Donnerstag, 6. September 2007

Wie entstehen Synagogen?

Beim Flug nach Israel hat sich eine Vermutung bestätigt: Im Gegensatz zur Sanierung der Synagoge in der Rykestraße, die vom deutschen Lotto und durch Denkmalschutzmittel finanziert wurde, soll einer wohl verlässlichen Quelle nach der Bau von Chabads Bildungszentrum ausschließlich durch Spenden von Juden, dazu noch vornehmlich Berliner Juden ermöglicht worden sein.

In der Tat kann ich mich nur an einen Fall erinnern, wo Chabad Berlin deutsche Gelder erhalten hat, nämlich für den Kindergarten nach dem antisemitischen Vorfall im Februar (und wenn ich mich nicht irre, war es damals ebenfalls das deutsche Lotto). Aber auch in diesem Fall ging es ja um eine Einrichtung, die ohnehin schon bestanden hat und tätig war.

Es scheint sich also ein weiterer Aspekt zu bekunden, durch den sich die Lubawitscher Herangehensweise in der deutsch-jüdischen Landschaft auszeichnet: Chabad Berlin hat zuerst eine funktionierende Gemeinde zustande gebracht, die erwartungsgemäß mithilfe der Wohlhabenden unter ihren Mitgliedern in der Lage war, die gewünschten Einrichtungen
eigenständig zu errichten.

Diesen Vorgang kann man als Entwicklung von unten bezeichnen: Eine Gemeinde entsteht aus eigener, d.h. jüdischer Initiative heraus und entwickelt sich mit eigenen Kräften selbst weiter. Nach allem weiß die Gemeinde ja am besten, was sie braucht und wünscht, und Vorhaben, die den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinde nicht gerecht werden, haben daher kaum Chancen, in Erfüllung zu gehen; es würden sich in dem Fall einfach nicht diejenigen finden, die bereit wären, das Vorhaben zu finanzieren.

Demgegenüber gibt es in Deutschland vielerorts noch immer das umgekehrte Muster, nämlich die Entwicklung von oben. Dabei hängt die Entwicklung einer Gemeinde von Außenseitern, sprich Deutschen, ab. Früher, d.h. nach der Wende, waren es deutsche Behörden, die darüber entschieden, wo eine jüdische Gemeinde künstlich "entstehen" soll. Auch heute sind es oft noch deutsche Einrichtungen, die darüber entscheiden, welche Projekte finanziert und damit verwirklicht werden sollen, wobei die geschichtsbewusste Judenpolitik natürlich eine große Rolle spielt. So wird die Sanierung einer traditionsreichen Synagoge zu einer förderungswürdigen Sache, obwohl dieses teuere Angebot eigentlich in keinem Verhältnis zur Nachfrage steht.

Folglich hat der Rabbiner, dessen Name mir leider entfallen ist (möchte mich jemand bitte daran erinnern?), in seiner Rede beim ersten Gottesdienst nach der Neueröffnung der Synagoge in der Rykestraße nicht umsonst ausgerechnet davon gesprochen (und das ist notabene kein genaues Zitat), wie wichtig es ist, dass diese Synagoge nunmehr von einer aktiven, lebendigen Gemeinde in Anspruch genommen wird. Unter normalen Umständen hätte es ja umgekehrt erfolgen müssen: Zuerst entsteht eine größere, mehr oder weniger feste Gemeinde, die nicht mehr mit privaten Räumlichkeiten zufrieden ist. Sie überlegt sich dann, was für öffentliche Räumlichkeiten sie benötigt, und prüft, welche finanziellen Mittel ihr zur Verfügung stehen. Erst daraufhin wird über den passenden Plan entschieden, der sowohl den Bedürfnissen als auch den finanziellen Fähigkeiten der Gemeinde entsprechen soll.

In Deutschland gibt es aber noch keine Normalität, und wenn diese Synagoge in ihrer überwältigenden Leerheit zugleich auch als Denkmal fungiert, so ist es doch recht, denn immerhin war der Denkmalschutz ja ebenfalls an der millionenschweren Sanierung beteiligt. Das Positive am Ganzen ist dann aber, dass dieses Denkmal glücklicherweise auch als Synagoge dient - zumindest gewissermaßen.

Nachtrag [10.09.2007]: Ein Leser hat mir per E-Mail seine Vermutung mitgeteilt, der besagte Rabbiner dürfte Leo Trepp sein. Und nachdem ich mir etliche Fotos von ihm angeschaut habe, scheint mir diese Vermutung in der Tat sehr plausibel zu sein.

Sonntag, 2. September 2007

Schwanengesang und Löwenbrüll?

Wer einen Überblick über den Zustand des Judentums im heutigen Deutschland gewinnen wollte, konnte es an diesem einen Wochenende in Berlin tun:

Einerseits die Neueröffnung von Deutschlands größter, dafür aber wohl leerster Synagoge in der Rykestraße, deren Gottesdienst einem Chorkonzert ähnelt, das man nicht stören sollte. Und andererseits das fröhliche Tanzen beim Straßenfest zur Einweihung von Chabads Bildungszentrum, das ungeachtet der bisherigen Bauarbeiten bereits eine nachweislich lebendige Gemeinde beherbergt und zusammenhält.

Möge austreten, wer nur will; in diesem Lande gehört die Zukunft denjenigen, die Jiddischkeit vermitteln können. Rabbiner Teichtal, Rabbiner Segal: Es war mir ein großes Vergnügen, euch zumindest gewissermaßen kennenzulernen. Ich bin zwar kein Lubawitscher, nicht einmal ein Orthodoxer, doch nichtsdestoweniger - oder vielleicht umso mehr? - verneige ich mich vor euch.

In diesem Sinne möchte ich von Berlin Abschied nehmen: Die Tischrei-Feiertage werde ich bei meiner Familie in jenem Land verbringen, das allen Völkern der Erde heilig und dennoch einem einzigen, Gottes eigenem verheißen ist. Nach Deutschland komme ich mit Gottes Hilfe im Oktober zurück, diesmal aber nach Heidelberg, wo ich an der Hochschule für Jüdische Studien ein Zweitstudium aufnehme.

Allen meinen Lesern und insbesondere den Berlinern wünsche ich ein gutes, wunderschönes neues Jahr,

כתיבה וחתימה טובה

Euer Yoav

Montag, 20. August 2007

Enttäuschende Wissenschaft

Wenn wir schon bei Buchkritik sind, widme ich mich einem anderen Werk, das mir ein Freund geliehen hat: Günter Mayer (Hrsg.), Das Judentum (die Religionen der Menschheit, Band 27). Stuttgart, Berlin, Köln: Verlag W. Kohlhammer, 1994. Kein neues Werk also, aber auch kein sehr altes.

Das Werk ist 526 Seiten stark. Reicht das für einen so anspruchsvollen Titel wie "das Judentum"? Anscheinend nicht, denn Band 26 in dieser Reihe heißt: Israelitische Religion. Naja, dass die Religion des Volkes Israel sich mehrmals weitgehend geändert hat, ist klar; sehr fraglich ist aber die begriffliche Unterscheidung zwischen dem "Judentum", das heute noch besteht, und der "israelitischen Religion", die der fernen Vergangenheit angehört. Damit wollen die Herausgeber wohl verhindert haben, dass irgendwelche Verrückten mit osteuropäischen Wurzeln auf die unwahrscheinliche Idee kommen, die Religion Israels in ihren verschiedenen Phasen als kontinuierlichen, sozusagen "authentischen" Entwicklungsgang zu begreifen. Allerdings setzt man damit nur eine alte Problematik fort, die bis in die Anfänge der deutschen Geschichtswissenschaft im 19. Jh. zurückgeht. Demgegenüber heißt der 28. Band in dieser Reihe schlicht und einfach das Urchristentum, ganz zu schweigen vom Islam, der in ganzen drei Bänden thematisiert wird, welche die wohl differenzierenden Titel tragen: Der Islam I, Der Islam II und Der Islam III.

Immerhin bleibt die Frage, was man in 526 Seiten alles aufgreifen kann. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät einen etwas verzerrten Blick auf die jüdische Geschichte. Erstens will sich der Herausgeber fast nur mit der Neuzeit befassen: Im Kapitel "Geschichte des nachbiblischen Judentums in Grundzügen" werden der Antike 10 Seiten, dem Mittelalter ebenfalls 10 Seiten, der Neuzeit aber 20 Seiten gewidmet und dann kommt auch noch die neueste Zeit mit weiteren 11 Seiten. Im Kapitel "Die Entwicklung der Halaka" bekommt die Antike genau 2 Seiten, das Mittelalter und die frühe Neuzeit zusammen bekommen 7 Seiten, und die späte Neuzeit bis heute bekommt in mehreren Kapiteln insgesamt 28 Seiten. Andere Beispiele gibt es auch, aber ihr versteht schon, worum es dem Herausgeber geht.

Dieses Phänomen ist notabene nicht darauf zurückzuführen, dass bis zur späten Neuzeit nicht so viel geschehen wäre, sondern vielmehr darauf, dass alles, was sich bis dahin ereignet hat, für den Herausgeber nicht so wichtig erscheint. Dies rührt wiederum wohl daher, dass es sich dabei um Entwicklungen innerhalb des traditionellen Judentums handelt, womit wir auf die zweite Verzerrung kommen: Der Herausgeber will sich fast nur mit den nichtorthodoxen Strömungen befassen, was nun die erste, chronologische Verzerrung zu erklären vermag.

