a gute Woch,
wer sich zu Sukkos in noch keine Synagoge gewagt hat, dürfte sich für den folgenden Videobeitrag interessieren (aufgenommen bei Chol HaMoed 5767 in Alon Shvut, Israel):
Und apropos korrekte Wünsche: Bei Chol HaMoed (entweder dem von Sukkos oder dem von Pessach) wünscht man kein "Chag sameach" (frohes Fest) bzw. "gut Jontef" (auf Jiddisch), weil es dann im juristisch-halachischen Sinne kein richtiges Fest gibt. Stattdessen begnügt man sich mit "Moadim l'Simcha" (Versammlungstage für Freude), worauf man mit "Chagim uSmanim l'Sasson" (Feste und Zeiten für Fröhlichkeit) antwortet. Diese Formel ist dem besonderen Fest-Kiddusch entnommen: "[...] Du hast uns, Ewiger, unser Gott, mit Liebe Versammlungstage für Freude, Feste und Zeiten für Fröhlichkeit [...] gegeben."
Samstag, 29. September 2007
Sukkos
Stichwörter: Chol HaMoed, Jiddischkeit auf Deutsch, Sukkoth
Montag, 24. September 2007
Amerika, die Juden und der Judenstaat
Nach dem heiklen Artikel vom März 2006 ziehen jetzt John Mearsheimer and Stephen Walt mit ihrem eben erschienenen Buch The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy schon wieder viel Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden behaupten, dass jüdische Organisationen, aber auch einzelne Juden in den USA die US-amerikanische Außenpolitik allzu stark zugunsten Israels beeinflussen würden, und zwar gegen das angeblich wahre Interesse der USA, die deshalb ins Visier islamischer Militanter geraten seien.
Dazu kann man viel sagen, doch bei der jetzigen Medienresonanz fehlt mir vor allem Folgendes:
1. Die treusten Freunde Israels in den USA sind nicht unbedingt die Juden, sondern vielmehr die zig Millionen ganz gewöhnliche, evangelisch-gläubige Amerikaner, die sich jenseits des verzerrten Amerikabildes befinden, das uns Hollywood gerne verkaufen möchte. Gerade bei den amerikanischen Juden kommt es oft dazu, dass sie sich (aus Angst vor möglicher Kritik?) linksextreme Meinungen zu Eigen machen.
2. Die US-amerikanische Politik lässt sich sowohl in der Gegenwart als auch in der historischen Bilanz kaum als israelfreundlich bezeichnen. Die USA haben z. B. keine Botschaft in Jerusalem, befürworten noch immer Verhandlungen mit der mörderischen Terrormiliz "Fatah" und halten Jonathan Pollard seit mehr als 22 Jahren gefangen. Nur im Vergleich mit der schlichtweg israelfeindlichen EU wirkt Amerika plötzlich "israelfreundlich". In der Tat nutzen die USA Israel aber nur aus, gleichsam einen Bauer auf dem großen Spielbrett der US-amerikanischen Weltpolitik, je nach ihrem jeweiligen Interesse.
3. Israel spielt zwar eine entscheidende Rolle bei der Erweckung des gegenwärtigen Terrorismus, aber nicht gerade deswegen, weil der eher begrenzte Kampf zwischen Israel und manchen Arabern zum Amerikahass unter gläubigen Muslimen sowie nichtgläubigen Arabern beigetragen hat. Israels "Leistung" besteht vor allem darin, dass es den islamischen Terror fast eigenhändig legitimierte und zum nachweislich erfolgreichen Kampfmittel werden ließ. Jitzchak Rabins Händedruck mit Jassir Arafat am 13. September 1993, mit dem dem Terror vor aller Welt Recht gegeben wurde, und den vierfachen Terrorangriff am 11. September 2001, mit dem das neue Rechtsgefühl auch außerhalb Israels zur Geltung kam, verbindet eine klare Linie des moralischen Verfalls: "Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit der Unterwelt einen Vertrag gemacht" (Jesaja 28:15).
Der allerwichtigste Punkt bei dieser Diskussion ist aber Folgendes:
Selbst wenn die USA wirklich israelfreundlich handelten und nur deswegen von Muslimen gehasst und angegriffen würden, gölte nichts anderes als: Idealismus kostet - nach wie vor! Ist aber die US-amerikanische Gesellschaft grundsätzlich bereit, um Werte und Moral zu kämpfen? Oder sucht sie jetzt nur noch den gemütlichen Ruhestand?
