Inwiefern ist die Holocaustaufarbeitung in den letzten Jahrzehnten Religion bzw. Zivilreligion geworden?
Die öffentliche Vergangenheitsbewältigung weist folgende Züge auf, die auf eine solche Entwicklung hinweisen:
1. Kultstätten bzw. Heiligtümer: Museen, Gedenkstätten, Mahnmale etc., in denen man sich zum Holocaust bekennt bzw. sein Bekenntnis durch passive Teilnahme bestätigt (in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem brennt im Einklang mit Tempeltraditionen sogar eine ewige Flamme).
2. Theologische Seminare: Unzählbare Forschungsinstitute, Lehrstühle usw.
3. Credo: Während im Christentum die Dreieinigkeit die zenrale Rolle spielt, steht im Mittelpunkt des Holocaustkultes die (offensichtlich aufgerundete) Sechs-Millionen-Zahl, die in allen Heiligtümern, aber auch anderwärts, etwa in Gedenkreden bzw. Predigten u. Ä. postuliert wird.
4. Märtyrer und Heilige: Anna Frank, Selma Meerbaum-Eisinger, Henryk Goldszmit bzw. Janusz Korczak und, und, und... Durch die beim Opferkult stattfindende, rituell verfestigte Identifikation mit solchen Gestalten integriert man sich in das Narrativ der "guten" Opfer bei gleichzeitiger Selbstabgrenzung von den "bösen" Tätern.
5. Kanonische Texte: Jede Menge, sogar in filmischer Form (etwa Claude Lanzmanns Shoah, Frankreich 1985).
6. Festtage: Offiziell wird der Holocaust als zentrale Erscheinung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Jänner (Befreiung von Auschwitz) gefeiert. Insbesondere in Deutschland kreist das Jahr auch um den 9. November (Reichskristallnacht). In Berlin wird sogar der 28. Februar (Fabrikaktion) festlich begangen. Mit den Festtagen hängt das Ritual eng zusammen.
7. Gaben: Die Heiligtümer und die theologischen Seminare müssen ja finanziert werden, sei es durch Steuergelder oder auch durch freiwillige Spenden.
8. Geistlichkeit: Und zwar hierarchisiert, von den Wärtern in den Heiligtümern über die Guides als Vermittler des Katechismus bis hin zu den oberpriestlichen Forschern und Dozenten. Der ganze Klerus lebt praktisch von den Gaben, die die Gesellschaft dem Holocaustkult entrichtet.
9. Monopol auf die legitime Interpretation: Wie überall geht es auch bei dieser Religion vornehmlich um Macht, die die Priester- und Levitenzunft nicht zuletzt auch zur Bewahrung der finanziellen Basis benötigt. Anders Denkende werden mithin, wie damals von der katholischen Kirche, zum Schutze des eigenen Kultgegenstandes durch dogmatische Gesetzgebung verfolgt (vgl. David Irving, Ernst Zündel).
Soweit die Skizze. Und jetzt: eure Kritik daran?
Nachtrag [10.03.2008]:
10. Internationalismus bzw. Ökumenismus: Im Gegensatz zu nationalstaatlichen Zivilreligionen ist die Ausbreitung des Holocaustkultes nicht geographisch - und schon gar nicht ethnisch oder konfessionell beschränkt. Ganz im Gegenteil: Der Klerus erhebt Anspruch auf "Katholizismus" im wahrsten Sinne des Wortes (alle betreffend, alles umfassend); der Kult wird demzufolge immer weiter verbreitet; es entstehen dort neue Heiligtümer, wo es bis vor kurzem noch keine gegeben hat (z. B. in Washington D.C., Paris, Berlin, Warschau und an unglaublich vielen anderen Orten); seine heiligen Texte erfreuen sich, insbesondere in filmischer Form, grenzüberschreitender Rezeption; und auch seine Feste, vor allem der 27. Jänner, werden international gefeiert.
