Unser tägliches Brot
Im Gegensatz zur jahrzehntelangen israelischen Tradition wird der Falafel in anderen Ländern des Orients nicht im "Pita"-Brot, das die Araber schlicht und einfach "Brot" nennen, sondern in der Lafa. Die Lafa ist eine dünne Scheibe schnell gebackener Teig, auf die man die Falafelkugeln und alles andere gibt; dann wird die Scheibe - in der Regel sind es zwei - gerollt. Im Vergleich mit der Pita hat die Lafa zwei deutliche Vorteile aufzuweisen: 1. Sie kann weit mehr Zutaten beinhalten; 2. sie lässt sich nicht so schnell auseinander reißen.
Das kontraproduktive, nur bei den Türken übliche Fladenbroteck ist selbstverständlich um jeden Preis zu vermeiden: Je mehr man in dieses Stück viergeteiltes Brot hineingibt, umso mehr fällt einem auf die Erde runter.
4. Heiß begehrt
Zum Schluss muss die Lafa noch aufgewärmt werden, am besten in einem kleinen Toaster, damit sie a bissl knusprig wird. Nicht immer weiß der Verkäufer, dass der Kunde es sich wünscht, also soll man sicherheitshalber im Voraus darum bitten. Mit der Pita oder dem Fladenbroteck ist es natürlich unmöglich, es sei denn, man wärmt bereits im Vorfeld nur das Brot auf - aber dann bleiben alle Beilagen kalt. Nur die gerollte Lafa lässt sich problemlos im Toaster aufwärmen.
In manchen Läden gibt es leider keinen Toaster. Da zieht man des Öfteren die Mikrowelle heran, von der grundsätzlich abzuraten ist, weil sie die Qualität des Teiges herabsetzt.
5. Der Geschmack
...ist natürlich eine Geschmacksache. Doch eines muss klar sein: Die Falafelkugeln dürfen selbst auf keinen Fall scharf schmecken; sonst kann man den Geschmack des Chumus, aus dem die Kugeln gemacht worden sind, so gut beurteilen wie die Qualität von verzuckertem Wein. Die scharfen Gewürze oder Soßen sind immer getrennt und nur auf Wunsch zu servieren.
6. Arabische Gastfreundlichkeit
Es gehört dazu, dass der Verkäufers seine Gastfreundschaft zeigt, indem er euch auf seine Kosten ein Glas Tee bietet. Mancher bietet kleine, andere wiederum große Gläser, bisweilen mit Minzblättern drinnen - ein echter Genuss. Darauf könnt ihr mit einem weiteren Besuch reagieren, und es wäre auch schön, euch mit Trinkgeld zu bedanken.
7. Alkohol
Israelis mögen ihren Falafel sehr gerne mit Bier runterschlucken. Demgegenüber mögen die Deutschen ihr Bier sehr gerne mit Falafel zu würzen. So oder so ist es Muslimen verboten, im Besitz von Alkohol zu sein. Aus geschäftlichen Gründen wird aber in manchen Läden trotzdem Bier u. Ä. angeboten. Ich begleite den Falafel am liebsten mit Tee (s. o.). Sonst würde ich dazu raten, vorerst Alkohol zu vermeiden, wenn man vorhat, sich mit dem Verkäufer zu unterhalten. Nachdem man sich a bissl kennen gelernt hat, weiß man schon, mit was für einem Gastgeber man zu tun hat und ob man sich beim nächsten Besuch über ein erfrischendes Bier freuen kann oder darauf lieber verzichten soll.
8. Der musikalische Mehrwert
In vielen Läden wird arabische Musik gespielt. In der Regel handelt es sich dabei um ein und dieselbe CD oder Kassette, die den Verkäufern längst auf die Nerven geht. Sie machen damit trotzdem weiter, weil sie meinen, es wirkt irgendwie authentischer und zieht die Kunden an. Allerdings kann es mögliche Stammgäste sehr schnell wegtreiben. Manche Verkäufer schalten den CD-Player erst an, wenn ein neuer Kunde den Laden betritt, und dann gleich wieder aus, sobald er den Laden verlassen hat. Andere warten einfach unbewusst darauf, dass jemand ihnen endlich sagt, dass der Falafel in Begleitung von Radio Eins o. Ä. umso besser schmeckt. Eure Aufgabe ist es, diesen Hinweis höflich zu geben, nachdem ihr euch eine Weile mit dem Verkäufer unterhalten habt. Und wie lange dauert eine Weile? Die Weile ist vorbei, nachdem er euch erzählt hat, aus welcher Stadt in welchem Land er kommt und wie der Weg seiner Familie nach Deutschland aussah.