Das ist die eigentliche Frage, die gerade in Bezug auf Israel leider nirgendwo gestellt wird.
Nachtrag [25.09.2007]: Veröffentlicht auch im Zeitgeist und zwar hier.
Mittwoch, 19. September 2007
Korrekte Neujahrswünsche
Endlich habe ich etwas Zeit gefunden, um mein Versprechen vom letzten Beitrag einzuhalten, nämlich zu erklären, was man sich zu den verschiedenen Zeiten im Laufe des Monats Tischrej wünscht. Der Haken daran ist, dass die Wunschausdrücke teilweise sehr eng mit der theologischen Interpretation des jeweiligen Zeitpunktes zusammenhängen. Das heißt also, dass der korrekte Wunsch sich "plötzlich" ändern kann. Daher wird im Folgenden versucht, die Sache chronologisch zu ordnen.
Gregorianische Daten kann ich keine nennen, da der gregorianische Kalender sich stets "bewegt". Im Netz gibt es aber glücklicherweise einen Doppelkalender: www.kaluach.net (einfache, kostenlose Anmeldung ist erforderlich)
1. Einleitung: Was geschieht eigentlich am Neujahr?
Der religiöse Inhalt des Neujahrsfestes besteht vornehmlich im Neujahrsgericht, bei dem das Geschick aller Menschen fürs eben angefangene Jahr festgelegt wird. Davon erzählt der babylonische Talmud (Rosch Haschone 16:2) im Namen von Rabbi Jochanan:
Drei Bücher werden am Neujahr geöffnet: Eines für die durchaus Bösen, eines für die vollkommen Gerechten und eines für die Mittelmäßigen. Vollkommen Gerechte werden gleich fürs Leben [d.h. ins "Buch der Lebenden"] eingeschrieben und besiegelt. Durchaus Böse werden gleich für den Tod [d.h. ins "Buch der Toten"] eingeschrieben und besiegelt. Mittelmäßige bleiben vor Gericht vom Neujahr bis zum Versöhnungstage [am 10. Tishrej] stehen: Sind sie freigesprochen worden, so werden sie fürs Leben eingeschrieben; sind sie nicht freigesprochen worden, so werden sie für den Tod eingeschrieben.
Ferner kommen im "Unser Vater, unser König"-Gebet, das vom Neujahr bis zum Versöhnungstage in der Synagoge aufgesagt wird, das "Buch des guten Lebens", das "Buch der Erlösung und Rettung", das "Buch von Unterhalt und Versorgung", das "Buch der Verdienste" sowie das "Buch von Vergebung und Verzeihung" vor. In einem festlichen Zusatz zum normalen Achtzehn- bzw. Standgebet wird zu dieser Zeit auch das "Buch von Leben, Segen und Frieden, gutem Unterhalt und guten Urteilen, Rettungen und Tröstungen" erwähnt.
2. Ab wann wird gewünscht?
Der sechste Monat, d.h. der Monat vor dem Neujahr, heißt "Elul". In diesem Monat wird wochentags (d.h. täglich außer samstags) nach Schachris, dem Morgengebet, das Schofar geblasen. Auf diese Weise wird an das baldige Neujahrsgericht gemahnt. Ab dem ersten Elul steht also das Neujahr "amtlich" bevor. Wenn man im Elul einem Menschen begegnet, den man bis zum Neujahr wohl nicht mehr sehen wird, kann und soll man ein gutes Jahr etc. wünschen - wie im Folgenden erklärt.
Nebenbei bemerkt: Auf Jiddisch dient "gut Jor" auch zu sonstigen Zeiten als Grussformel, und zwar im Sinne von "hallo"+"lange nicht gesehen".
3. Vom 1. Elul bis zum Mittag des ersten Neujahrstages
Obwohl im 3. Mose 23:24 nur von einem Tag die Rede ist ("im siebten Monat, am ersten Tag des Monats"), dauert das jüdische Neujahrfest zwei Tage, d.h. bis zum 2. Tischrej. Dies gilt selbst im Lande Israels, wo sonst kein Fest verdoppelt wird. Auf die Entstehungsgeschichte dieser Ausnahme möchte ich jetzt nicht eingehen, aber man soll sich zumindest merken, dass von diesen beiden Tagen nur der erste das eigentliche Neujahr ist.