Zuerst veröffentlicht auf Chronologs.de
Sonntag, 9. März 2008
Der Holocaustkult: Skizze einer Analyse
Stichwörter: Holocaust
Freitag, 8. Februar 2008
Geschichtswerdung
Eva Herman, DJ Tomek, Juliane Ziegler: Wer kommt als Nächster auf den Scheiterhaufen?
Man kann nicht ewiglich verhindern, dass der Nationalsozialismus und insbesondere die durchgängig als "Holocaust" bezeichnete Judenverfolgung und -vernichtung 1933-1945 langsam, aber ständig historisiert wird. Und zwar samt allem, was damit zusammenhängt: Mehr Differenzierung, weniger Pauschalisierung, und ja, nicht zuletzt auch dümmlicher Humor. Wir Menschen sind zuweilen halt dümmlich. Und wir dürfen so auch bleiben (als ob wir anders könnten).
Waren also der Nationalsozialismus im Allgemeinen und der Holocaust im Besonderen nur eine Episode im unaufhörlichen Fluss der Geschichte? Jein. Insofern nicht, als sie im Vergleich mit ähnlichen Begebenheiten mehrere Extremitäten aufweisen, und diese Erkenntnis wird uns als Forscher sowie als Gesellschaft weiterhin begleiten. Und insofern doch, als sie, wie alles Menschliche, im Rückblick umso verkraft- und integrierbarer werden, je ferner sie zurückliegen, d.h. je breiter unsere Perspektive ist. Diese natürliche Entwicklung ist unausbleiblich, findet sie doch schon seit 1945 statt. Auf ihre Ausreifung soll, nein: muss man sich vorbereiten.
Schöne Klausurzeit allerseits
Un a git Schabbes
Yoav
Stichwörter: Geschichte, Holocaust
Samstag, 28. Juli 2007
Manchmal
...stolpert man über eine Webseite, die man halt teilen muss. Dieses Mal: Künstlerische Holocaustaufarbeitung, die womöglich auch ohne besondere Hebräischkenntnisse verständlich ist: http://www.armadil.net/work.asp?id=92
Jedenfalls würde ich mich über die Interpretationsversuche derer freuen, die gar kein Hebräisch können.
Im Übrigen ist seit kurzem meine Magisterarbeit zur Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR frei zugänglich: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.comSamstag, 17. Februar 2007
Der Holocaust im 21. Jahrhundert
Als Erstes sei vorweggenommen: Ernst Zündel ist als Neonazi und Holocaustleugner aufs Schärfste zu kritisieren. Desgleichen David Irving, der jetzt wegen Ähnlichem im österreichischen Gefängnis sitzt.
Nach dieser Verbindlichkeit können wir nun auf die eigentliche Frage eingehen: Wollen wir mit Holocaustleugnern wirklich so umgehen, wie man früher Ketzer behandelt hat, also indem wir sie wegen ihrer abweichenden Meinungen bestrafen? Das kommt darauf an, ob wir den Holocaust zum Glaubensbekenntnis, ja zu einer Art Religion machen bzw. werden lassen wollen. Genauer betrachtet geht es aber darum, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen: Entweder ist man bereit, für die Redefreiheit derjenigen zu kämpfen, deren Meinungen man ganz abscheulich findet, oder man ist unbedingt bereit, sich mit einer Gesellschaft abzufinden, in der manche - heute noch wenige, morgen vielleicht mehr - Meinungen gesetzlich verboten sind. Denn erst beim Kampf um den Schutz von Meinungen, die wir selbst nie wieder hören möchten, wird die Redefreiheit in unserer Gesellschaft tatsächlich geprüft - und dann entweder durchgesetzt oder aufgegeben. Dabei geht es notabene nicht um Volksverhetzung: In dem Moment, wo man zur Verfolgung anderer aufruft, hat man sein Recht auf Redefreiheit verloren. Jedoch sind Äußerungen wie "den Holocaust/die Gaskammern hat es nicht gegeben" noch kein solcher Aufruf. Die Unterscheidung ist sehr fein, deswegen aber umso wichtiger.