9. Die Kosten
Ein guter Falafel soll €2,00 kosten. 1,50 ist gewissermaßen schon verdächtig, darf jedoch einen Versuch wert sein; 2,50 zwar nicht billig, aber noch zulässig, solange der Verkäufer euch nicht missachtet, indem er für den Soßenumtausch noch 0,50 verlangt. Über 2,50 ist schon zu teuer und lohnt sich in der Regel auch von der Qualität her nicht: Es handelt sich dabei um die bürgerlichen "Falafelcafés", in denen jeder Wunsch extra kostet und selbst die Zahl der Falafelkugeln im Voraus angekündigt wird (es sollen übrigens mindestens vier Kugeln sein, damit ihr in jedem Biss neben den Beilagen auch ein Stück Falafel habt; aber in den guten Läden versteht es sich von selbst).
10. Meine Empfehlung
nach langer Suche habe ich mir den einfach, aber einladend ausgestatteten Imbiss "RAI" ausgewählt, das sich auf der nördlichen Seite der Skalitzer Straße, diagonal unterhalb des Görlitzer Bahnhofs (U1) befindet. Der Besitzer ist ein sehr netter Iraker aus Basra, der zwar eine Mikrowelle benutzt, dies aber mit seiner Freude an den Gästen gutmacht. Auch seine Schawarma erinnert einen ans Paradies.
Alles weitere müsst ihr selbst entdecken - und in diesem Sinne: Guten Appetit!
...und grüßt Berlin ganz herzlich von mir :-)
Donnerstag, 6. September 2007
Wie entstehen Synagogen?
Beim Flug nach Israel hat sich eine Vermutung bestätigt: Im Gegensatz zur Sanierung der Synagoge in der Rykestraße, die vom deutschen Lotto und durch Denkmalschutzmittel finanziert wurde, soll einer wohl verlässlichen Quelle nach der Bau von Chabads Bildungszentrum ausschließlich durch Spenden von Juden, dazu noch vornehmlich Berliner Juden ermöglicht worden sein.
In der Tat kann ich mich nur an einen Fall erinnern, wo Chabad Berlin deutsche Gelder erhalten hat, nämlich für den Kindergarten nach dem antisemitischen Vorfall im Februar (und wenn ich mich nicht irre, war es damals ebenfalls das deutsche Lotto). Aber auch in diesem Fall ging es ja um eine Einrichtung, die ohnehin schon bestanden hat und tätig war.
Es scheint sich also ein weiterer Aspekt zu bekunden, durch den sich die Lubawitscher Herangehensweise in der deutsch-jüdischen Landschaft auszeichnet: Chabad Berlin hat zuerst eine funktionierende Gemeinde zustande gebracht, die erwartungsgemäß mithilfe der Wohlhabenden unter ihren Mitgliedern in der Lage war, die gewünschten Einrichtungen
eigenständig zu errichten.
Diesen Vorgang kann man als Entwicklung von unten bezeichnen: Eine Gemeinde entsteht aus eigener, d.h. jüdischer Initiative heraus und entwickelt sich mit eigenen Kräften selbst weiter. Nach allem weiß die Gemeinde ja am besten, was sie braucht und wünscht, und Vorhaben, die den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinde nicht gerecht werden, haben daher kaum Chancen, in Erfüllung zu gehen; es würden sich in dem Fall einfach nicht diejenigen finden, die bereit wären, das Vorhaben zu finanzieren.
Demgegenüber gibt es in Deutschland vielerorts noch immer das umgekehrte Muster, nämlich die Entwicklung von oben. Dabei hängt die Entwicklung einer Gemeinde von Außenseitern, sprich Deutschen, ab. Früher, d.h. nach der Wende, waren es deutsche Behörden, die darüber entschieden, wo eine jüdische Gemeinde künstlich "entstehen" soll. Auch heute sind es oft noch deutsche Einrichtungen, die darüber entscheiden, welche Projekte finanziert und damit verwirklicht werden sollen, wobei die geschichtsbewusste Judenpolitik natürlich eine große Rolle spielt. So wird die Sanierung einer traditionsreichen Synagoge zu einer förderungswürdigen Sache, obwohl dieses teuere Angebot eigentlich in keinem Verhältnis zur Nachfrage steht.
