Git Woch allerseits,
nach der Gründung des Staates Israels waren die führenden Positionen innerhalb der zionistisch- bzw. nationalreligiösen Strömung über Jahrzehnte hinweg von Juden besetzt, die in der Tradition des deutsch-jüdischen Bürgertums verwurzelt waren; immerhin hing der Grundgedanke des religiön Zionismus sehr eng mit der neo-orthodoxen Lehre der deutschen Rabbiner Schimschen Rephuel Hirsch und Asriel Hildesheimer zusammen: Trotz aller Unterschiede im historischen Zusammenhang liegt beiden Strömungen der Wunsch zugrunde, Traditionell-Religiöses mit Modern-Weltlichem erfolglich zur Synthese zu bringen.
Vor diesem Hintergrund verstanden es die damaligen Führer der Nationalreligiösen als ihre Aufgabe, den Abstand zwischen Säkularen und Ultraorthodoxen zu überbrücken. Dazu gehörte u. a. auch das weltliche Medium des Fernsehens: Von den überwiegend säkularen Regierungen, die damals noch gänzlich über das Fernsehen verfügten, bekamen die "daitschen" Funktionären in den 1980er Jahren die Sendezeit gleich nach dem Schabbesausgang zur Verfügung gestellt.
Diese kostbaren Sendestunden wurden dann nach guter daitscher Tradition mit religiösen Chorgesängen und sonstiger Liturgie gefüllt. Allerdings mit wenig Erfolg: Die Säkularen mochten diese Sendungen nicht, weil sie "religiös" wirkten; den Nationalreligiösen gefielen sie ebenfalls nicht, weil sie nie eine richtige Botschaft an die Säkularen hatten (das wäre damals eine Zumutung gewesen) und den Nationalreligiösen selbst einfach zu langweilig waren; und die Ultraorthodoxen hatten eh keine Fernsehapparate. Dass es so etwas überhaupt im Fernsehen gab, wurde von (fast?) allen Zuschauern als Tribut der säkularen Elite an die politischen Macher der Nationalreligiösen betrachtet - und zwar mit gutem Grunde.
Anfang der 1990er Jahre ist das Kabelfernsehen erstmals im zionistischen Schnellkochtopf eingetroffen - und mit ihm eine bis dahin noch nie erahnte Auswahl an alternativen Fernsehprogrammen. Der Wandel war so umfangreich, dass er bereits 1992 in einem damals sehr erfolgreichen Film aufgearbeitet wurde. Der Film hieß schlicht und einfach Kabel und kam durch Zusammenarbeit prominenter Komödianten zustande. Dabei nahm er natürlich auch auf das staatlich erzwungene Fernsehprogramm Bezug - und der "daitsche" Kantorismus blieb selbstverständlich nicht verschont:
Ach, those were the days...
Der Wortlaut dieses satirischen Stücks besteht übrigens nur aus vier hebräischen Wörtern, die so viel bedeuten wie: "Seid fröhlich und freut euch über das Meer Gottes". "Seid fröhlich und freut euch über..." ist einem echten Lied entnommen, das zu Simchat Thorah gesungen wird. "Das Meer Gottes" hingegen - wie lässt es sich positiv formulieren? - kommt hier erstmals vor.
Nachtrag [11.11.2007]: Auf YouTube habe ich noch etwas aus Kabel gefunden. Die Interpretation überlasse ich diesmal euch...
Samstag, 10. November 2007
Ein Stück israelischer Kulturgeschichte
Sonntag, 28. Oktober 2007
Sendehinweis (oder: mich gibt's jetzt auch im Fernsehen)
Save the date: An diesem Mittwoch, den 31. Oktober 2007 (also in drei Tagen!), um 18:30 Uhr läuft auf arte ein weiteres Kapitel in der Reihe "Gesichter Europas", diesmal aber auch mit meinem Gesicht!
Es handelt sich hierbei vornehmlich um das jüdische Wien, das mein Freund Walter Weihrauch - in der Rolle des Alteingesessenen - mir, dem ausländischen Juden, vor der Kamera zeigt und über das wir dann beide diskutieren. Auf der Wiener Mazzesinsel (2. Bezirk), vor allem im Dreieck Taborstraße-Karmelitermarkt-Donaukanal, gibt es nämlich - im Gegensatz etwa zu Berlin - schon wieder ein richtiges Judenviertel, ein selbsterwünschtes Ghetto. Dort halten sich die besten Stiblech versteckt (vergesst den sog. Stadttempel in der Seitenstettengasse!), dort trifft man sich, dort isst man beisammen, dort findet man halt alles, was Leib und Seel' bedürfen, ach: dort will ich wieder hin!
Insgesamt war ich zwei Monate in Wien - von Anfang Juli bis Anfang September. Danach bin ich nach Berlin, in eine völlig andere Umwelt umgezogen. Vielleicht schreibe ich mal über meine Wiener Erfahrungen: Insbesondere als Historiker war für mich die Stadt von großem Interesse. Einige meiner Notizen aus der damaligen Zeit habe ich bereits im Web veröffentlicht und zwar unter dem Titel: Deutschösterreich? Eine kritische Diskussion über das nationale Selbstverständnis des heutigen Österreich. Sie werden aber wohl kaum bis gar nicht gelesen, weshalb ich seit längerem nicht mehr daran arbeite.