Zu dieser Zeit wünscht man sich "Schana towa", d.h. ein gutes Jahr, sowie "Ktiwa towa waChatima towa", d.h. gute Einschreibung und gute Besiegelung. Beim Schreiben hebt sich der Sprachgebrauch: "Möget ihr für ein gutes Jahr eingeschrieben und besiegelt werden". Und früher schrieb man: "Möget ihr ins Buch der Lebenden eingeschrieben und besiegelt werden".
Diese Wünsche beziehen sich auf das vorerwähnte Neujahrsgericht. Sie gelten als richtig bis zum Mittag des 1. Tischrej, an dem alle Menschen bereits in das für sie geeignete Buch eingeschrieben worden sind.
4. Vom Mittag des erten Neujahrstages bis zum Vorabend des Versöhnungstages
Vollkommen Gerechte und durchaus Böse sind am ersten Neujahrstage für ihr jeweiliges Geschick im neuen Jahr gleich besiegelt worden. Nicht beschlossen ist noch jenes der Mittelmäßigen - und das sind ja die meisten. Diese können bis zum Versöhnungstage ihr Urteil noch ändern, indem sie sich von ihren Missetaten bekehren. Daher wünscht man zu dieser Zeit noch "Chatima towa", also gute Besiegelung (aber keine "Ktiwa towa" bzw. gute Einschreibung mehr).
5. Am Vorabend des und am Versöhnungstage selbst
Am 10. Tischrej, dem Versöhnungstag, und zwar bei dessen Abenddämmerung, wird auch das Schicksal aller Mittelmäßigen endgültig beschlossen. Zu dieser Zeit wünscht man "Gmar Chatima towa", d.h. gute Endbesiegelung. Zuletzt habe ich bemerkt, dass viele bereits gleich nach dem Neujahrsfest damit anfangen, "Gmar Chatima towa" zu wünschen; das ist aber falsch (wie in Punkt 4 erklärt).
Nebenbei bemerkt: In dieser Formel gibt es einen kleinen grammatischen Fehler, denn "Gmar" ist maskulin und daher sollte es lauten "Gmar Chatima tow" (und nicht "towa"). Aber das macht nichts aus, da wir hier mit einer festen Redewendung zu tun haben.
Nachtrag [23.09.2007]: In israelischen Medien verbreitet sich seit geraumer Zeit der Wunsch "Zom kal" bzw. "leichtes Fasten". Dieser scheint in Widerspruch zum Gebot zu stehen, sich an diesem Tage [durch Enthaltung] zu quälen (vgl. 3. Mose 16:29, 16:31, 23:27, 23:29, 23:32; 4. Mose 29:7). Manche Denker haben aber gesagt, dass mit dem "Quälen" ausschließlich die Enthaltung gemeint ist; und wem das Fasten gut und leicht ergangen ist, der soll sich freuen, weil es demnach ein gutes Vorzeichen sein darf. Ohnehin scheint es mir besser und angebrachter, ein wirksames, verbesserndes Fasten zu wünschen. [Nachtragsende]
6. Vom 11. Tischrej bis zum letzten Sukkoth-Tag
Etwas umstritten ist die aschkenasische Tradition, nach der das Geschick erst an Hoschana Raba, dem letzten Laubhüttenfesttag bzw. den 21. Tischrej, wirklich endgültig besiegelt wird. Diese Auffassung wird von den Opfern abgeleitet, die am 22. Tischrej darzubringen sind, aber darauf wollen wir jetzt nicht eingehen.
Zu dieser Zeit und insbesondere an Hoschana Raba selbst wünscht mancher "Pikta tawa" (auf Aramäisch) oder "gut Quittl" (auf Jiddisch), d.h. einen guten Zettel. Gemeint ist der persönliche Zettel von jedem und jeder, auf dem das heurige Urteil steht und den Gott an diesem Tage seinen Gesandten gibt, damit sie es denjenigen im göttlichen Verwaltungsapparat weitergeben, die das Urteil umzusetzen haben. Nach jüdischer Mystik könne man bis zu diesem Tage und sogar an diesem Tage selbst durch Reue und Umkehr das Urteil auf seinem Zettel noch versüßen. Auch der Brauch, sich in der Nacht von Hoschana Raba mit der Thorah zu befassen, haben jüdische Mystiker mit dieser Quittl-Tradition in Verbindung gebracht (er geht aber wohl darauf zurück, dass diejenigen, welche die 5. Bücher Mose noch nicht durchgelesen haben, dies noch vor Simchat Thorah nachholen wollen). Weil die Quittl-Tradition sehr eng mit jüdischer Mystik zusammenhängt, erfreut sie sich in chassidischen Kreisen größerer Verbreitung als anderwärts.