Das gesetzliche Verbot der Holocaustleugnung wirft aber noch weitere, ebenso schwierige Fragen auf: Wie kann es z. B. sein, dass man nicht den Holocaust, aber zu gleicher Zeit und in demselben Land die Existenz Gottes doch leugnen darf? Ist unsere Vorstellung vom Holocaust wichtiger als die vom Gott? In dem Fall kann schon vom Holocaust als einer neuen Religion die Rede sein - oder wie es Avishai Margalit und Gabriel Motzkin formuliert haben: »a negative myth of origin for the post[-]war world«[1].
Eine andere Frage wäre, warum die Leugnung des deutschen Völkermordes an den Juden verboten, die des türkischen Völkermordes an den Armeniern hingegen erlaubt sein sollte. Trotz der wesentlichen Unterschiede zwischen beidem muss man hier doch eine grundsätzliche Entscheidung treffen: Darf man Völkermorde in Frage stellen - oder nicht? Darf man, solange nicht verhetzt wird, über alles diskutieren - oder eben nicht?
Die schwierigste Frage ist jedoch, wer vom Verbot profitiert, also ob diese Maßnahme uns zum Ziel verhilft. Dass man keine Meinungen in Haft nehmen kann, ist klar. Genauso klar soll aber auch sein, dass wir gar nicht gewinnen können, wenn wir den Revisionismus - oder etwa die Neonazis - durch Verbot bekämpfen. Denn wenn man es versucht, ist man nicht besser, vielleicht sogar noch schlechter als seine Gegner - und da hat man den Kampf schon am Ansatzpunkt verloren. Man weiß immer, wie man mit dem Verbot anfängt, aber nie, wie die Sache noch enden und mit wie vielen Verboten man noch rechnen sollte.
Als Letztes bleibt noch der Gedanke: Was bedeutet es überhaupt, dass es den Holocaust gegeben hat, wenn diese Aussage nicht zur Diskussion stehen, wenn das Gegenteil nicht behauptet werden darf? Kann man ehrlich vom Weißen reden, ohne das Schwarze zu berücksichtigen? Kann man wirklich das Tageslicht beschreiben, ohne die Nacht zu kennen...?
Nachtrag (21.02.2007): David Irving sitzt nicht mehr im Gefängnis (a Dank an Stefan für den Hinweis).
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[1] Avishai Margalit and Gabriel Motzkin, »The Uniqueness of the Holocaust«, Philosophy and Public Affairs 25 (1996), pp. 65-83, here 80-81. Siehe auch: Moshe Zimmermann, »Globalisierte Erinnerung«, in: Zeichen, Heft 2 des Jahres 2000 (verfügbar unter: http://www.asf-ev.de/zeichen/00-2-08.shtml), wo es steht: »Daß die Shoah zum Fundament der Welt geworden ist, kann man nicht bestreiten.« – was ja wenigstens auf den so genannten Westen zutrifft.
Mittwoch, 24. Jänner 2007
Zwischen Pharao und Hitler: Eine Überlegung zum 27. Jänner
Im jüdischen Kalender lesen wir zurzeit die Wochenabschnitte zur Erlösung aus dem ägyptischen Exil, im europäischen Kalender kommt gleich der »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus«, also der Tag der Befreiung der letzten Auschwitz-Häftlinge. Dieser Zusammenhang lädt uns zum Vergleich ein: Was dachten sich die Kinder Israels bei der Verfolgung, als die Ägypter sie versklavten und deren Söhne ermorden wollten? »Und sie schrien«, erzählt uns die Thorah und lässt vermuten, dass sie sich fragten, was sie denn getan hätten, weshalb sie jetzt so sehr bestraft werden müssten. Da könnte man auch heute fragen, worauf Gott damals noch wartete, warum er dieses Schicksal überhaupt zuließ. Diese Schwierigkeiten werden aber noch verstärkt, wenn wir erfahren, dass es gerade Gott war, der das Herz des Pharao verhärtete, der also über Pharao die Verfolgung seines eigenen Volkes verschlimmerte. Die ganze Katastrophe war mithin eine rein göttliche Produktion! Aber was wäre denn die Sünde des Volkes gewesen, die diese Katastrophe erklären könnte?