Folglich hat der Rabbiner, dessen Name mir leider entfallen ist (möchte mich jemand bitte daran erinnern?), in seiner Rede beim ersten Gottesdienst nach der Neueröffnung der Synagoge in der Rykestraße nicht umsonst ausgerechnet davon gesprochen (und das ist notabene kein genaues Zitat), wie wichtig es ist, dass diese Synagoge nunmehr von einer aktiven, lebendigen Gemeinde in Anspruch genommen wird. Unter normalen Umständen hätte es ja umgekehrt erfolgen müssen: Zuerst entsteht eine größere, mehr oder weniger feste Gemeinde, die nicht mehr mit privaten Räumlichkeiten zufrieden ist. Sie überlegt sich dann, was für öffentliche Räumlichkeiten sie benötigt, und prüft, welche finanziellen Mittel ihr zur Verfügung stehen. Erst daraufhin wird über den passenden Plan entschieden, der sowohl den Bedürfnissen als auch den finanziellen Fähigkeiten der Gemeinde entsprechen soll.
In Deutschland gibt es aber noch keine Normalität, und wenn diese Synagoge in ihrer überwältigenden Leerheit zugleich auch als Denkmal fungiert, so ist es doch recht, denn immerhin war der Denkmalschutz ja ebenfalls an der millionenschweren Sanierung beteiligt. Das Positive am Ganzen ist dann aber, dass dieses Denkmal glücklicherweise auch als Synagoge dient - zumindest gewissermaßen.
Nachtrag [10.09.2007]: Ein Leser hat mir per E-Mail seine Vermutung mitgeteilt, der besagte Rabbiner dürfte Leo Trepp sein. Und nachdem ich mir etliche Fotos von ihm angeschaut habe, scheint mir diese Vermutung in der Tat sehr plausibel zu sein.
Stichwörter: Berlin, Chabad-Lubawitsch, Rykestraße
Sonntag, 2. September 2007
Schwanengesang und Löwenbrüll?
Wer einen Überblick über den Zustand des Judentums im heutigen Deutschland gewinnen wollte, konnte es an diesem einen Wochenende in Berlin tun:
Einerseits die Neueröffnung von Deutschlands größter, dafür aber wohl leerster Synagoge in der Rykestraße, deren Gottesdienst einem Chorkonzert ähnelt, das man nicht stören sollte. Und andererseits das fröhliche Tanzen beim Straßenfest zur Einweihung von Chabads Bildungszentrum, das ungeachtet der bisherigen Bauarbeiten bereits eine nachweislich lebendige Gemeinde beherbergt und zusammenhält.
Möge austreten, wer nur will; in diesem Lande gehört die Zukunft denjenigen, die Jiddischkeit vermitteln können. Rabbiner Teichtal, Rabbiner Segal: Es war mir ein großes Vergnügen, euch zumindest gewissermaßen kennenzulernen. Ich bin zwar kein Lubawitscher, nicht einmal ein Orthodoxer, doch nichtsdestoweniger - oder vielleicht umso mehr? - verneige ich mich vor euch.
In diesem Sinne möchte ich von Berlin Abschied nehmen: Die Tischrei-Feiertage werde ich bei meiner Familie in jenem Land verbringen, das allen Völkern der Erde heilig und dennoch einem einzigen, Gottes eigenem verheißen ist. Nach Deutschland komme ich mit Gottes Hilfe im Oktober zurück, diesmal aber nach Heidelberg, wo ich an der Hochschule für Jüdische Studien ein Zweitstudium aufnehme.
Allen meinen Lesern und insbesondere den Berlinern wünsche ich ein gutes, wunderschönes neues Jahr,
כתיבה וחתימה טובה
Euer Yoav
Stichwörter: Berlin, Chabad-Lubawitsch, Rykestraße
Donnerstag, 12. Juli 2007
Wie jüdisch darf der Judenstaat sein?
Nach ein paar Enttäuschungen - alle ganz meinerseits - habe ich in Berlin versucht, politische Israel-Veranstaltungen zu vermeiden. Israelis, die hierher kommen, um zu einem mehr oder weniger politischen Thema zu referieren, neigen nämlich leider allzu oft zu Linksextremismus. Es dauert dann a bissl, bis ich mich wieder beruhigt habe.