Das wird bestens am Kapitel "Jüdisches Denken im 20. Jahrhundert" deutlich, das 184 (!) Seiten umfasst (zum Vergleich: Das Kapitel "die Bibel und ihre Geschichte" umfasst 35 Seiten, das Kapitel "Philosophie und Mystik [bis zum 20. Jahrhundert]" umfasst 64 Seiten). Dieses riesengroße Kapitel teilt sich in zehn Unterkapitel, die jeweils Leben und Werk einer Persönlichkeit beschreiben: Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Martin Buber, Leo Baeck, Mordechai Menachem Kaplan, Richard L. Rubenstein, Emil L. Fackenheim und Abraham Joshua Heschel. Fehlt hier etwas? Ach, ja: Neben all diesen Denkern kommt auch "das orthodoxe Judentum" zu Wort und zwar im Unterkapitel "Das orthodoxe Judentum: Rab Kook und Rabbi Soloveitschik", denen zusammen 20 Seiten gewidmet sind... Das zehnte Kapitel heißt übrigens "Die weitere Entwicklung".

Womit lässt sich diese zweite, thematische Verzerrung erklären? Sie hat wohl irgend etwas mit der Sprache zu tun. Nicht wenigen Wissenschaftlern fällt der Umgang mit der hebräischen Sprache schwer, weshalb sie gerne hebräische Quellen übersehen. Und nun ist es mal so, dass "orthodoxe" Schriften, die an die Gelehrten gerichtet sind, eben auf Hebräisch geschrieben werden.

Ich vermute aber, dass dem verzerrten Blick noch etwas zugrunde liegt, nämlich Ideologie. Um das zu beweisen, muss man nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt heranziehen. Allerdings verbiete ich mir Texte (in diesem Fall: Kapitel) zu kritisieren, die ich nicht von A bis Z gelesen habe, weshalb ich mich hierbei auf ein Kapitel beschränken muss: "Die Halaka der Konservativen", geschrieben von Phillip Sigal s. A. und Günter Mayer. Dieses Thema passt zu unserer kleinen Untersuchung eigentlich ganz gut, da es im konservativen Judentum von den Anfängen an eine Spannung zwischen zwei Neingungen gibt: Einerseits zur Reform, andererseits zur Tradition. Werden sich die Verfasser objektiv verhalten können? Fangen wir an (meine Hervorhebungen):

S. 113: "[Sabato] Morais gehörte zu denen, die in Fragen der Liturgie zu echten halakischen Konzessionen bereit waren [...]" - In einem wissenschaftlichen Text soll es weder echte noch unechte Konzessionen geben; wenn der Wissenschaftler die erforderliche Distanz bewährt, vermag er die Echtheit einer Konzession gar nicht mehr zu beurteilen. Eine derartige Beurteilung gehört sich dann auch nicht mehr. Die Verfasser wollen wohl sagen, dass die besagten Konzessionen größer waren als frühere. Nun wissen wir, dass diese Konzessionen zudem groß genug waren, damit die Verfasser sie ganz persönlich für "echt" halten. Aber in einem wissenschaftlichen Werk ist dieser persönliche Geschmack vollkommen falsch am Platz.

S. 113: "[...] auch wenn die führenden Vertreter der Konservativen anerkannten, daß gewisse Rituale obsolet geworden waren," - wo ist der notwendige Konjunktiv? - weiter: "hatten manche unter ihnen immer noch einen orthodoxen Hang zu einem Schulhan 'aruk, wenn auch einem modernen." - Warum nicht "Neigung"? Oder "Vorliebe"? Ach so, weil die Verfasser den Schulchan Aruch negativ bewerten...

S. 115: Die Verfasser zitieren Boaz Cohen und schreiben dann: "Gerade durch diese Sprache [...] unterscheiden sich selbst traditionalistische oder fundamentalistischer eingestellte Fraktionen der eigentlich zu Unrecht so genannten 'konservativen' Bewegung von der Orthodoxie." Wenn es innerhalb des konservativen Judentums Fraktionen gibt, die den Verfassern zumindest gewissermaßen fundamentlistisch erscheinen, möchte ich gar nicht wissen, was für Vorurteile die Verfassen gegen die orthodoxen Strömungen haben...

S. 116-117: Die Verfasser besprechen ein konservatives Rechtswerk: "Zum großen Teil wiederholt es die traditionelle Halaka der Orthodoxie, ohne zu berücksichtigen, daß viele dieser Normen für die religiöse Observanz konservativer Juden keine Rolle spielen" - Na und? Ein Rechtswerk soll vorschreiben, wie Menschen bzw. Juden leben sollen. Es hat ein erstrebenswertes Ideal vorzulegen und braucht das Gegenwärtige nicht zu verkoschern. Es sei denn, die Verfasser finden das jeweilige Ideal - ihrem persönlichen Geschmack nach - nicht erstrebenswert: "Aufs ganze gesehen ist diese Kompilation der Ausdruck der persönlichen fundamentalistischen Meinung ihres Autors." Naja, jeder Text ist der Ausdruck der persönlichen Meinung seines Autors - mit einer Ausnahme: Gerade wissenschaftliche Texte sollen es tunlichst vermeiden. Das ist zugegebenermaßen nicht immer leicht, aber ein guter Wissenschafter muss zumindest versuchen, sachlich zu bleiben.

S. 117-118: "Obwohl einige konservative Rabbiner immer noch glauben, daß die Frauen auch im rahmen der traditionellen Praxis religiöse Erfüllung finden könnten, ordiniert das Jewish Theological Seminary jetzt Frauen zu Rabbinern [...]" - Falscher Konjunktiv. Denn nicht nur "einige konservative Rabbiner", sondern vor allem auch viele Jüdinnen haben eine kritische, ja immer kritischere Einstellung zur (angeblichen oder tatsächlichen) Vermännlichung der jüdischen Frau in linksextremen bis linken Kreisen während der letzten Jahrzehnte. Aber vielleicht ist das Buch ja zu früh erschienen, um diese Kritik in Betracht zu ziehen.

S. 118: "Wie die Entscheidung, den konservativen Synagogen den Verzicht auf den rabbinischen zweiten Diasporafeiertag zu erlauben, so löste auch die Entscheidung, Frauen zum Minjan zuzulassen [gemeint ist: mitzuzählen, denn die Teilnahme am Gottesdienst war den Frauen ja nie verboten], in den Reihen der Orthodoxen heftige Kritik aus. Bündig kommt sie etwa bei J. David Bleich zum Ausdruck [...] Dieser Angriff [seitens Bleichs] verdient nur insofern Beachtung, als er ein Beispiel des orthodoxen Alleinvertretungsanspruchs in der Halaka ist." (auf S. 119 wird auf "den diesbezüglichen Anspruch der Orthodoxie" nochmals Bezug genommen.) Hier muss ich mich schon fragen, ob die Verfasser sich wirklich so gut mit der Materie auskennen wie sie es tun sollen. Wie kann man in einem wissenschaftlichen Werk überhaupt jemand, den man zitiert, einfach nur als "orthodox" beschreiben? Genauso gut hätten ihn die Verfassen auch als "einen Juden mit europäischen Wurzeln" bezeichnen können, denn genauso wenig kann man daraus schließen. Was ist überhaupt "die Orthodoxie"? Es gibt doch so viele Strömungen und Auffassungen, Streitpunkte und lebensstilistische Unterschiede. Was uns zur eigentlichen Frage bringt: Wie sollte es denn einen "orthodoxen Alleinvertretungsanspruch in der Halaka" geben können, wenn es nicht einmal eine "orthodoxe Halacha" gibt? Das Einzige, was allen "orthodoxen" gemeinsam ist, ist die eher theoretische Verpflichtung zum Schulchan Aruch (und bei manchen jemenitischen Juden: zum Mischne Tora). Sie ist deswegen theoretisch, weil es heute keine Gemeinde gibt, deren Bräuche und Riten wirklich dem Kodex entsprechen, den Karo vor fast fünf Jahrhunderten zusammengestellt hat. Diese Unterstellung seitens der Verfasser hört sich fast so an wie die alten Verschwörungstheorien gegen "die Juden", die trotz aller inneren Unterschiede ein gemeinsames - und wohl nur zufälligerweise ebenfalls negatives - Ziel hätten erstreben sollen.

So, mit diesem Kapitelchen bin ich fertig, und das waren ja nur 8 Seiten. Was kann man also sagen? Mit ihrer wiederholt unsachgemäßen Haltung bzw. Ausdrücksweise kommen die Verfasser leider kaum durch. Mir kommt es folglich so vor, als verträten nicht die in diesem Kapitel Kritisierten, sondern vielmehr die Kritiker eine fundamentalistische, weil linksextreme Haltung. Andere Kapitel möchte ich nicht kommentieren, weil ich sie, wie gesagt, aus Zeitgründen nicht durchlesen konnte. Aber gerade an diesem Kapitel war auch der Herausgeber, Günter Mayer, als Mitverfasser beteiligt. Und für das oben besprochene Inhaltsverzeichnis, d.h. für die Struktur dieses Werkes, war der Herausgeber natürlich auch verantwortlich. Ob diese Kongruenz zufällig ist?