So, damit ist die Sache hoffentlich etwas verständlicher geworden...
Chatima towa,
Gute Besiegelung!
Stichwörter: Jiddischkeit auf Deutsch, Neujahr
Mittwoch, 12. September 2007
a gut gebentscht Jor!
Liebe Menschen,
heute Abend (nach eurer Zeitrechnung) bzw. morgen (nach der unsrigen) fängt ein neues Jahr an - 5768. Auf Hebräisch heißt das zweitägige Fest "Rosch HaSchone" oder - in sefardischer Aussprache - "Rosch HaSchana". Im Gegensatz zu den meisten jüdischen Festen, deren Bedeutung eng mit Israel zusammenhängt, ist das allgemeine Neujahr auch euer Fest!
Eine weitere, wenn auch kleine Ausnahme bildet die endzeitliche Zukunft von Sukkuth, dem Laubhüttenfest, wenn alle Menschen jährlich nach Jerusalem reisen und bei uns zu Gast sein sollen (vgl. Secharja Kap. 14). Anders ist es beim allgemeinen Neujahr, das von universeller Bedeutung ist und genauso für euch gilt wie für uns.
Im Judentum gibt es nämlich in jedem beliebigen Kreislauf von 12 Monaten mehrere Neujahre - genau gesagt sind es vier. So kommt es dazu, dass das allgemeine, mit der Schöpfung des Menschen zusammenhängende Neujahr im Monat Tischrej stattfindet, der nach jüdischer Tradition eigentlich der siebte ist. Demgegenüber fängt das biblische, sozusagen innerjüdische Jahr im Monat Nissan statt, in dem Gott Israel von dessen Knechtschaft in Ägypten erlöst hat. Mit diesem Ereignis hängt das wichtige Pessachopfer zusammen, von dem jeder Israelit essen muss und kein Nichtjude, Unbeschnittener (sowie andere, vgl. 2. Mose 12:43-50) verzehren darf. Aber beim allgemeinen Neujahr sind wir alle gleich, denn es wird dann über das Schicksal aller Menschen entschieden - Juden und Nichtjuden zugleich.
In der Zeit vorm sowie beim Neujahr selbst ist es üblich, sich "Ktiwa towa waChatima towa" zu wünschen (vgl. etwa meinen Beitrag vom 2. Sept.); auf Deutsch heißt es: "Gute Einschreibung und gute Besiegelung". Wenn man sich anschreibt, neigt sich der Sprachgebrauch zu heben: "Möget ihr für ein gutes Jahr eingeschrieben und besiegelt werden". In der nachstehenden Grusskarte findet ihr eine etwas ältere Formel, die sich besser auf den eigentlichen Inhalt dieser Zeit bezieht: "Möget ihr ins Buch der Lebenden eingeschrieben und besiegelt werden":

Die übliche Übersetzung ins Deutsche - "Buch des Lebens" - ist übrigens sprachlich falsch, vom Inhalt her aber natürlich in Ordnung.
Für die Zeit nach dem Neujahr und bis zum bevorstehenden Versöhnungstag sowie beim Versöhnungstag selbst und sogar danach gibt es verschiedene Grussformeln, die sehr eng mit der theologischen Interpretation dieser Zeit zusammenhängen und die ich, so Gott will, nach dem Neujahrfest noch erklären werde.