Das restliche Wien kommt zwischendurch aber auch noch vor: Walter (li.) und ich (re.) im Prückel am Stubenring. Echt guter Topfenstrudel! (© ZDF / Klaus Balzer)
Weiteres findet ihr natürlich auf der diesbezüglichen arte-Seite.
Ofiederschoan!
Nachtrag [29.10.2007]: Auf meinem (im obigen Foto abgebildeten) Laptop habe ich noch das folgende Foto finden können, das ich inmitten der Dreharbeiten gemacht habe:
Es gucken in die Kamera (v. l. n. r.): Klaus Balzer (Regie), Hardo Moritz (Ton) und Andreas Stonawski (Kamera) - alle übrigens aus Hamburg
Samstag, 6. Jänner 2007
Eine kleine Fernsehkritik
Gut Woch allerseits,
so, vor kurzem bin ich wieder in den Alltag zurückgekehrt. Inzwischen hat sich aber ziemlich viel bei mir angehäuft, weshalb ich mich vorerst etwas kürzer halten muss: Kürzlich habe ich drei Sendungen des arte-Vierteilers "Die Enthüllung der Bibel" gesehen, ein sehr interessantes Stück Bibelkritik nach der Auffassung des Tel-Aviver Archäologen Israel Finkelstein. Für ihn sowie für seinen engsten Kollegen, Neil Asher Silberman, geht es immer darum, die Funde so zu interpretieren, dass die Bibelerzählungen zur Geschichte Israels weitestgehend als eine fast konspirative, bloß ideologische Propaganda "enthüllt" werden könnten. Obwohl oder eigentlich gerade deswegen, weil die Meinungen der beiden, die für Vertreter der "Tel-Aviver Schule" in Sachen Bibelkritik gehalten werden können, von vielen anderen Forschern kaum angenommen werden, tragen sie viel zur Diskussion bei und ihre Bücher erfreuen sich breiter Leserschaft. Allerdings kann man ruhig davon ausgehen, dass ihre Interpretationsversuche genau so den eigenen politischen Anschauungen dienen, wie sie es der Bibel vorwerfen.
Von diesem wichtigen Zusammenhang möchte arte, der als deutsch-französischer Sender schon von der Geographie her in der heutigen Peripherie des Faches Bibelarchäologie arbeitet, jedoch gerne absehen. Denn durch Finkelstein bietet sich anscheinend die Gelegenheit, die Bibel gerade in der westchristlichen Hochsaison zu unterminieren, ohne die Karten offen legen zu müssen - nach allem ist es hier kein "normaler" Gesprächspartner, sondern ein Jude aus Israel, der uns seine Vermutungen zu den Bibelgeschichten "enthüllen" und dennoch den Sender zugleich von der Notwendigkeit befreien sollte, doch etwas Abstand zu halten und vielleicht sogar kritisch zu sein. Dass Finkelsteins Auffassung und Annahmen sehr umstritten sind, wird also nicht einmal erwähnt. Ferner wird z. B. auch gar nicht darauf hingewiesen, dass Finkelsteins im Programm sehr oft und als einzige vorgebrachte Datierung archäologischer Funde, anhand deren er viele Bibelgeschichten widerlegen zu können glaubt, in der Tat ein Extremfall ist, der bewusst von der sonst an den Universitäten üblichen Datierungsmethode abweicht. Ganz im Gegenteil: Finkelsteins Meinungen und die vielen Interview-Ausschnitten mit ihm bilden den Kern des Programms, das größtenteils eigentlich eine kritiklose Verfilmung seines ersten Buches mit Silberman zum Thema ist. Seine Aussagen werden mit so viel Entschlossenheit vorgestellt, dass man unbewusst den Eindruck gewinnt, sie wären schon im Konsens und unter den Forschern weit verbreitet. Und um diesen Eindruck zu verstärken, werden sie auch noch durch kurze Aussagen anderer, selbstverständlich gleichgesinnter Gesprächspartner ergänzt und bestätigt. Noch einseitiger kann es einfach nicht werden.
Hätte ich es von arte als "aufklärerischem" Sender erwarten sollen? Offensichtlich doch, denn die Aufklärung als solche ist ja eine säkularisierte Religion und zwar eine fanatische. Was arte damit im Hinblick auf Politik und Propaganda bezwecken will, lässt sich leicht vermuten.
Finkelsteins Bücher (in Zusammenarbeit mit Silberman) sind höchst interessant, selbst wenn er sich auch dort erlaubt, auf die unerlässliche Auseinandersetzung mit anderen Forschern zu verzichten. Man muss sie zwar mit Verdacht lesen, aber sie bieten viel Stoff zum Nachdenken. Schade, dass er sich so gerne vom Fernsehen missbrauchen lässt, um seine Meinungen zusammenhang- und kritiklos als die einzig gültigen vorbringen zu können (was übrigens gar nicht so schlimm wäre, wenn das Programm nicht der "Enthüllung der Bibel", sondern seiner Person gewidmet wäre).
Stichwörter: Archäologie, Bibel, Fernsehen