Sonntag, 12. August 2007

Der Rabbi, der ein vorzeitiger Pazifist sein sollte

Vorige Woche habe ich ausnahmsweise ein Kinderbuch gelesen (immerhin gefällt mir das Gefühl, auf gleicher Augenhöhe angesprochen zu werden): Marc-Alain Quaknin und Dory Rotnemer, Der Rabbi, der seine Geschichten verschenkte. Erzählungen aus dem Judentum (Lahr: Verlag Ernst Kaufmann, 1997 [Gallimard, 1994]); aus dem Französischen von Daniela Nußbaum-Jacob, religionswissenschaftliche Beratung von Dr. Ilas Körner-Wellershaus.

In diesem einladend gestalteten und schön illustrierten Buch findet man sechs Bearbeitungen von Erzählungen aus der jüdischen Tradition, umgeben von allerhand Wissenswertem, das mehr oder weniger mit der jeweiligen Erzählung zusammenhängt. Abgeschlossen wird das Buch mit drei ebenfalls kindergerechten Einführungen ins Judentum. Bemerkenswerterweise sind die Angaben trotz der notwendigen Vereinfachung i. d. R. zutreffend formuliert. Nur eine Stelle hört sich ganz merkwürdig an, und zwar die wichtigste, nämlich der rückseitige Werbetext (meine Hervorhebung):

Sechs Erzählungen aus [soll es hier übrigens nicht "von" heißen - wegen "von ... bis" - ?] der biblischen Zeit Salomons bis hin zu den Ereignissen um einen Rabbi im Russland des 19. Jahrhunderts zeigen auf, wie die Juden in vielen Ländern und zu verschiedenen Zeiten gelebt haben. Lebendig geschildert wird dabei auch, wie sie Probleme stets durch Nachdenken und nicht mit Gewalt gelöst haben.

Da stellen sich gleich doch einige Fragen: War es denn wirklich so, dass die Juden sich "stets" gewaltlos verhielten? Und in den Fällen, wo es tatsächlich so war - wollten sich die Juden so verhalten? Und konnten sie auf diese Weise überhaupt das Problem lösen? Oder haben eher manche Nichtjuden selbst für eine "Lösung" gesorgt?

Im Einklang mit dem Werbetext wagen die jüdischen Figuren, mit denen sich die jungen Köpfe bekannt machen sollen, nie, Gewalt auszuüben; selbst nicht dann, wenn sie verfolgt werden - etwa in der Geschichte vom Prager Rabbi Löw, wo es zu einem bevorstehenden Pogrom kommt:

Das Tor sprang auf und die Christen ["die Christen"? A-l-l-e ?!] drangen in wildem Durcheinander in die Synagoge.

Und was machen dann die Juden?

Starr vor Entsetzen drängten sich die Juden in einer Ecke zusammen.

Macht euch aber, liebe Kinder, keine Sorgen: Am Ende kommt der Prinz und rettet die Prinzessin. Dem wirklichkeitsfremden Golem ist es nämlich in diesem Kinderbuch erlaubt, Gewalt auszuüben, wenn es nötig ist. Den jüdischen Prinzessinnen ist so etwas leider nicht gestattet.

Das Buch ist in der Reihe "Geschichte vom Himmel und der Erde" erschienen. Neben dem altruistischen Rabbi liegen bereits Kinderbücher zum Islam, Hinduismus, Christentum, Buddhismus u. a. vor. Wahrscheinlich sind die anderen Bücher nicht mit demselben Werbetext versehen, also scheint hier die Gewaltlosigkeit eine vermeintlich typisch jüdische Tugend zu bilden. Aber warum? Warum will man die Juden - heutzutage! - überhaupt so darstellen? Was wird damit bezweckt?

Ich vermute, dass mit diesem scheinbar harmlosen Judenbild den jungen, unkritischen Lesern suggeriert werden soll, dass "richtige" Juden die Gewalt scheuen würden, wie es die "guten" Figuren tun, denen die Kinder im Buch begegnen. Und die neuen Hebräer in Palästina, denen die Kinder im Fernsehen begegnen können? Ach, die sind anscheinend keine richtigen Juden - und schon gar nicht gut.

Die verlorene Norm und die ersehnte Brüderlichkeit: a langes Wörtl far Mozej-Schabbes-Kojdesch Par. "Re'e"

In der Parscha der vorhin ausgegangenen Woche heißt es: "Lo titgodedu" (5. Mose Kap. 14:1), d.h. "ihr sollt nicht ..." - nicht was? Aus Raschis Kommentar zu diesem Wort, das auch sonstwo in der Bibel vorkommt (vgl. 1. Könige 18:28; Jeremia 16:6, 41:5, 47:5) lernen wir, dass es sich hier um das Verbot handelt, den eigenen Körper so wund zu ritzen, wie es die Amoriter machten, um auf diese Weise ihre Trauer über den Tod eines Verwandten o. Ä. zum Ausdruck zu bringen. Aus der Tosefta (Makot 3:9) lässt sich folgern, dass dieses Ritzen in der amoritischen Religion mit einem besonderen Gerät ausgeführt wurde, wahrscheinlich bis das Fleisch blutete: "Wer sich bei Todesfällen mit der Hand wund ritzt, ist [von Strafe] befreit [weil hier anscheinend kein Götzendienst zu vermuten ist]; wer es aber mit einem Gerät tut, der soll bestraft werden; wer es als Götzendienst - egal, ob mit der Hand oder mit einem Gerät - tut, der soll bestraft werden". Tur-Sinai übersetzt es folgendermaßen (ich führe den ganzen Vers an; kursiv steht das besagte Verbot): "Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes. Ihr sollt euch keine Einschnitte machen und keinen Kahlschnitt zwischen euren Augen anbringen um eines Toten willen." Die ursprüngliche Bedeutung dieses Verbots ist also, etwas zu vermeiden, was unter den seinerzeitigen, andersgläubigen Bewohnern des Landes üblich war. Das Verbot kommt also in einem klaren Zusammenhang vor, denn es gibt zahlreiche andere Verbote mit demselben Sinn, insbesondere in diesem Wochenabschnitt.

Der Talmud (Jewamot 13:2) bringt eine andere Interpretation vor: "Ihr sollt euch nicht in (eigenständige) Gruppen aufteilen". Diese Interpretation lehnt sich an ein sehr ähnliches Verb an, das zuweilen gleich geschrieben wird und "sich versammeln", "sich zu einer Gruppe formen" bedeutet (vgl. Jeremia 5:7); manchmal ist es sogar nicht klar, welche Bedeutung gemeint ist (vgl. Micha 4:14). Auch wenn sie inhaltlich eher zusammenhangslos erscheint, ist diese Interpretation zumindest in sprachlicher Hinsicht akzeptabel. Immerhin spielt die Einheit eine große Rolle, weil die Identität Israels nicht nur auf dem gemeinsamen Recht, sondern vor allem auch auf der gemeinsamen Herkunft basiert. Zudem scheint die erste Bedeutung seit Jahrtausenden keine richtige Herausforderung mehr zu bilden: Der amoritische Brauch ist so sehr in Vergessenheit geraten, dass Raschi es ja für notwendig erachtet hat, dieses Verbot zu erklären. Und so bleiben wir praktisch mit der späteren Interpretation: uns nicht in Gruppen aufzuteilen.

Und es ist tatsächlich diese Verurteilung der Aufsplitterung, die uns seit eh und je Schwierigkeiten bereitet. Früher waren es etwa das geteilte Königreich zur Zeit des ersten Tempels, die rivalisierenden Sekten zur Zeit des Zweiten Tempels, der Kampf gegen die Karäer usw. usf. Heutzutage gibt es Chassidismus im Allgemeinen und Chabad-Lubawitsch mit ihren Eigentümlichkeiten im Besonderen; aschkenasische Litwaks; sephardische Ultraorthodoxe; Nationalreligiöse mit sehr verschiedenen Auffassungen; der ebenso vage wie weit verbreitete Traditionalismus nach israelischer Art; die (langsam verschwindende?) "moderne Orthodoxie" nach US-amerikanischer Art; die noch auf der Suche befindlichen "Conservadoxen"; das neue konservative Judentum der letzten 25 Jahren (das sich auch weiterhin aufzusplittern scheint); das "linksextreme" Reformjudentum; und daneben auch andere Strömungen, die nicht unbedingt an Gott glauben...

Doch im Grunde genommen, wenn auch pauschalisierend, lassen sich die gläubigen Strömungen in zwei "Parteien" zusammenfassen, die es als solche freilich nicht gibt: Einerseits das "orthodoxe Judentum", d.h. die Strömungen, deren Ideal (und oft auch die Praxis) ist es, die Anweisungen im Schulchan Aruch, dem reichlich kommentierten, weil grundlegenden Rechtswerk des Judentums in der Neuzeit, zu befolgen (nebenbei bemerkt: für manche jemenitischen Juden ist es der Mischne Thorah des Maimonides); andererseits das "liberale Judentum", d.h. jene Strömungen, die aus unterschiedlichen Gründen sehr verschiedene Änderungen an diesem Grundwerk vorgenommen haben. Wie immer, wenn es sich um weltanschauliche Fragen handelt, scheint auch hier keine Versöhnung möglich zu sein. Konservative Juden verstehen sich mit Reformjuden weit besser als mit Litwaks, die sich wiederum - trotz aller "innerparteilichen" Kontroversen - weit besser mit Chassidim verstehen als mit Reformjuden.

