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Donnerstag, 6. September 2007

Wie entstehen Synagogen?

Beim Flug nach Israel hat sich eine Vermutung bestätigt: Im Gegensatz zur Sanierung der Synagoge in der Rykestraße, die vom deutschen Lotto und durch Denkmalschutzmittel finanziert wurde, soll einer wohl verlässlichen Quelle nach der Bau von Chabads Bildungszentrum ausschließlich durch Spenden von Juden, dazu noch vornehmlich Berliner Juden ermöglicht worden sein.

In der Tat kann ich mich nur an einen Fall erinnern, wo Chabad Berlin deutsche Gelder erhalten hat, nämlich für den Kindergarten nach dem antisemitischen Vorfall im Februar (und wenn ich mich nicht irre, war es damals ebenfalls das deutsche Lotto). Aber auch in diesem Fall ging es ja um eine Einrichtung, die ohnehin schon bestanden hat und tätig war.

Es scheint sich also ein weiterer Aspekt zu bekunden, durch den sich die Lubawitscher Herangehensweise in der deutsch-jüdischen Landschaft auszeichnet: Chabad Berlin hat zuerst eine funktionierende Gemeinde zustande gebracht, die erwartungsgemäß mithilfe der Wohlhabenden unter ihren Mitgliedern in der Lage war, die gewünschten Einrichtungen
eigenständig zu errichten.

Diesen Vorgang kann man als Entwicklung von unten bezeichnen: Eine Gemeinde entsteht aus eigener, d.h. jüdischer Initiative heraus und entwickelt sich mit eigenen Kräften selbst weiter. Nach allem weiß die Gemeinde ja am besten, was sie braucht und wünscht, und Vorhaben, die den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinde nicht gerecht werden, haben daher kaum Chancen, in Erfüllung zu gehen; es würden sich in dem Fall einfach nicht diejenigen finden, die bereit wären, das Vorhaben zu finanzieren.

Demgegenüber gibt es in Deutschland vielerorts noch immer das umgekehrte Muster, nämlich die Entwicklung von oben. Dabei hängt die Entwicklung einer Gemeinde von Außenseitern, sprich Deutschen, ab. Früher, d.h. nach der Wende, waren es deutsche Behörden, die darüber entschieden, wo eine jüdische Gemeinde künstlich "entstehen" soll. Auch heute sind es oft noch deutsche Einrichtungen, die darüber entscheiden, welche Projekte finanziert und damit verwirklicht werden sollen, wobei die geschichtsbewusste Judenpolitik natürlich eine große Rolle spielt. So wird die Sanierung einer traditionsreichen Synagoge zu einer förderungswürdigen Sache, obwohl dieses teuere Angebot eigentlich in keinem Verhältnis zur Nachfrage steht.

Folglich hat der Rabbiner, dessen Name mir leider entfallen ist (möchte mich jemand bitte daran erinnern?), in seiner Rede beim ersten Gottesdienst nach der Neueröffnung der Synagoge in der Rykestraße nicht umsonst ausgerechnet davon gesprochen (und das ist notabene kein genaues Zitat), wie wichtig es ist, dass diese Synagoge nunmehr von einer aktiven, lebendigen Gemeinde in Anspruch genommen wird. Unter normalen Umständen hätte es ja umgekehrt erfolgen müssen: Zuerst entsteht eine größere, mehr oder weniger feste Gemeinde, die nicht mehr mit privaten Räumlichkeiten zufrieden ist. Sie überlegt sich dann, was für öffentliche Räumlichkeiten sie benötigt, und prüft, welche finanziellen Mittel ihr zur Verfügung stehen. Erst daraufhin wird über den passenden Plan entschieden, der sowohl den Bedürfnissen als auch den finanziellen Fähigkeiten der Gemeinde entsprechen soll.

In Deutschland gibt es aber noch keine Normalität, und wenn diese Synagoge in ihrer überwältigenden Leerheit zugleich auch als Denkmal fungiert, so ist es doch recht, denn immerhin war der Denkmalschutz ja ebenfalls an der millionenschweren Sanierung beteiligt. Das Positive am Ganzen ist dann aber, dass dieses Denkmal glücklicherweise auch als Synagoge dient - zumindest gewissermaßen.