Euch möchte ich aber noch etwas wünschen, und zwar ein Jahr voll Wein. Wein: Das ist ja nicht nur das Getränk, sondern auch die Pflanze, die auf Hebräisch "Gofen" oder - in sefardischer Aussprache - "Gefen" heißt. Ehe wir vom Wein trinken, sagen wir (natürlich auf Hebräisch): "Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du die Frucht des Weins (d.h. die Weintrauben) geschaffen hast." Die Frucht des Weins, das heißt auf Hebräisch: "Pri HaGefen". In dem hebräischen Wort HaGefen - הגפן - gibt es vier Buchstaben, die auf Jiddisch folgendermaßen gedeutet werden:
H: Hazloche - Erfolg
G: Gesunt - Gesundheit
F = Ph = P: Parnosse - Lebensunterhalt
N: Naches - Zufriedenheit, Freude
Hoffentlich war es verständlich... Und wie gesagt:
Möget ihr haben ein Jahr voll Pri HaGefen, voll der Frucht des Weins!
Stichwörter: Jiddischkeit auf Deutsch, Neujahr
Montag, 10. September 2007
Nachträgliches Abschiedsgeschenk: Der offizielle Falafel-Guide für Berlin
Liebe Leser,
als Zeichen meiner großen Dankbarkeit für alles, was ich in dieser faszinierenden Metropolis erleben durfte, möchte ich Berlin seinen ersten professionellen Falafel-Guide überreichen (1., überarb. u. erw. Ausgabe):
1. Türkisch oder arabisch?
Der eigentliche Grund, weshalb der Oberste Israel ein Land verheißen hat, das gerade zur Zeit der letzten Erlösung von Arabern besetzt wird, ist natürlich die fabelhafte arabische Küche, welche irdische Zutaten in himmlische Erfahrungen zu verwandeln vermag und auf diese Weise ihren eigenen Beitrag zum Tikkun Olam, der Vervollkommnung der Welt in Gottes Reich leistet.
Aber Wie kann man schnell und bequem feststellen, ob es sich um einen türkischen oder arabischen Laden handelt, und zwar selbst dann, wenn alles nur auf (gebrochenes) Deutsch geschrieben steht?
Laut einigen Talmudstellen soll es ganz einfach sein: Wenn im Laden Döner angeboten wird, ist der Laden türkisch; wird jedoch Schawarma angeboten, so ist der Laden arabisch. Uns geht es jetzt zugegebenermaßen nicht um Fleischiges, aber anhand dieser Hinweise können wir uns schnell entschließen, ob wir dem Laden überhaupt eine Chance geben wollen.
Übrigens: Das W in "Schawarma" wird so ausgesprochen wie die Kombination Wh im englischen "Why?".
2. Auf die Soße kommt's an
Die Herkunft der komischen weißen Sesam-Knoblauch-Kräuter-Joghurt-Soße ist mir noch nicht ganz klar: Mancher sagt, die Türken hätten sie nach Deutschland mitgebracht, doch andere behaupten, dass es selbst in der Türkei nicht so schlimm sei und die Soße als türkischer Anpassungsversuch an den deutschen Speck-und-Schmalz-Geschmack entstanden sei. Im Land der Sonne, Anschläge und Palme ist sie jedenfalls völlig unbekannt; daher ist von ihr nur abzuraten.
Statt dessen ist die herkömmliche Sesamsoße zu empfehlen, nämlich die Tchina (Heb.) oder Tachini (Arab.), die in Berlin leider nur selten angeboten wird. Dafür gibt es aber einige nette Verkäufer, die diese Soße gerne auf der Stelle extra vorbereiten, sobald sie den Kunden trotz seiner osteuropäischen Gesichtszüge als ihresgleichen erkannt haben. Andere Verkäufer brauchen a bissl Zeit, bis der Kunde als Stammgast aufgenommen und dementsprechend behandelt wird.
Hat der Kunde jedoch großen Hunger und mithin keine Lust zu warten, bis die Soße vorbereitet wird, so kann er auf etwas anderes zurückgreifen, nämlich den Chumussalat. Bei den Arabern fast verboten, gilt die Zusammenstellung von Falafelkugeln, die eigentlich selbst aus Chumus bestehen, einerseits und Chumussalat andererseits in Israel vielerorts als Standard. Im Übrigen ist beim Schawarmaverzehr der Zusatz von Chumussalat immer empfehlenswert.