Den Stein des weltanschaulichen Anstoßes bildet hier die Frage: Wie gilt es mit dem von allen ererbten jüdischen Recht umzugehen? "Die Liberalen" sagen, dass das jüdische Recht in unserer Volksgeschichte immer wieder aktualisiert, verändert oder durchaus reformiert wurde; und historisch betrachtet haben sie Recht: Man denke etwa an die "Neugründung" des Judentums durch Esra & Co. oder an die große Reform durch Rabban Gamliel von Jawne & Co., die das Fortbestehen Israels nach der Zerstörung des zweiten Tempels ermöglichte. Also, sagen "die Liberalen", warum soll man mit den Reformen nicht weitermachen, um die ererbte Tradition an die veränderten Umstände, diesmal also an die Moderne anzupassen? Jedoch haben "die Orthodoxen", die als "Kontrarevolutionäre" ebenfalls ein Produkt der Moderne sind, wohl begründete Ängste vor massiven Änderungen am jüdischen Recht. In der jüngeren Geschichte sind derartige Änderungen allzu oft in die Assimilation bzw. Akkulturation gemündet (3. Mose 18:3: "Ihre Bräuche sollt ihr nicht befolgen"). Außerdem wurden mit den beiden großen Reformen der Antike die Grundlagen schon weitgehend festgelegt, was nicht viel Platz für weitere Änderungen übrig lässt. Aber ausschlaggebend ist wohl die bloße Tatsache, dass die Moderne - im Gegensatz zu den Umständen bei den früheren Reformen - kein Zustand ist, der eine Reform erzwingt; ganz im Gegenteil: Dank moderner Technik und Technologie ist das Leben nach den Anweisungen des Schulchan Aruch weit leichter geworden.

Also? Hoffnungsloser Zustand des ewigen oder zumindest noch lange andauernden Kampfes? Nu, auch ein langes Wort soll sein a Wort, d.h. ein Happy Ending haben. Und so kommen wir auf unsere Parscha zurück, denn noch vor dem "lo titgodedu" heißt es (5. Mose 13:1): "Alles das, was ich euch gebiete, sollt ihr zu tun bedacht sein; du sollst nichts hinzufügen und nichts davon mindern." Das erinnert uns wohl an etwas, denn erst vor zwei Wochen haben wir gelesen (5. Mose 4:2): "Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das ich euch gebiete, und davon nichts mindern, zu wahren die Gebote des Ewigen, eures Gottes, wie ich euch gebiete." Dieses doppelte Verbot heißt im jüdischen Kanon "bal tosif" - aber wozu die Wiederholung? Der Wilnaer Gaon meint, die Wiederholung weist darauf hin, dass die beiden herkömmlichen Interpretationen zugleich richtig sind, nämlich: 1. es ist verboten, ein neues Ge- bzw. Verbot einzuführen oder ein bestehendes zu tilgen (d.h. das "Was" zu ändern); 2. es ist verboten, die vorgeschriebene Durchführung eines Gebotes zu erweitern oder zu verringern (d.h. das "Wie" zu ändern).

Nun ist aber so, dass man sowohl bei der einen als auch bei der anderen Partei weitgehende Abweichungen vom ursprünglichen Sinn des biblischen Textes feststellen kann. Ich meine jetzt nicht die Sachen, wo die mündliche Überlieferung notwendigerweise den schriftlichen Text ergänzt, z.B. bei der Praxis der Tfillin, die im schriftlichen Text nicht erläutert wird; sondern die zahlreichen "Sicherheitszonen" um das biblische Recht herum, die die alten Weisen verfügt haben, z.B. die Gleichsetzung von Geflügelfleisch mit Viehfleisch. Man kann also sagen, dass "die Liberalen" links von der rechtlichen Norm, "die Orthodoxen" hingegen rechts von der Norm stehen (aber nicht unbedingt in denselben Fragen).

Meiner Meinung nach sollte diese Norm, wenn möglich, wiederhergestellt werden. Wer "extra leisten" möchte, dürfte es auch weiterhin tun, jedoch gölte es dann eben als "Extraleistung", als das halachische Ideal und nicht mehr als die zu erwartende Norm. Der Begriff der Extraleistung - auf Hebräisch: "Chumra" (bei Verboten) oder "Hidur Mizwa" (bei Geboten) - ist im jüdischen Recht schon tief verankert und wird auch verschiedentlich angewandt.

Für die "liberale Partei" würde es heißen, die Norm zu erhöhen und auch dann hoch zu halten, wenn die Gemeinde sich nicht allzu gut daran hält. So war es z. B. bei den einstigen Konservativen in den USA, die sich nunmehr lieber als "conservadox" bezeichnen, nachdem das konservative Judentum in den letzten 25 Jahren extremer "Reformisierung" ausgesetzt gewesen ist; so war es auch in vielen modern-orthodoxen Synagogen (inzwischen hat aber auch diese Strömung wesentliche Änderungen durchgemacht und zwar in Richtung Ultraorthodoxie); und so ist es seit langem bei den orthodox gesinnten, aber nicht unbedingt orthodox lebenden Traditionellen in Israel (auf Hebräisch: "Masortijim", die aber nichts mit der konservativen "Masorti"-Bewegung zu tun haben). Meines Erachtens gibt es tatsächlich viele Juden, die aus ihrem (jeweils unterschiedlichen) Lebensstil keine neue, verbindliche Norm machen wollen und daher einer Gemeinde angehören wollen, deren "amtliche Norm" höher liegt als ihr (d.h. der Ersteren) eigener Lebensstil.

Fassen wir also den ganzen Gedankengang zusammen: Wie könnte man heutzutage das "lo titgodedu" befolgen? Indem man sich ans vorangehende und ebenso wichtige "bal tosif" hielte und auf diese Weise einen Kompromiss zwischen den beiden "Parteien" fände. Ja, das ist nichts mehr als ein Traum - dessen bin ich mir schon bewusst. Aber wie hat es jener assimilierte Jid formuliert? Wenn ihr es wollt...

Und in diesem Sinne: a gutn Chojdesch!

P.S. Apropos Herzl fällt mir was ein. In einer der wichtigsten Bibelstellen heißt es (4. Mose 15:39): "Und es soll euch zu Merkquasten sein, daß ihr es anseht und aller Gebote des Ewigen gedenkt und sie ausübt und nicht nachgeht eurem Herzen und euren Augen, denen ihr nachbuhlt" - Wos hejsst "ajer Harz"? Dos is Herzl! Un wos hejsst "ajere Äugn"? Dos is Kuk! ("Kukn" auf Jiddisch bedeutet auf Deutsch "gucken"... Ein uralter Witz eben, aus ultraorthodoxen Kreisen)

Sonntag, 5. August 2007

In der Tat a gute Kasche

Damit nicht der Eindruck entsteht, Chabad-Lubawitsch hätte "Immunität" vor meiner Kritik, nehme ich Bezug auf Chabad Berlins letzte "Jüdisches"-Ausgabe (Tammus/Aw 5767 bzw. Juli/August 2007). In der Rubrik "Frage und Antwort" hat man diesmal unter dem Titel "Warum ist das jüdische Gesetz so pingelig?" folgende Frage gebracht (das englische Original finden Sie hier; die deutsche Übersetzung hier):

Warum ist die jüdische Religion so von unwichtigen Details besessen? [...] Mir scheint, das größere Bild geht verloren, wenn man so viel Wert auf Nebensächliches legt. [...] Übrigens habe ich Ihnen diese Frage vor einer Woche schon einmal geschickt, aber keine Antwort erhalten. Haben Sie endlich einmal eine Frage bekommen, die Sie nicht beantworten können?

Und dann die Antwort von Rabbiner Aron (Aharon) Moss (laut chabad.org Lehrer für Kabbalah, Talmud und praktisches Judentum in Sydney, Australien):

Ich habe nie behauptet, alle Antworten zu kennen. [...] Ihre Frage habe ich allerdings sofort beantwortet. Dass Sie meine E-Mail nicht erhalten haben, ist schon die Antwort auf Ihre Frage!

Als ich Ihre Adresse tippte, habe ich nämlich den Punkt von dem "com" weggelassen. Ich dachte, Sie würden die Mail trotzdem bekommen, denn es handelte sich ja nur um einen kleinen Punkt. [...] Kann jemand so pingelig sein, zwischen "yahoocom" und "yahoo.com" zu unterscheiden? Ist es nicht lächerlich, dass Sie meine E-Mail nur wegen eines kleinen Punktes nicht erhalten haben?

Nein, es ist nicht lächerlich. Denn der Punkt ist mehr als ein Punkt. [...] Mir mag er unwichtig erscheinen, aber das liegt nur an meiner Unwissenheit, was das Internet anbelangt. [...]

Das jüdische Leben ist unendlich tief. Jede Nuance und jedes Detail enthält eine Welt an Symbolik. Und jeder Punkt zählt. [...]