Nachtrag [10.09.2007]: Ein Leser hat mir per E-Mail seine Vermutung mitgeteilt, der besagte Rabbiner dürfte Leo Trepp sein. Und nachdem ich mir etliche Fotos von ihm angeschaut habe, scheint mir diese Vermutung in der Tat sehr plausibel zu sein.

Sonntag, 2. September 2007

Schwanengesang und Löwenbrüll?

Wer einen Überblick über den Zustand des Judentums im heutigen Deutschland gewinnen wollte, konnte es an diesem einen Wochenende in Berlin tun:

Einerseits die Neueröffnung von Deutschlands größter, dafür aber wohl leerster Synagoge in der Rykestraße, deren Gottesdienst einem Chorkonzert ähnelt, das man nicht stören sollte. Und andererseits das fröhliche Tanzen beim Straßenfest zur Einweihung von Chabads Bildungszentrum, das ungeachtet der bisherigen Bauarbeiten bereits eine nachweislich lebendige Gemeinde beherbergt und zusammenhält.

Möge austreten, wer nur will; in diesem Lande gehört die Zukunft denjenigen, die Jiddischkeit vermitteln können. Rabbiner Teichtal, Rabbiner Segal: Es war mir ein großes Vergnügen, euch zumindest gewissermaßen kennenzulernen. Ich bin zwar kein Lubawitscher, nicht einmal ein Orthodoxer, doch nichtsdestoweniger - oder vielleicht umso mehr? - verneige ich mich vor euch.

In diesem Sinne möchte ich von Berlin Abschied nehmen: Die Tischrei-Feiertage werde ich bei meiner Familie in jenem Land verbringen, das allen Völkern der Erde heilig und dennoch einem einzigen, Gottes eigenem verheißen ist. Nach Deutschland komme ich mit Gottes Hilfe im Oktober zurück, diesmal aber nach Heidelberg, wo ich an der Hochschule für Jüdische Studien ein Zweitstudium aufnehme.

Allen meinen Lesern und insbesondere den Berlinern wünsche ich ein gutes, wunderschönes neues Jahr,

כתיבה וחתימה טובה

Euer Yoav

Dienstag, 19. Dezember 2006

Chabad und die Zukunft der Jüdischen Gemeinde

Gestern hat das Lichterzünden auf dem Pariser Platz stattgefunden. Dabei war ich allerdings nicht, weil ich in der Deutschen Oper die Wiederaufführung von Mozarts "Idomeneo" erlebt habe. Die viel besprochene Szene mit Mohammeds abgetrenntem Kopf fand ich übrigens vollkommen banal; mein Beifall gilt daher lediglich den PR-Leuten der Deutschen Oper, die die Tendenz der deutschen Öffentlichkeit zur Hysterie sehr gut ausgenutzt haben.

Was den Leuchter am Brandenburger Tor anbelangt, so scheint er mir im Grunde genommen vielmehr für Nichtjuden bestimmt zu sein, also ebenfalls eine Art PR-Arbeit. Immerhin bietet sich jetzt die Gelegenheit, eine Bemerkung zum Verhältnis zwischen Chabad und der Jüdischen Gemeinde zu machen - oder soll ich vielleicht sagen: zwischen den Lubawitschern einerseits und den "Juden" andererseits? Auf der Einladung steht nämlich beides nebeneinander, als wären die Lubawitscher keine Juden, sondern, wie es der selige "litwische" Rabbiner Schach formuliert hat, "die dem Judentum ähnlichste Sekte". Der Grund für diese Gleich- und Gegenüberstellung ist wohl klar: Während die amtlichen jüdischen Gemeinden die Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR "integrieren" möchten, damit sie in das "alte" deutsche Judentum assimilieren, ist die Chabad-Chassidus hergekommen, um die deutschen Juden - alte und neue zugleich - zu verjiddischkeitlichen, d.h. um eine Alternative bzw. eine "Lösung" zu bieten. Daher will Chabad tunlichst wenig mit dem "Problem", d.h. mit dem Bisherigen zu tun haben. Das ist alles eigentlich verständlich - und lässt sich nicht zuletzt wahrscheinlich auch darauf zurückführen, dass Chabad in ihren Aktivitäten nicht eingeschränkt werden will.