Trotzdem war ich heute in der israelicshen Botschaft mit einer Studentengruppe bei einem Vortrag von Dan Golan, dem Leiter der Kulturabteilung, über "Kulturen in Israel". Dabei hat er viel behauptet, womit ich nicht einverstanden war, aber besonders aufgefallen sind mir drei Punkte (ich zitiere aus dem Gedächtnis; das Gespräch fand auf Englisch statt, da er kaum Deutsch kann):
1. "Es gibt in der Kultur Israels keine Klassik, da der Staat erst 1948 gegründet wurde." Nach dem Vortrag habe ich darauf hingewiesen, dass es nach diesem Prinzip auch keine deutsche Klassik gäbe, da der heutige deutsche Staat, die BRD, erst 1949 gegründet und 1955 unabhängig wurde; trotzdem sind die Kulturvertretungen dieses neuen Staates weltweit nach einer Person benannt, die ja bereits 117 Jahre vor Staatsgründung starb: Goethe. "Da waren die Deutschen aber auch vorher auf verschiedene Weise souverän." Auch die Polen waren in den letzten Jahrhunderten lange nicht wirklich, nicht überall und manchmal auch halt gar nicht souverän, und trotzdem versuchen sie nicht über diese Zeit hinwegzusehen, erwiderte ich (übrigens: Was heißt hier überhaupt "souverän"? Der Dichter ist ja als solcher immer souverän!). Warum soll denn etwa die hebräische Dichtung von Jehuda HaLevi ausgeschlossen werden? "Man muss aber auch eine sprachliche Kontinuität haben", hat er mir geantwortet, "ich kann diese Texte nicht verstehen." Nanu! Diese Dichtung ist ja Pflichtlektüre an israelischen Schulen! Und außerdem ist die Sprache eigentlich dieselbe, nur wird sie heutzutage als gehoben empfunden.
Um ihn aber vor dem deutschen Publikum nicht in Verlegenheit zu bringen, habe ich ihm einfach gesagt, dass gewöhnliche Deutsche heute mittelhochdeutsche Texte ebenfalls nicht verstehen können. "Mehr kann ich nicht sagen", lautete seine Antwort - und zwar mit guten Grunde, denn eigentlich geht es nicht um das Selbstverständnis des Staates, sondern eher um seinen ganz persönlichen Wunsch, dass Israel ein "normaler", abendländischer Staat wäre, der die "Last" der jüdischen Vergangenheit nicht mehr trüge und die Juden somit "normalisieren" könnte. Und Normalisierung setzt natürlich einen neuen Anfang voraus. Also: Keine Klassik.
Anschließend hat er erzählt, dass diese Selbstbeschränkung seiner Abteilung auf Staatsbürger auch praktische Folgen hat: Als man darum gebeten hat, dass die Abteilung einen finanziellen Beitrag zu einer Ausstellung über Albert Einstein leisten würde, hat sich die Abteilung "nach langer Diskussion" geweigert, da Einstein doch kein Staatsbürger war. Nun soll man bedenken, dass Einstein, einem bekennenden Zionisten, 1952 die israelische Präsidentschaft angeboten wurde, die er allerdings ablehnte, v. a. um sich mit der Physik weiter befassen zu können. Und trotzdem: Für die Präsidentschaft war er gut genug, für finanzielle Leistungen aber nicht mehr?! Da wäre es doch besser gewesen, Mangel an Mitteln als Grund zu geben! Übrigens vererbte Einstein die Rechte auf die Nutzbarmachung seiner Person und Werke an die Hebräische Universität Jerusalem.
2. "Das israelische Recht ist nicht das jüdische Recht, sondern geht auf das britische Mandat zurück." Dies war der Zustand bis 1980, als das israelische Parlament ein Gesetz (das "Rechtsgrundlagengesetz") erließ, nach dem dem israelischen Recht nunmehr das "jüdische Erbe" zugrunde liegt, sofern die Behandlung eines Falls nicht aus israelischen Gesetzen oder rechtlichen Präzendenzfällen zu ziehen ist. Dass unsere "tollen" Richter gerne von diesem Gesetz absehen, gebe ich zu; doch dieses Gesetz gibt es immerhin! "Dazu kann ich nichts sagen", hat er geantwortet, "mir ist das besagte Gesetz nicht bekannt" - sic!
3. "Israel sei kein jüdischer Staat, sondern einer für die Juden. In Neuseeland [wo er vorher gearbeitet hat] gibt es Christen, wenige davon sind Gläubige; käme jemand auf die Idee, Neuseeland als christlichen Staat zu bezeichnen?" - Erstens steht im israelischen (allmählich zustande kommenden) Grundgesetz mehrmals, d.h. in mehreren Teilgesetzen, geschrieben, dass Israel ein "jüdischer und demokratischer Staat" ist; der Hinweis auf den Staat als "jüdischen Staat" liegt auch bereits in der Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1948 vor. Zweitens greift Neuseeland für seine Nationalsymbole (Staatsfahne und -wappen) nicht auf christliche Symbole zurück; Israel tut es doch. Diese Einwände habe ich dann aber nicht mehr vorgebracht, da er offensichtlich schon ganz irritiert war. Naja, es wäre ihm wohl lieber gewesen, wenn alle ihm einfach so geglaubt hätten.