Moss' Punkt (ha ha) ist klar; den Vergleich finde ich aber eher ungeschickt, denn damit wird der Abgrund zwischen Mensch und Maschine umso deutlicher. Der Computer ist eine Maschine, die nicht einmal für "dumm" gehalten werden kann, da es auch keine wirklich "klugen" Maschinen gibt; es kommt ja alles darauf an, wie der Mensch sie baut. Dieser hingegen ist ein intelligentes Lebewesen, das von alleine verstehen kann, was bspw. mit "Rathouse Schteglits" gemeint wird, sofern er sich mit der Materie (Berlin) auskennt. Möchten wir nun Gott, der sich mit der Schöpfung höchstwahrscheinlich auskennt, wirklich mit der Maschine gleichsetzen?

Offen gestanden, finde ich jetzt die Frage erst recht angebracht. Mir scheint tatsächlich, dass die halachische Norm stark "angeschwollen" ist und daher vorsichtig verringert werden soll; dementsprechend zu erweitern wäre dann das halachische Ideal.

Ein jüdisches Sprichwort sagt: Wenn der Gerechte des Städtls täglich nur 10 Minuten weniger lernte, würde der Schmied schon gar nicht mehr lernen. Aber wo sind heute die Schmiede? Sterben sie als "geistige Klasse" langsam aus? Lasst uns sie doch lieber reemanzipieren...

P.S. Wenn wir schon bei Verringerung sind: Ich kann schon verstehen, wie mancher auf die Idee kommt, "G-tt" statt "Gott" (oder "g-d" statt "god" usw.) zu schreiben. Und das sogar am Computer bzw. im Internet. Aber liebe Leute: Es gibt nichts, wirklich nichts, was an diesem Fremdwort - das ja zudem auch noch in einer fremden Schrift geschrieben wird - heilig sein könnte. Ganz im Gegenteil: Wenn man undifferenziert allerlei heiligt, verliert gerade das an Bedeutung, was wirklich als heilig zu erachten ist.

Samstag, 4. August 2007

Zum Wesen Israels und der Übertrittsfrage

In "Ekew", der Parsha der vorhin ausgegangenen Woche (wie in anderen Wochenabschnitten auch), macht Gott den Kindern Israels ein Angebot, "das man nicht ablehnen kann": Wenn sie sich an die göttliche Moral halten, die Ureinwohner vertreiben, deren Götzen vernichten usw. usf., wird es ihnen im Verheißenen Lande gut gehen; sonst wird Gott Israel genau das antun, was er mit den anderen Völkern vorhat. Interessanterweise wird diese Sonderstellung Israels hier sowie anderwärts immer wieder auf den Bund zurückgeführt, den Gott mit den Erzvätern geschlossen hat, z. B.: "So gedenke des Ewigen, deines Gottes, denn er ist es, der dir Kraft gibt, Vermögen zu schaffen, auf daß er seinen Bund halte, den er deinen Vätern geschworen, wie jetzt geschieht." (Dwarim 8:18, ins Deutsche von N. H. Tur-Sinai)

Bekanntermaßen wird zuerst Abraham, dann Isaak und schließlich Jakob jeweils auserwählt. Mit Jakob bzw. Israel hört das Auswahlverfahren auf; es ist seine Nachkommenschaft, die Gottes eigenes Volk bildet. Den Anspruch auf diese Sonderstellung - oder die Pflicht, in dieser Rolle zu figurieren - haben wir also ausschließlich deswegen, weil wir Israels Nachkommen sind. Gottes Volk sind wir also nicht deswegen, weil wir die Torah am Sinai bekommen haben, sondern im Gegenteil: Die Torah haben wir bekommen, weil wir Gottes Volk sind, was wiederum unserer Blutlinie entspringt.

Und das erinnert mich an eine Erfahrung, die meine Gedanken wohl geprägt hat: Vor ein paar Jahren - das war kurz vor dem israelischen Unabhängigkeitstag - habe ich im Rahmen meines politischen Engagements eine neue Unabhängigkeitserklärung für den Staat Israels verfasst; die bisherige hat recht wenig mit dem Judentum zu tun, also habe ich sie umgeschrieben und dabei den ursprünglichen Stil bewährt, damit die Korrekturen gleich auffallen. Zum Beispiel: Ben-Gurions Fassung fängt mit folgender Aussage an: "Im Lande Israels kam das jüdische Volk zustande [...]"; dies habe ich in der ersten Fassung (es gab mehrere) ersetzt durch: "Am Berg Sinai entstand das Volk Israel [...]". Die verbesserte Erklärung habe ich herumgeschickt; die Resonanz war i. d. R. positiv, manchmal wurde auch Kritik geäußert. Eine Antwort bewahre ich besonders gut auf, nämlich die von Rabbiner Uri Sherki, der in derselben politischen Bewegung mitwirkt und mir damals Folgendes geschrieben hat:

Meiner Meinung nach gilt die Aussage, dass das Volk Israel am Berg Sinai geboren wäre, als Ketzerei [doppelte Hervorhebung im Original], weil sie den nationalen Charakter Israels leugnet und unsere ganze Identität auf religiöser Grundlage aufbauen möchte [...] Es sei daran erinnert, dass Mose der ultra-orthodxen Versuchung widerstand, mit der Gott ihn prüfen wollte, als er ihm sagte, er würde Israel vernichten, weil es gegen die Sinai-Lehre verstieß; da erwiderte Mose [Schmot 32:13]: "Gedenke es Abraham, Jizhak und Israel [deinen Knechten, denen du bei dir geschworen hast...]" - das heißt, dass [das Volk] Israel zuallererst Nachkommen der Erzväter und erst nachher [=daraufhin] Jünger Moses sind.


Vor diesem Hintergrund erscheint die Übertrittsfrage recht schwierig. Im Gegensatz zum Christentum, das auf dem Glauben an die heilsgeschichtliche Rolle Jesu, d.h. auf einer Idee basiert, zu der man sich "einfach" bekennen kann, spielt im Judentum die Idee (verkörpert v. a. im jüdischen Recht) eine erst zweitrangige Rolle; sie unterliegt nämlich dem (angeblich) objektiven Umstand, dass man Jude ist (oder nicht). So dürfen sich Nichtjuden z. B. nicht an die Schabbes-Vorschriften halten; sonst sollten sie mit dem Tode bestraft werden. Übertrittskandidaten, die sich auf ihr neues Leben vorbereiten, müssen daher jeden Schabbes einen kleinen Verstoß gegen die Schabbes-Vorschriften begehen. Erst wenn man Jude wird, darf bzw. muss man sich an das jüdische Recht halten. Doch wie kann man eigentlich Jude werden, wenn es auf ein Glaubensbekenntnis ankommt, d.h. wenn die Sache von vornherein nicht universell gemeint ist?

Diese Frage beantwortet die lurianische Kabbalah mithilfe von Begriffen ("Funken" und "Schalen") aus dem eigenen System dieser Mystik. Sieht man davon ab, so bleibt die rechtsphilosophische Frage bestehen: Wie kann ein nichtjüdisch Geborener in eine fremde Blutlinie eintreten?

Im Judentum gibt es eigentlich keine Nachnamen; man (X) ist der Sohn (bzw. die Tochter) seines Vaters (Y) und seiner Mutter (Z), je nach der Situation: Wenn man bspw. in der Synagoge zum Lesen von der Thora aufgerufen wird, heißt man "X, der Sohn von Y". Wenn man aber - Gott behüte - krank wird und andere wollen Gott um seine Genesung bitten, heißt er "X, der Sohn von Z". Und warum habe ich es erwähnt? Weil Proselyten, die als Neugeborene nichts mehr mit den biologischen Eltern zu tun haben sollen, interessanterweise dem Erzvater Abraham und der Erzmutter Sarah zugeschrieben werden, was nun genauso für die Araber in ihrer Rolle als Ismaeliten sowie für die Christen in der Rolle Esaws gilt.

Mit anderen Worten: Proselyten werden - auch bzw. gerade nach dem erfolgreichen Übertritt - nicht dem Erzvater zugeschrieben, der am Ende des göttlichen Auswahlverfahrens steht: Jakob bzw. Israel. Der Bezug des Proselyten auf die Blutlinie Israels ist also eher problematisch, d.h. ein nichtjüdisch Geborener kann in diese Blutlinie nicht wirklich eintreten. Dies hat z. B. zur Folge, dass einem Priester (heb. Cohen) eine Proselytin verboten ist (d.h. er darf sie nicht heiraten oder begatten).

In diesem Zusammenhang wäre es wohl gut zu bemerken, dass im Judentum - im Gegensatz zur üblichen (aber falschen) Meinung - nicht die Mutter, sondern der Vater die Blutlinie bestimmt (vgl. etwa bei Leviten im Allgemeinen und bei Priestern im Besonderen). Nur bei Mischehen jeder Art wird der Vater ausgeschlossen und die Blutlinie nach der Mutter bestimmt. Und dennoch: Eine jüdisch Geborene, bei der die Mutter zwar Jüdin, der Vater aber keiner ist, ist einem Priester ebenfalls verboten.