Angesichts dessen ist es schließlich doch erfreulich zu sehen, dass die beiden Rivalen manchmal auch zusammenarbeiten können. Nun ist die Jüdische Gemeinde eigentlich kein großes Problem für Chabad - solange sie nicht stört, kommt es den Lubawitschern wohl zugute, dass sich auch die bisherige Gemeinde um den Zusammenhalt und das sonstwie Alltägliche kümmert, etwa im Sinne der Zentralwohlfahrtstelle. Aber was heißt es für die Einheitsgemeinde? Diese bekommt ihre politische Bedeutung und Wirksamkeit ausgesprochen daraus, dass sie "die Juden" schlechthin vertritt bzw. vertreten soll. Spaltungen unterminieren den Machtanspruch durch Alleinvertretung. Das Gute daran ist jedoch, dass Chabad gerade durch die Schwächung der Einheitsgemeinde erstmals die "freie Marktwirtschaft" eingeführt hat. Somit gibt es in der deutsch-jüdischen Landschaft endlich wieder echte Konkorrenz, d.h. für dieses Land neue Möglichkeiten jüdischen Daseins, die über den bisherigen Konsens hinausgehen.

Die Popularität von Chabad unter den deutschen Juden zeugt m. E. eben vom großen Bedarf nach dermaßen selbstbewusster Erneuerung des jüdischen Lebens in Deutschland. Der Hauptnachteil dieser Entwicklung besteht in dem Verlust der gegenseitigen Toleranz zwischen orthodoxen und liberalen Juden. Letztere haben als solche selbstverständlich keinen Zugang zu den Aktivitäten von Chabad; als gleichberechtigte Gemeinden können sie nämlich nur im Rahmen der alten Gemeinden auftreten - und so kommt es zur komischen Gegenüberstellung von Chabad und der "Jüdischen Gemeinde". Jedoch sollten sich die liberalen Strömungen ebenfalls über die neue Konkurrenz freuen und die Gelegenheit nutzen, um ihre Ware besser zu vermarkten. Ob sie sich überhaupt gut verkaufen lässt, wird sich dann noch zeigen.

Für die alte Struktur der Machtverteilung, d.h. für die Einheitsgemeinde, gibt es hingegen keinen Ausgang: Sie wird mit immer heftiger Konkurrenz rechnen müssen und folglich auch weiterhin immer schwächer werden. So ist es in Wien, wo Chabad in Zusammenarbeit mit der Lauder-Stiftung eine parktisch neue, staatlich nicht anerkannte Gemeinde gegründet hat, während sich die IKG anscheinend gerne "ergänzen" bzw. verdrängen lässt. Aber vielleicht es ist schon Zeit, dieses Stück nationalsozialistisches Erbe langsam verschwinden zu lassen?

Die Einheitsgemeinde hat sicherlich ihre schönen Seiten, z. B. in der Betonung des bloßen Jüdischseins gegenüber der denominationellen Zugehörigkeit; aber letzten Endes ist sie doch nur aus Not entstanden, ja erzwungen, und daher ist es nicht gerade das Schöne des Gemeinsamen, sondern eher der kleinste gemeinsame Nenner, der hier den Vorzug hat und die Einheitsgemeinde ermöglicht. Diese setzt nämlich auch heutzutage eine jüdische Landschaft voraus, in der es zu viel Angst gibt und zu sehr an Selbstbewusstsein fehlt. Wenn es jedoch die Angst ist, die uns zusammenhält, dann machen wir am besten jeweils alleine weiter.

Anstatt der Angst soll es das verstärkte Selbstbewusstsein sein, das uns noch den Mut gibt, um nicht nur den eigenen Weg zu gehen, sondern auch um manchmal - aus freiem Willen allein - mit den Konkurrenten zusammenzuarbeiten.