Bei der Soßenauswahl bekundet sich schnell, mit was für einer Geschäftsidee der Kunde hier zu tun hat. Hat der Verkäufer daran Spaß, seine Gäste zu ernähern, oder geht es ihm nur ums Geld? Mit anderen Worten: Ist man nur Kunde oder vor allem auch Gast? Leider gibt es in Berlin, selbst unter den Arabern, zahlreiche Verkäufer, die ihre Kundschaft missachten und gegen jede Änderung bei der Soßenauswahl noch €0,50 verlangen. Abgesehen von der Tchina, die manchmal extra vorbereitet werden muss, ist die verdächtige Joghurtsoße für den Ladenbesitzer eigentlich teurer als der Chumussalat. Ein Verkäufer, der für die Änderung extra verlangt, freut sich nicht darüber, dass er endlich einen Sachverständigen vor sich hat, sondern versucht unberechtigterweise nur noch mehr Geld zu gewinnen. Kommt es dazu, so soll sich der Kunde am besten gleich verabschieden; ansonsten schadet er nicht nur seiner eigenen Bewirtungserlebnis, sondern auch der künftiger Kunden.
3. Unser tägliches Brot
Im Gegensatz zur jahrzehntelangen israelischen Tradition wird der Falafel in anderen Ländern des Orients nicht im "Pita"-Brot, das die Araber schlicht und einfach "Brot" nennen, sondern in der Lafa. Die Lafa ist eine dünne Scheibe schnell gebackener Teig, auf die man die Falafelkugeln und alles andere gibt; dann wird die Scheibe - in der Regel sind es zwei - gerollt. Im Vergleich mit der Pita hat die Lafa zwei deutliche Vorteile aufzuweisen: 1. Sie kann weit mehr Zutaten beinhalten; 2. sie lässt sich nicht so schnell auseinander reißen.
Das kontraproduktive, nur bei den Türken übliche Fladenbroteck ist selbstverständlich um jeden Preis zu vermeiden: Je mehr man in dieses Stück viergeteiltes Brot hineingibt, umso mehr fällt einem auf die Erde runter.
4. Heiß begehrt
Zum Schluss muss die Lafa noch aufgewärmt werden, am besten in einem kleinen Toaster, damit sie a bissl knusprig wird. Nicht immer weiß der Verkäufer, dass der Kunde es sich wünscht, also soll man sicherheitshalber im Voraus darum bitten. Mit der Pita oder dem Fladenbroteck ist es natürlich unmöglich, es sei denn, man wärmt bereits im Vorfeld nur das Brot auf - aber dann bleiben alle Beilagen kalt. Nur die gerollte Lafa lässt sich problemlos im Toaster aufwärmen.
In manchen Läden gibt es leider keinen Toaster. Da zieht man des Öfteren die Mikrowelle heran, von der grundsätzlich abzuraten ist, weil sie die Qualität des Teiges herabsetzt.
5. Der Geschmack
...ist natürlich eine Geschmacksache. Doch eines muss klar sein: Die Falafelkugeln dürfen selbst auf keinen Fall scharf schmecken; sonst kann man den Geschmack des Chumus, aus dem die Kugeln gemacht worden sind, so gut beurteilen wie die Qualität von verzuckertem Wein. Die scharfen Gewürze oder Soßen sind immer getrennt und nur auf Wunsch zu servieren.
6. Arabische Gastfreundlichkeit
Es gehört dazu, dass der Verkäufers seine Gastfreundschaft zeigt, indem er euch auf seine Kosten ein Glas Tee bietet. Mancher bietet kleine, andere wiederum große Gläser, bisweilen mit Minzblättern drinnen - ein echter Genuss. Darauf könnt ihr mit einem weiteren Besuch reagieren, und es wäre auch schön, euch mit Trinkgeld zu bedanken.
7. Alkohol
Israelis mögen ihren Falafel sehr gerne mit Bier runterschlucken. Demgegenüber mögen die Deutschen ihr Bier sehr gerne mit Falafel zu würzen. So oder so ist es Muslimen verboten, im Besitz von Alkohol zu sein. Aus geschäftlichen Gründen wird aber in manchen Läden trotzdem Bier u. Ä. angeboten. Ich begleite den Falafel am liebsten mit Tee (s. o.). Sonst würde ich dazu raten, vorerst Alkohol zu vermeiden, wenn man vorhat, sich mit dem Verkäufer zu unterhalten. Nachdem man sich a bissl kennen gelernt hat, weiß man schon, mit was für einem Gastgeber man zu tun hat und ob man sich beim nächsten Besuch über ein erfrischendes Bier freuen kann oder darauf lieber verzichten soll.