Bei den Kindern des (bzw. der) Proselyten tritt diese Schwierigkeit übrigens nicht mehr auf. Das Kind X ist dann einfach der Sohn (bzw. die Tochter) des Vaters Y und der Mutter Z (der übergetretene Elternteil hat bei seiner Neugeburt einen neuen, hebräischen Namen bekommen).

a gut Woch,
Yoav

P.S. Woran lässt sich eine gute Bibelübersetzung am schnellsten erkennen? Eine Faustregel: Man schlägt die erste Seite auf und prüft, ob in Bereschis (1. Mose) 1:5 nicht "erster Tag" oder "Tag eins", wie in den christlichen Übersetzungen üblich, sondern "ein Tag" geschrieben steht. Der Grund für diese im hebräischen Original vorhandene Differenzierung ist, dass es bis zum zweiten Tag noch keine Reihenfolge und folglich auch noch kein erster Tag gab. Unter den deutsch-christlichen Übersetzungen ist die revidierte Elberfelder m. W. die einzige, die diese Prüfung besteht.

Freitag, 3. August 2007

Himmel auf Erden

Ohne unnötigen Kommentar:

http://shalomania.com

a gutn Schabbes, taiere Jidn!

Samstag, 28. Juli 2007

Manchmal

...stolpert man über eine Webseite, die man halt teilen muss. Dieses Mal: Künstlerische Holocaustaufarbeitung, die womöglich auch ohne besondere Hebräischkenntnisse verständlich ist: http://www.armadil.net/work.asp?id=92

Jedenfalls würde ich mich über die Interpretationsversuche derer freuen, die gar kein Hebräisch können.

Im Übrigen ist seit kurzem meine Magisterarbeit zur Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR frei zugänglich: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.com

Donnerstag, 26. Juli 2007

a seltsamer Schiddech

Heute habe ich erfahren, dass angehende, am Geiger-Kolleg studierende Reformrabbiner, darunter auch eine Frau, ihr Israel- bzw. Jerusalemjahr am kürzlich gegründeten Steinsalz-Zentrum verbringen. Ich gehe mal davon aus, dass die meisten unter euch den vornehmen, herzlichen und leistungsstarken Rabbiner Adin Ewen-Israel (geb. Steinsalz) noch nicht kennen: Ganz kurz gefasst, ist er a Baal-Tschuwe, a gewor(d)ener und äußerst überzeugter Chossid im Allgemeinen und ein sehr berühmter Lubawitscher im Besonderen. 1965 hat er das "israelische Institut für taldmudische Veröffentlichungen" gegründet, wo seither - mit großem Erfolg - v. a. an der hebräischen Übersetzung des babylonischen, seit kürzerem auch des Jerusalemer Talmuds gearbeitet wird. Für diese Erschließung des zweitwichtigsten Textes im jüdischen Kanon hat er 1988 den Israelpreis verliehen bekommen. Seit 2005 figuriert er auch als Präsident der erneuten Sanhedrin, die die höchste Instanz der orthodox-jüdischen Weltjustiz bilden soll - was das Reformjudentum nie wird anerkennen können, da es selbst nie anerkannt werden wird. 2006 hat er sein neues Zentrum eröffnet, wo Erwachsenen nichtakademische, sozusagen freizeitliche Kurse zum (selbstverständlich orthodoxen) Judentum, insbesondere zur Kabbalah (jüdischen Mystik und Grundlage des später entstandenen Chassidismus) angeboten werden.

Selbstverständlich ist den angehenden Rabbinern und Rabbinerinnen des Geiger-Kollegs nicht untersagt, an diesen Kursen teilzunehmen, falls sie sich dafür interessieren (und das sollten sie jedenfalls tun!). Aber wie kommt es zur Zusammenarbeit zwischen den beiden Einrichtungen, die fast nichts miteinander zu tun haben und eigentlich ganz andere, ja entgegengesetzte Wege beschreiten? Da kann man sich schon Einiges vorstellen; meine Vermutungen bleiben aber noch in meinem Köpfl. Jedenfalls haben jetzt diese Studenten die wunderbare Gelegenheit, viel Neues zu lernen und sich dabei selbst in eine ganz neue Richtung zu entwickeln. Wie sie sich aber nachher zum alten Studienort noch verhalten werden, wird sich noch zeigen.

P.S.
Die Geiger-Studenten sind mir zwar nicht persönlich bekannt, aber es wäre ja nicht auszuschließen, dass mancher unter ihnen in Jerusalem im Allgemeinen und an dieser Einrichtung im Besonderen nicht als Jude anerkannt werden kann...

P.S.2
Und dabei können sich die Geiger-Leute, soweit ich weiß, nicht einmal in Berlin mit den Lubawitschern verstehen...

P.S.3
Wenn ich mich recht daran erinnere, was in den Newsletters des Steinsalz-Zentrums steht (den letzten habe ich schon gelöscht), bekommen Frauen und Männer den Unterricht zuweilen nur getrennt erteilt; manche Kurse sind auch nur für Frauen, andere nur für Männer bestimmt. Naja, das habe ich von den Entscheidungstreffenden am Geiger-Kolleg, die sonst ja das Schlagwort Gleichberechtigung praktisch zum Dogma erheben, nicht erwartet.

Montag, 23. Juli 2007

a Link farn 9. Aw

"So spricht der Herr der Heere: Das Fasten des vierten, das Fasten des fünften, das Fasten des siebten und das Fasten des zehnten Monats werden für das Haus Juda Tage des Jubels und der Freude und froher Feste sein. Darum liebt die Treue und den Frieden!" (Sach. 8:19)

Nach dem biblischen Jahreskreis, der mit dem Auszug aus Ägypten bzw. dem späteren Monat Nissan anfängt, ist Aw der fünfte Monat und das "Fasten des fünften" folglich der 9. Aw. In Israel gibt es immer mehr Juden, die sich avantgardistisch auf die freudige Zukunft dieses Tages vorbereiten: http://www.temple.org.il

Sonntag, 15. Juli 2007

Körperschaften und Gentlemen

Im Dezember habe ich einen Beitrag über das "doppelte Verhältnis" der Juden in Deutschland zum Staat, in dem sie leben, geschrieben und mich dort auf den so genannten Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung bezogen (ein weiteres Beispiel auf regionaler Ebene bildet der kürzlich unterzeichnete Hamburger Staatsvertrag). Gegen meine Sichtweise wird bisweilen eingewandt, dass die Juden doch kein Ausnahmefall seien, da die einzelnen jüdischen Gemeinden sowie der Zentralrat religiöse bzw. kirchenrechtliche "Körperschaften des öffentlichen Rechts" sind; und da haben ja auch die EKD und die Katholische Kirche in Deutschland ähnliche Staatsverträge mit Bund und Ländern abgeschlossen.

Doch gerade dieser Vergleich veranschaulicht m. E. den qualitativen Unterschied zwischen den Kirchen und den Jüdischen Gemeinden, denn Letztere - sowie der Zentralrat - werden ja nicht von Geistlichen bzw. Rabbinern, sondern von ganz "weltlichen" Politikern geführt. Ich kann mir zwar vorstellen, dass in den Gremien der EKD auch Laien tätig sind, die sich aus religiösen Gründen für ihre Gemeinden engagieren (im katholischen Fall erscheint es mir hingegen eher unwahrscheinlich, dass Laien die Kirche in solchen Sachen vertreten dürfen). Doch selbst diesen religiösen Hintergrund (Motivation, Umfeld...) ist in den jüdischen Gemeinden und dem Zentralrat nicht vorhanden.

Themawechsel: Ha'aretz erzählt in seiner Wochenendausgabe unter dem Titel "SS-Offizier und Gentleman" von SS-Brigadeführer Karl Rink, der mit einer Jüdin verheiratet und dennoch ein überzeugter Nationalsozialist war - bis auf die Judenfrage. Das Paar lebte in Berlin und hatte eine Tochter. Der a Bissl naive Rink versuchte, die beiden, die eh auch von der jüdischen Umgebung ausgestoßen wurden, zu schützen, solange er nur konnte. Doch schließlich wurde ihm ein Ultimatum gestellt: Entweder er lässt sich scheiden oder er wird als Jude (in dem Fall also Geltungsjude) behandelt. Rink entschied sich für den Nationalsozialismus. Die Frau wurde kurz nachher auf Befehl von Rinks Vorgesetztem ermordet. Im allerletzten Augenblick, am Vorabend des Krieges, erfüllte er noch sein Verprechen an seine Frau und schickte seine Tochter nach Israel, die heute in einem Kibbutz lebt. Im Kriege war er in osteuropäischen Ghettos tätig, setzte sich aber verschiedentlich für Juden ein. Nach dem Krieg erfuhr er, wie seine Frau umgebracht wurde, und ermordete seinen ehemaligen Vorgesetzten.

Später hat er Briefe mit seiner Tochter gewechselt, die lange noch davon überzeugt gewesen ist, dass er ein ausgesprochener Kriegsverbrecher war. Doch Überlebende, denen er half, haben ihr von ihm erzählt. Diese Zeitzeugen haben ihm auch die Möglichkeit verschaffen, nach Israel einzureisen ohne in Haft genommen zu werden. Eine Woche vor seiner geplaten Reise verriet ihm sein Herz und er starb in Berlin.

Eine in Deutschland wohl noch unbekannte Figur?

Donnerstag, 12. Juli 2007

Wie jüdisch darf der Judenstaat sein?