Also? Was kann man nach solch einer Erfahrung noch sagen? Seit langem denke ich mir, dass ich kein guter Diplomat wäre, weil ich keinem Staat meine Zunge zur Verfügung stellen könnte, mit dessen Politik ich nicht unbedingt einverstanden bin. Da ist mir die eigene Meinung schon zu wichtig, um eine andere zu vertreten. Doch anscheinend kann man selbst als Diplomat weiterhin die eigene Meinung aussprechen, so extrem sie sein mag, sogar wenn sie kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Oder gilt das nur für ganz bestimmte Meinungen? Jedenfalls bin ich als Israeli sehr von Herrn Golan enttäuscht, der zumindest hätte sagen können, dass er jetzt nur seine eigene Meinung ausspricht. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass er diesen Vortrag überall in Deutschland hält...!
In der Tat folgt er aber einfach der Vision Herzls, von der ich wenig halte und die erfreulicherweise auch recht wenig mit der israelischen Wirklichkeit zu tun hat. Vielleicht schreibe ich später auch darüber.
Montag, 29. Jänner 2007
Kleinigkeiten zur Demo
Gestern hat die bislang schon viel besprochene ILI-Demo gegen Ahmadineschad bekanntermaßen stattgefunden:
Nur habe ich leider nicht damit gerechnet, dass Wasserbuntstiften bei Regen nicht standhalten... Und in der Tat hat mich dann jemand gefragt, ob ich mir dessen (angesichts des nicht gerade willkommen heißenden Wetters) immer noch so sicher bin...
Stichwörter: Berlin, Demonstration
Freitag, 8. Dezember 2006
Die Grenzen der Angst
Gestern hat der "Spiegel" von einer "antisemitischen Welle an Schulen" berichtet. "Die [jüdische] Gemeinde [zu Berlin] rät Eltern, ihre Kinder bei Konflikten lieber auf jüdische Schulen zu schicken - dort seien sie zumindest sicher. Doch die Schutzzone endet außerhalb der Schulmauern", beobachten die Autoren und haben damit auch vollkommen Recht. Jedoch habe ich in Israel, wo man ja ebenfalls von Mauern und sonstigen Zaunanlagen besessen ist, gelernt, dass sich die Sache auch vollkommen umgekehrt betrachten lässt: Das Reich der Angst, das meistens erst daraufhin auch zu dem der eigentlichen Bedrohung wird, beginnt genau dort, wo die Mauer steht, mit der der "sichere" Raum einzugrenzen wäre. Denn ist es gerade die Mauer, die die Bedrohenden ermutigt und ihre Erfolgsaussichten bestätigt. Will sagen: Exklusive Eliteschulen mit jüdischer Mehrheit? Ja! Selbst auferlegte Abgrenzung? Nein!
Am besten also ohne Mauer, sondern mit mehr Mut, Stolz und Selbstbewusstsein. Das ist nicht nur an und für sich - also ganz abgesehen vom Antisemitismus - erstrebenswert, sondern kann im Endeffekt auch dazu beitragen, dass die Bedrohenden, die ihr Ziel - nämlich unter den Juden Angst zu schaffen - nicht erreichen könnten, keinen Spaß mehr daran hätten und allmählich resignieren würden. Allerdings unterscheidet sich Berlin von Israel ganz evident dadurch, dass die Juden hier eine kleine Minderheit sind (und bleiben) und daher keine Möglichkeit haben, ein gewisses, zur Abschreckung ausreichendes Gleichgewicht zwischen etwaiger Gewalt und Gegengewalt herzustellen (wozu übrigens auch Israel selbst inzwischen nicht mehr besonders fähig zu sein scheint). Deshalb sind wir, die Juden in Deutschland und insbesondere in Berlin, nicht zuletzt wohl auf die Unterstützung der deutschen Umgebung - etwa im Sinne von Horst Schultes Stellungnahme zu diesem Thema - angewiesen. Wichtig ist auf jeden Fall zu merken, dass nicht nur antisemitische Übergriffe, sondern auch Mauern und ähnlich eingreifende Schutzmittel eigentlich Gewalt sind - gerade gegen diejenigen, denen sie dienen sollten und deren Welt dadurch gespaltet wird - und daher auf die Dauer keine plausiblen Maßnahmen bilden können.