Eine der Sachen, die mich hier am meisten stören, sind die Polizisten und sonstige Wächter, die vor jüdischen Einrichtungen stehen bzw. am Eingang die Besucher kontrollieren. Dieses Phänomen kommt zugegebenermaßen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas vor, und selbst in Israel wird man überall kontrolliert. In Israel begegnen einem diese Schutzmaßnahmen jedoch nicht gerade an "jüdischen Orten", sondern in Einkaufszentren, auf Bahnhöfen usw., wo sie immerhin aufs Strengste abzulehnen sind: In dem Moment, wo sich die Juden selbst ghettoisieren, haben unsere Feinde den qualitativen Sieg schon erreicht, und es ist dann vollkommen gleichgültig, wie viele sie dann auch tatsächlich ermordet haben. Unseren Lebens-, sprich: Kampfwillen haben sie somit bereits überwältigt. Dass die israelischen Streitkräfte in der Regel nur reagieren, also erst dann zurückschlagen (von richtigen Kampfleistungen ganz und gar zu schweigen), nachdem der Feind "erfolgreich" gewesen ist, zeigt allzu deutlich, wie sehr sich die Juden in Israel an die Selbstghettoisierung, d.h. an die ständige Kontrolle und Überwachung gewöhnt haben, wie sehr sie also eigentlich zu kapitulieren bereit sind - so sehr, dass sie auf diese unmögliche Art und Weise auch weiterhin leben könnten und eine militärische Reaktion, wie gesagt, erst nach einem vermeintlich erfolgreichen Einsatz des Feindes fordern, obwohl der Feind schon in dem Moment gewonnen hat, als sie die Selbstghettoisierung hinnahmen.
Das gilt nun umso mehr für die Diaspora, insbesondere aber für Deutschland. Dass Juden hier wieder leben, ist ja nicht selbstverständlich, wie etwa am Staatsvertrag zu erkennen ist. Vor allem wird jedoch die Verantwortung der Bundesregierung für die Sicherheit der deutschen Juden vorausgesetzt. Dass diese in keinem Gesetz festgeschrieben steht, ist leicht erklärlich: Die Bundesregierung sowie die Landesregierungen sind für die Sicherheit aller Deutschen, ja der ganzen Bevölkerung verantwortlich und dürfen hier nicht differenzieren; sonst würde sich jeder Deutsche fragen, warum die Juden besser geschützt werden sollten als er. In der Tat sind aber die Juden aus politischen Gründen doch besser als andere zu schützen, wovon die bloßen Schutzmaßnahmen zeugen, die mich so ärgern. Ob sie aber über die Kosten hinaus auch richtig und wirksam sind?
Meiner Ansicht nach sind es gerade diese Maßnahmen, die einen Kreis um die Juden herum zeichnen und diese somit als Angriffsziel markieren. Sicheres Leben heißt angstloses Leben - doch es kann der Angst kein Ende gemacht werden, solange die Polizisten vor den Synagogen stehen, solange jüdisches Leben ummauert, also eigentlich ghettoisiert ist. Wenn die Bundesregierung Schwierigkeiten damit hat, ihrer Sonderverantwortung gerecht zu werden - und diese Schwierigkeiten hat sie wohl schon -, dann muss sie ihr Problem so lösen, dass die Juden ihr normales, d.h. angstloses Leben weiterführen können. Die Unkosten der behördlichen Schutzmaßnahmen an jüdischen Orten sollte sie daher am besten dorthin lenken, wo sie nützlich wären, etwa zur verstärkten Überwachung unter Nichtjuden und zur rechtzeitigen Beseitigung möglicher Bedrohungen, die jedenfalls nicht unter den Juden selbst ausfindig gemacht werden können. An uns, den Juden in Deutschland, vor allem jedoch an den deutschen Juden liegt es, die Bundesregierung darauf hinzuweisen, dass dieses Problem das ihrige ist und bleibt, welches sie uns nicht "unterschieben" darf.
P.S. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich auch an den Schmachprozess gegen Dennis Milholland, der am 25. d. M. in Potsdam stattfindet bzw. beginnt.
Freitag, 19. Jänner 2007
Wir sind keine Porzellanmenschen
Stichwörter: Antisemitismus, Bundesregierung, Gewalt, Mauer, Schutz
Freitag, 8. Dezember 2006
Die Grenzen der Angst
Gestern hat der "Spiegel" von einer "antisemitischen Welle an Schulen" berichtet. "Die [jüdische] Gemeinde [zu Berlin] rät Eltern, ihre Kinder bei Konflikten lieber auf jüdische Schulen zu schicken - dort seien sie zumindest sicher. Doch die Schutzzone endet außerhalb der Schulmauern", beobachten die Autoren und haben damit auch vollkommen Recht. Jedoch habe ich in Israel, wo man ja ebenfalls von Mauern und sonstigen Zaunanlagen besessen ist, gelernt, dass sich die Sache auch vollkommen umgekehrt betrachten lässt: Das Reich der Angst, das meistens erst daraufhin auch zu dem der eigentlichen Bedrohung wird, beginnt genau dort, wo die Mauer steht, mit der der "sichere" Raum einzugrenzen wäre. Denn ist es gerade die Mauer, die die Bedrohenden ermutigt und ihre Erfolgsaussichten bestätigt. Will sagen: Exklusive Eliteschulen mit jüdischer Mehrheit? Ja! Selbst auferlegte Abgrenzung? Nein!
Am besten also ohne Mauer, sondern mit mehr Mut, Stolz und Selbstbewusstsein. Das ist nicht nur an und für sich - also ganz abgesehen vom Antisemitismus - erstrebenswert, sondern kann im Endeffekt auch dazu beitragen, dass die Bedrohenden, die ihr Ziel - nämlich unter den Juden Angst zu schaffen - nicht erreichen könnten, keinen Spaß mehr daran hätten und allmählich resignieren würden. Allerdings unterscheidet sich Berlin von Israel ganz evident dadurch, dass die Juden hier eine kleine Minderheit sind (und bleiben) und daher keine Möglichkeit haben, ein gewisses, zur Abschreckung ausreichendes Gleichgewicht zwischen etwaiger Gewalt und Gegengewalt herzustellen (wozu übrigens auch Israel selbst inzwischen nicht mehr besonders fähig zu sein scheint). Deshalb sind wir, die Juden in Deutschland und insbesondere in Berlin, nicht zuletzt wohl auf die Unterstützung der deutschen Umgebung - etwa im Sinne von Horst Schultes Stellungnahme zu diesem Thema - angewiesen. Wichtig ist auf jeden Fall zu merken, dass nicht nur antisemitische Übergriffe, sondern auch Mauern und ähnlich eingreifende Schutzmittel eigentlich Gewalt sind - gerade gegen diejenigen, denen sie dienen sollten und deren Welt dadurch gespaltet wird - und daher auf die Dauer keine plausiblen Maßnahmen bilden können.