Nach ein paar Enttäuschungen - alle ganz meinerseits - habe ich in Berlin versucht, politische Israel-Veranstaltungen zu vermeiden. Israelis, die hierher kommen, um zu einem mehr oder weniger politischen Thema zu referieren, neigen nämlich leider allzu oft zu Linksextremismus. Es dauert dann a bissl, bis ich mich wieder beruhigt habe.

Trotzdem war ich heute in der israelicshen Botschaft mit einer Studentengruppe bei einem Vortrag von Dan Golan, dem Leiter der Kulturabteilung, über "Kulturen in Israel". Dabei hat er viel behauptet, womit ich nicht einverstanden war, aber besonders aufgefallen sind mir drei Punkte (ich zitiere aus dem Gedächtnis; das Gespräch fand auf Englisch statt, da er kaum Deutsch kann):

1. "Es gibt in der Kultur Israels keine Klassik, da der Staat erst 1948 gegründet wurde." Nach dem Vortrag habe ich darauf hingewiesen, dass es nach diesem Prinzip auch keine deutsche Klassik gäbe, da der heutige deutsche Staat, die BRD, erst 1949 gegründet und 1955 unabhängig wurde; trotzdem sind die Kulturvertretungen dieses neuen Staates weltweit nach einer Person benannt, die ja bereits 117 Jahre vor Staatsgründung starb: Goethe. "Da waren die Deutschen aber auch vorher auf verschiedene Weise souverän." Auch die Polen waren in den letzten Jahrhunderten lange nicht wirklich, nicht überall und manchmal auch halt gar nicht souverän, und trotzdem versuchen sie nicht über diese Zeit hinwegzusehen, erwiderte ich (übrigens: Was heißt hier überhaupt "souverän"? Der Dichter ist ja als solcher immer souverän!). Warum soll denn etwa die hebräische Dichtung von Jehuda HaLevi ausgeschlossen werden? "Man muss aber auch eine sprachliche Kontinuität haben", hat er mir geantwortet, "ich kann diese Texte nicht verstehen." Nanu! Diese Dichtung ist ja Pflichtlektüre an israelischen Schulen! Und außerdem ist die Sprache eigentlich dieselbe, nur wird sie heutzutage als gehoben empfunden.

Um ihn aber vor dem deutschen Publikum nicht in Verlegenheit zu bringen, habe ich ihm einfach gesagt, dass gewöhnliche Deutsche heute mittelhochdeutsche Texte ebenfalls nicht verstehen können. "Mehr kann ich nicht sagen", lautete seine Antwort - und zwar mit guten Grunde, denn eigentlich geht es nicht um das Selbstverständnis des Staates, sondern eher um seinen ganz persönlichen Wunsch, dass Israel ein "normaler", abendländischer Staat wäre, der die "Last" der jüdischen Vergangenheit nicht mehr trüge und die Juden somit "normalisieren" könnte. Und Normalisierung setzt natürlich einen neuen Anfang voraus. Also: Keine Klassik.

Anschließend hat er erzählt, dass diese Selbstbeschränkung seiner Abteilung auf Staatsbürger auch praktische Folgen hat: Als man darum gebeten hat, dass die Abteilung einen finanziellen Beitrag zu einer Ausstellung über Albert Einstein leisten würde, hat sich die Abteilung "nach langer Diskussion" geweigert, da Einstein doch kein Staatsbürger war. Nun soll man bedenken, dass Einstein, einem bekennenden Zionisten, 1952 die israelische Präsidentschaft angeboten wurde, die er allerdings ablehnte, v. a. um sich mit der Physik weiter befassen zu können. Und trotzdem: Für die Präsidentschaft war er gut genug, für finanzielle Leistungen aber nicht mehr?! Da wäre es doch besser gewesen, Mangel an Mitteln als Grund zu geben! Übrigens vererbte Einstein die Rechte auf die Nutzbarmachung seiner Person und Werke an die Hebräische Universität Jerusalem.

2. "Das israelische Recht ist nicht das jüdische Recht, sondern geht auf das britische Mandat zurück." Dies war der Zustand bis 1980, als das israelische Parlament ein Gesetz (das "Rechtsgrundlagengesetz") erließ, nach dem dem israelischen Recht nunmehr das "jüdische Erbe" zugrunde liegt, sofern die Behandlung eines Falls nicht aus israelischen Gesetzen oder rechtlichen Präzendenzfällen zu ziehen ist. Dass unsere "tollen" Richter gerne von diesem Gesetz absehen, gebe ich zu; doch dieses Gesetz gibt es immerhin! "Dazu kann ich nichts sagen", hat er geantwortet, "mir ist das besagte Gesetz nicht bekannt" - sic!

3. "Israel sei kein jüdischer Staat, sondern einer für die Juden. In Neuseeland [wo er vorher gearbeitet hat] gibt es Christen, wenige davon sind Gläubige; käme jemand auf die Idee, Neuseeland als christlichen Staat zu bezeichnen?" - Erstens steht im israelischen (allmählich zustande kommenden) Grundgesetz mehrmals, d.h. in mehreren Teilgesetzen, geschrieben, dass Israel ein "jüdischer und demokratischer Staat" ist; der Hinweis auf den Staat als "jüdischen Staat" liegt auch bereits in der Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1948 vor. Zweitens greift Neuseeland für seine Nationalsymbole (Staatsfahne und -wappen) nicht auf christliche Symbole zurück; Israel tut es doch. Diese Einwände habe ich dann aber nicht mehr vorgebracht, da er offensichtlich schon ganz irritiert war. Naja, es wäre ihm wohl lieber gewesen, wenn alle ihm einfach so geglaubt hätten.

Also? Was kann man nach solch einer Erfahrung noch sagen? Seit langem denke ich mir, dass ich kein guter Diplomat wäre, weil ich keinem Staat meine Zunge zur Verfügung stellen könnte, mit dessen Politik ich nicht unbedingt einverstanden bin. Da ist mir die eigene Meinung schon zu wichtig, um eine andere zu vertreten. Doch anscheinend kann man selbst als Diplomat weiterhin die eigene Meinung aussprechen, so extrem sie sein mag, sogar wenn sie kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Oder gilt das nur für ganz bestimmte Meinungen? Jedenfalls bin ich als Israeli sehr von Herrn Golan enttäuscht, der zumindest hätte sagen können, dass er jetzt nur seine eigene Meinung ausspricht. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass er diesen Vortrag überall in Deutschland hält...!

In der Tat folgt er aber einfach der Vision Herzls, von der ich wenig halte und die erfreulicherweise auch recht wenig mit der israelischen Wirklichkeit zu tun hat. Vielleicht schreibe ich später auch darüber.

Sonntag, 8. Juli 2007

Die Deutsche Frage im heutigen Österreich

Liebe alle,

gerade habe ich ein neues Blog eröffnet, dass diejenigen unter euch ansprechen kann, die sich für Geschichte und insbesondere für österreichische Geschichte interessieren:

Deutschösterreich?
Eine kritische Erörterung des heutigen österreichischen Selbstverständnisses


Bis auf weiteres
Yoav

Montag, 2. Juli 2007

Goldenes Schweigen?

Zugegebenermaßen habe ich bisweilen doch Einiges zu sagen. Nun ist es jedoch so, dass ich es - wenn überhaupt - dann aber nur für mich selbst aufschreibe. Denn das, womit man nicht öffentlich auftritt, muss man später nicht apologisieren. Es kommt nämlich der Augenblick im Leben, wo man zurückblickt, Bilanz zieht und - besser spät als nie - feststellt, dass Schweigen des Öfteren in der Tat Gold ist.

Bin ich also Feigling? Das mag wohl sein. Aber wie viel kann ein junger, ausländischer "Nachwuchswissenschaftler" heutzutage schon riskieren?

Nein, auch in Anbetracht der geringen Chance, dass sich irgendein Entscheidungstreffender für meine hiesigen Beiträge interessieren würde, möchte ich kein Held sein. Und außerdem scheint diese Funktion doch ziemlich gut von Henryk M. Broder erfüllt zu werden.

Donnerstag, 28. Juni 2007

Schweigen

...ist Gold.

Trotzdem lasse ich das Blog fortbestehen, nicht zuletzt auch um des netten Webrings willen. Übrigens bin ich mir ziemlich sicher, dass der betäubende "Realitätsschock", der mich seit einiger Zeit überwältigt, einer neu erwachenden Redelust schon wieder weichen wird, und zwar früher als erwartet.

Bis dann
Yoav

Montag, 14. Mai 2007

Natürlicher Judenhass?

Gestern habe ich mit ein paar Studenten am Geiger-Kolleg über Antisemitismus (mit oder ohne Anführungszeichen) gesprochen. Meiner Meinung nach darf man nicht erwarten, dass es gerade gegen die Juden keine Ressentiments gäbe, bzw. diese Ressentiments moralisch verurteilen, wenn andere Gruppen nach wie vor doch als solche gehasst werden. Wenn man mit sich ehrlich ist, muss man zugeben, dass dieses Phänomen nichts Außergewöhnliches ist; ganz im Gegenteil: Menschen verallgemeinern, stigmatisieren, neigen zu Vorurteilen, hassen andere Gruppen, halten diese für minderwertig usw. usf., kurzum sind die Menschen nicht gerade so, wie man sie sich wünschen könnte. Sie sind nicht aufgeklärt, nicht immer liberal, meistens kaum aufgeschlossen - aber die Dinge sind nun mal so, wie sie sind. Warum sollen wir also fast jede Erscheinung von Ressentiments gegen Juden als solche gleich als "Antisemitismus" brandmarken und noch strenger verurteilen als Ressentiments gegen, sagen wir mal, Polen?