8. Der musikalische Mehrwert
In vielen Läden wird arabische Musik gespielt. In der Regel handelt es sich dabei um ein und dieselbe CD oder Kassette, die den Verkäufern längst auf die Nerven geht. Sie machen damit trotzdem weiter, weil sie meinen, es wirkt irgendwie authentischer und zieht die Kunden an. Allerdings kann es mögliche Stammgäste sehr schnell wegtreiben. Manche Verkäufer schalten den CD-Player erst an, wenn ein neuer Kunde den Laden betritt, und dann gleich wieder aus, sobald er den Laden verlassen hat. Andere warten einfach unbewusst darauf, dass jemand ihnen endlich sagt, dass der Falafel in Begleitung von Radio Eins o. Ä. umso besser schmeckt. Eure Aufgabe ist es, diesen Hinweis höflich zu geben, nachdem ihr euch eine Weile mit dem Verkäufer unterhalten habt. Und wie lange dauert eine Weile? Die Weile ist vorbei, nachdem er euch erzählt hat, aus welcher Stadt in welchem Land er kommt und wie der Weg seiner Familie nach Deutschland aussah.
9. Die Kosten
Ein guter Falafel soll €2,00 kosten. 1,50 ist gewissermaßen schon verdächtig, darf jedoch einen Versuch wert sein; 2,50 zwar nicht billig, aber noch zulässig, solange der Verkäufer euch nicht missachtet, indem er für den Soßenumtausch noch 0,50 verlangt. Über 2,50 ist schon zu teuer und lohnt sich in der Regel auch von der Qualität her nicht: Es handelt sich dabei um die bürgerlichen "Falafelcafés", in denen jeder Wunsch extra kostet und selbst die Zahl der Falafelkugeln im Voraus angekündigt wird (es sollen übrigens mindestens vier Kugeln sein, damit ihr in jedem Biss neben den Beilagen auch ein Stück Falafel habt; aber in den guten Läden versteht es sich von selbst).
10. Meine Empfehlung
nach langer Suche habe ich mir den einfach, aber einladend ausgestatteten Imbiss "RAI" ausgewählt, das sich auf der nördlichen Seite der Skalitzer Straße, diagonal unterhalb des Görlitzer Bahnhofs (U1) befindet. Der Besitzer ist ein sehr netter Iraker aus Basra, der zwar eine Mikrowelle benutzt, dies aber mit seiner Freude an den Gästen gutmacht. Auch seine Schawarma erinnert einen ans Paradies.
Alles weitere müsst ihr selbst entdecken - und in diesem Sinne: Guten Appetit!
...und grüßt Berlin ganz herzlich von mir :-)
Donnerstag, 6. September 2007
Wie entstehen Synagogen?
Beim Flug nach Israel hat sich eine Vermutung bestätigt: Im Gegensatz zur Sanierung der Synagoge in der Rykestraße, die vom deutschen Lotto und durch Denkmalschutzmittel finanziert wurde, soll einer wohl verlässlichen Quelle nach der Bau von Chabads Bildungszentrum ausschließlich durch Spenden von Juden, dazu noch vornehmlich Berliner Juden ermöglicht worden sein.
In der Tat kann ich mich nur an einen Fall erinnern, wo Chabad Berlin deutsche Gelder erhalten hat, nämlich für den Kindergarten nach dem antisemitischen Vorfall im Februar (und wenn ich mich nicht irre, war es damals ebenfalls das deutsche Lotto). Aber auch in diesem Fall ging es ja um eine Einrichtung, die ohnehin schon bestanden hat und tätig war.
Es scheint sich also ein weiterer Aspekt zu bekunden, durch den sich die Lubawitscher Herangehensweise in der deutsch-jüdischen Landschaft auszeichnet: Chabad Berlin hat zuerst eine funktionierende Gemeinde zustande gebracht, die erwartungsgemäß mithilfe der Wohlhabenden unter ihren Mitgliedern in der Lage war, die gewünschten Einrichtungen
eigenständig zu errichten.