Heutzutage sagen viele Leute, dass es Begebenheiten gibt, die sich nicht erklären lassen. So eine soll etwa die Schoah sein. In der Tat können wir auch in der Thorah keine Sünde finden, wegen deren Gott die Kinder Israels bestraft hätte, geschweige denn eine so schlimme, um damit die Verfolgung in Ägypten erklären zu können. Trotzdem sind wir in der Lage, dieses Rätsel zu lösen. Dazu müssen wir mehrere Jahrhunderte, bis in die Zeit des ersten Erzvaters, Abrahams, zurückgehen. Im Wochenabschnitt »Lech Lecha« wird uns von Abrahams – der damals noch Awram hieß – erstem Bündnis mit Gott erzählt (Bereschit/Genesis 15), in dem Gott ihm u. a. versprach, dass seine Nachkommenschaft im Exil noch verfolgt und versklavt werden wird. Wichtig ist jetzt für uns nicht nur, dass jene frühere Katastrophe von Gott vorherbestimmt wurde, sondern vor allem auch, dass sie vom Initiator selbst auf keine Ursache zurückgeführt wird! Ganz im Gegenteil, denn Gott versprach ferner, dass die Opfer dieser Verfolgung später »mit großem Vermögen« ausziehen werden. Der Sinn der Katastrophe ist folglich nicht in deren Vergangenheit, sondern in deren (damaligen) Zukunft zu suchen; und tatsächlich lesen wir zurzeit, dass Gott den Pharao immer wieder dazu bringt, den Gräuel der Verfolgung weiterzuführen – aber nicht wegen einer Ursache, sondern zu einem Zweck, und zwar um sein Volk mit vielen Zeichen und Wundern aus Ägypten zu führen.
Mit diesem Musterbeispiel will uns die Thorah lehren, dass den Schlüssel zum Verständnis der Geschichte von einem jüdischen Gesichtspunkt aus nicht in der Vergangenheit, sondern vielmehr in der Zukunft der jeweiligen Begebenheit liegt. Warum hat es also die Schoah gegeben? Diese Frage teilt sich, wie wir nun wissen, in zwei: »Weshalb?« und »Wozu?«. Um die Ursachen bemüht sich noch immer die Geschichtswissenschaft, die schon sehr interessante Interpretationsversuche bieten kann; nach dem bzw. den Zwecken dieser jüngeren Katastrophe muss jedoch jeder von uns selbst suchen. Nicht wir, die wir ja noch keine richtige Perspektive haben, sondern erst die künftigen Generationen werden beurteilen können, welche der vielen Vermutungen in Anbetracht der geschichtlichen Entwicklungen sinnvoller erscheinen. Nichtsdestoweniger liegt es an uns, unsere Nachkommen mit Möglichkeiten auszustatten, die Worte des Propheten auf unsere Zeit anzuwenden (Jesaja 45, 7): »Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt!«
P.S. Wenn wir Hitler schon erwähnt haben: Gestern habe ich Dany Levis "Mein Führer" gesehen. Nein, der Film verstößt nicht gegen den guten Geschmack oder irgendeines "richtige" Geschichtsverständnis; dafür ist er einfach zu banal. Man muss sich schon mühen, um selten ein Lächeln zu erzwingen, denn in der Regel wird man von enttäuschender Langeweile überwältigt. Kurzum ist der Film nicht einmal eine Diksussion wert - schon aber die Gesellschaft, in der man mit dieser Überflüssigkeit so viel Aufmerksamkeit (und nicht zuletzt auch Geld!) verdienen kann. Tut euch selbst also einen Gefallen und spendet diese 6 Euro an die Bedürftigen.
Stichwörter: Bibel, Geschichte, Holocaust, Jiddischkeit auf Deutsch