Ein Student meinte, dass Ressentiments gegen Polen zu noch keinem Holocaust geführt haben. Das kann man gewissemaßen schon bestreiten, aber selbst wenn der Fall so klar und einfach wäre, würde ich mir denken, dass gerade der moralische Stress, den die strenge Verurteilung dieser allgemein menschlichen, weil identitätsstiftenden Ab- und Ausgrenzungstendenzen zur Folge hat, die ohnehin vorhandenen Ressentiments nur noch schlimmer machen kann, und zwar vor allem genau gegen die Gruppe, die man nicht hassen dürfte.

Ich habe also gar kein Problem damit, dass mancher keine Juden mag, und für mich ist es längst noch kein "Antisemitismus". Jedem Menschen muss das Recht vorbehalten werden, irgendwelche Gruppen zu mögen oder als solche nicht zu mögen, und diese Tendenzen ganz willkürlich auszuleben, ohne sich dabei rechtfertigen zu müssen. Das mag vielleicht nicht das Schönste am Menschlichen sein, aber das gehört dazu. Genau so, wie es Frankophile geben darf, darf es auch das Gegenteil davon geben, ob bei Franzosen, Juden, Homosexuellen, Kapitalisten oder welcher Gruppenvorstellung auch immer.

Sonntag, 22. April 2007

Lenzstimmung

Also: Vor einer Woche bin ich nach Berlin zurückgeflogen. Neue Überlegungen habe ich - sei es mal vorweggenommen - keine mitzuteilen und abgesehen von ein paar Antworten auf interessante Kommentare, die sich hier in den letzten Wochen angehäuft haben, fühle ich mich schon ziemlich dazu gezwungen, stumm (und glücklich) zu bleiben.

Jedoch kommen die Leser täglich noch dutzendweise her (und mancher schickt mir auch ganz unabsehbare Fragen per E-Mail). Da tauchen bei mir schon irgendwelche (gesunden?) Schuldgefühle auf... Aber wer hat denn noch Lust, immer wieder über Juden in Deutschland zu reden? Nach wenigen Monaten in diesem Land kann ich schon besser diejenigen verstehen, die irgendeine Art Schlussstrich gerne hätten, ohne diesen selbst gezogen zu haben. Ein gesunder Kopf muss nämlich auch wissen, wie man ab und zu vergisst, um neuem Leben Platz zu schaffen - etwa dem Neuen, das sich jetzt überall so duft- und blütenreich entfaltet.

Aber vielleicht wäre es - etwa aus politischen Gründen - ja besser, in diesen Sachen doch stumm zu bleiben. Dafür habe aber eine Idee und zwar einen Berliner Lesekreis für hebräische Literatur - ob im Original oder in der Übersetzung - einzuleiten... Wie das funktionieren soll? Keine Ahnung, aber ich könnte mir gerne einen kleinen Freundeskreis vorstellen, der sich ab und zu trifft, um hebräische Erzählungen zu besprechen. Zur Zeit lese ich etwa - wenn auch mit beträchtlicher "Verspätung" - den ersten Roman von Sayed Kaschua. Wer in Berlin lebt und ihn schon gelesen hat oder jetzt gerne lesen möchte (das Buch ist ziemlich kurz und liest sich schnell), kann sich hier mit einem Kommentar melden. Wir werden dann schon sehen, ob aus dieser Idee ausnahmsweise etwas wird.

Einstweilen beste Grüße
Yoav

Sonntag, 18. März 2007

Off Topic: Schon wieder Urlaub

Liebe Leser,

jeden Tag besuchen viele diesen Blog, und ich fühle mich schlecht, dass ich zuletzt nichts geschrieben habe. Das rührt vor allem daher, dass ich keine wirklich neuen Beobachtungen gemacht habe. Wenn mir etwas einfällt, komme ich nach kurzer Überlegung zum Schluss, dass ich zum jeweiligen Thema bereits geschrieben habe und dass die scheinbar neue Beobachtung eigentlich nur ein weiteres Beispiel für das bereits besprochene Phänomen ist.

In einer Woche fahre ich zu einem Workshop in Danzig und dann nach Israel. Mitte April komme ich zurück. Vielleicht habe ich dann etwas Neues im Kopf, versprechen kann ich allerdings nichts. "Und es gibt nichts Neues unter der Sonne."

Seid gegrüßt
Euer Yoav

Mittwoch, 28. Februar 2007

Von Judentum und Jiddischkeit

Liebe Leser,

machen wir es diesmal etwas interaktiver: Was ist für euch wichtiger bzw. soll eurer jeweiligen Meinung nach für Juden bzw. Jidn wichtiger sein - das Gebet oder das Essen?

Und vergesst nicht, eure Ansicht (nach Möglichkeit) jüdisch zu begründen!

Seid gesund und umso fröhlicher,
Euer Yoav


Nachtrag (08.03.2007):

Mit durchschnittlich 45 Besuchern pro Tag habe ich mehr als zwei Teilnehmer(innen) erwartet, was ich allerdings nicht hätte erwarten sollen - aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls bedanke ich mich bei Schoschana und Miriam für die interessante Diskussion!

Die "Lösung" lautet: Das Essen soll m. E. für wichtiger gehalten werden als das Gebet, weil das Essen auf ein Gebot in der Thora zurückgeführt werden kann, während dieselbe keine ausdrückliche Gebetspflicht enthält.

Die Erklärung: Allgemein gesagt, wird im jüdischen Recht zwischen zwei Gebots- bzw. Pflichtarten unterschieden: einerseits "mide'oreita" - von der Thora (auf Aramäisch: Oreita) -, andererseits "mid[e]'rabanan" - von den Rabbinern. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Feste: Während bspw. Sukkot und Pessach als richtige Feste betrachtet werden, weil sie mide'oreita, also von der Thora sind, werden Purim und Channuka als "zweitklassige" Feste angesehen, an denen lockerere, also weniger strenge Halachot (Gesetze) gelten. In rechtlichen Schriften spricht man auch von "Takanot" (Ver-, Anordnungen; Verfügungen) als Bezeichnung für die Gesetze der späteren Rabbiner, um den Begriff "Mizvot" (ungefähr: Pflichten) den Ge- und Verboten der Thora vorzubehalten.

Diese Hierarchisierung können wir nun auch auf unsere Fragestellung anwenden. In Dwarim (5. Mose), Kapitel 8, Vers 10 steht geschrieben: "ואכלת ושבעת וברכת את־ד׳ אלקיך על־הארץ הטבה אשר נתן־לך". In der Regel wird es folgendermaßen verstanden und übersetzt: "Wenn du isst und satt wirst / nachdem du gegessen hast und satt geworden bist, sollst du Gott für das gute Land preisen/loben, das er dir gegeben hat." Aber sprachlich betrachtet sind hier die Verben "essen" sowie "satt werden" genau so konjugiert wie das Verb "preisen" und zwar in einer Form (2. Person Sg. männl. in biblischer Futur), die in der Thora immer den Imperativ bedeutet. Jedoch wird dieses "vergessene" Gebot - eigentlich zwei: zu essen und satt zu werden - nicht unter zu den 613 Grundge- und -verboten gezählt; wohl deswegen, weil man es als eine Selbstverständlichkeit betrachtete und daher als einen Konditionalsatz verstand. Jedoch könnte man dasselbe auch für Dwarim 6:5 behaupten: "ואהבת את ד׳ אלקיך בכל־לבבך ובכל־נפשך ובכל־מאדך" - "Und du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft" (natürlich ebenfalls in der vorerwähnten Imperativform); so selbstverständlich es klingen mag, gilt es jedoch als eines der allerwichtigsten Gebote. Jedenfalls ist klar, dass es weder selbstverständlich ist noch jemals war, zu essen und satt zu werden. Demgegenüber steht in der Tora sche'bichtaw - der schriftlichen Thora - nicht geschrieben, dass Israel beten soll; dieses Verständnis wurde aus einem anderen Gebot interpretiert: Gott zu dienen (Dwarim 10:20). Darüber hinaus ist das Pflichtgebet, das wir heute in dem Siddur - Gebetsbuch - haben, im Grunde genommen erst durch die späteren Rabbiner als Verpflichtung ganz Israels verfügt, und zwar erst nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als Ersatz der nunmehr unmöglich gewordenen Opferdarbringung, zu der uns die Thora ja ausführlich verpflichtet. Selbst den "Schma", das berühmteste Gebetsstück, mussten einst nur die Priester im Tempel aufsagen. Das sind, notabene, noch keine religionswissenschaftlichen, sondern schlichte Talmudkenntnisse.

Und zum (wohl einstweiligen) Schluss: Essen ist Jiddischkeit und Jiddischkeit ist der wichtigste Teil, ja die Grundlage des wahren Judentums (ein Wortspiel, das auf Jiddisch - mit gutem Grunde! - nicht geht). Dieses Land - Deutschland - braucht zuerst Jiddischkeit, aus der in Zukunft auch die höhere Schicht - die des rechtlichen Judentums - mit Gottes Hilfe noch entstehen wird.