Diesen Vorgang kann man als Entwicklung von unten bezeichnen: Eine Gemeinde entsteht aus eigener, d.h. jüdischer Initiative heraus und entwickelt sich mit eigenen Kräften selbst weiter. Nach allem weiß die Gemeinde ja am besten, was sie braucht und wünscht, und Vorhaben, die den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinde nicht gerecht werden, haben daher kaum Chancen, in Erfüllung zu gehen; es würden sich in dem Fall einfach nicht diejenigen finden, die bereit wären, das Vorhaben zu finanzieren.
Demgegenüber gibt es in Deutschland vielerorts noch immer das umgekehrte Muster, nämlich die Entwicklung von oben. Dabei hängt die Entwicklung einer Gemeinde von Außenseitern, sprich Deutschen, ab. Früher, d.h. nach der Wende, waren es deutsche Behörden, die darüber entschieden, wo eine jüdische Gemeinde künstlich "entstehen" soll. Auch heute sind es oft noch deutsche Einrichtungen, die darüber entscheiden, welche Projekte finanziert und damit verwirklicht werden sollen, wobei die geschichtsbewusste Judenpolitik natürlich eine große Rolle spielt. So wird die Sanierung einer traditionsreichen Synagoge zu einer förderungswürdigen Sache, obwohl dieses teuere Angebot eigentlich in keinem Verhältnis zur Nachfrage steht.
Folglich hat der Rabbiner, dessen Name mir leider entfallen ist (möchte mich jemand bitte daran erinnern?), in seiner Rede beim ersten Gottesdienst nach der Neueröffnung der Synagoge in der Rykestraße nicht umsonst ausgerechnet davon gesprochen (und das ist notabene kein genaues Zitat), wie wichtig es ist, dass diese Synagoge nunmehr von einer aktiven, lebendigen Gemeinde in Anspruch genommen wird. Unter normalen Umständen hätte es ja umgekehrt erfolgen müssen: Zuerst entsteht eine größere, mehr oder weniger feste Gemeinde, die nicht mehr mit privaten Räumlichkeiten zufrieden ist. Sie überlegt sich dann, was für öffentliche Räumlichkeiten sie benötigt, und prüft, welche finanziellen Mittel ihr zur Verfügung stehen. Erst daraufhin wird über den passenden Plan entschieden, der sowohl den Bedürfnissen als auch den finanziellen Fähigkeiten der Gemeinde entsprechen soll.
In Deutschland gibt es aber noch keine Normalität, und wenn diese Synagoge in ihrer überwältigenden Leerheit zugleich auch als Denkmal fungiert, so ist es doch recht, denn immerhin war der Denkmalschutz ja ebenfalls an der millionenschweren Sanierung beteiligt. Das Positive am Ganzen ist dann aber, dass dieses Denkmal glücklicherweise auch als Synagoge dient - zumindest gewissermaßen.
Nachtrag [10.09.2007]: Ein Leser hat mir per E-Mail seine Vermutung mitgeteilt, der besagte Rabbiner dürfte Leo Trepp sein. Und nachdem ich mir etliche Fotos von ihm angeschaut habe, scheint mir diese Vermutung in der Tat sehr plausibel zu sein.
Stichwörter: Berlin, Chabad-Lubawitsch, Rykestraße
Sonntag, 2. September 2007
Schwanengesang und Löwenbrüll?
Wer einen Überblick über den Zustand des Judentums im heutigen Deutschland gewinnen wollte, konnte es an diesem einen Wochenende in Berlin tun:
Einerseits die Neueröffnung von Deutschlands größter, dafür aber wohl leerster Synagoge in der Rykestraße, deren Gottesdienst einem Chorkonzert ähnelt, das man nicht stören sollte. Und andererseits das fröhliche Tanzen beim Straßenfest zur Einweihung von Chabads Bildungszentrum, das ungeachtet der bisherigen Bauarbeiten bereits eine nachweislich lebendige Gemeinde beherbergt und zusammenhält.
Möge austreten, wer nur will; in diesem Lande gehört die Zukunft denjenigen, die Jiddischkeit vermitteln können. Rabbiner Teichtal, Rabbiner Segal: Es war mir ein großes Vergnügen, euch zumindest gewissermaßen kennenzulernen. Ich bin zwar kein Lubawitscher, nicht einmal ein Orthodoxer, doch nichtsdestoweniger - oder vielleicht umso mehr? - verneige ich mich vor euch.
In diesem Sinne möchte ich von Berlin Abschied nehmen: Die Tischrei-Feiertage werde ich bei meiner Familie in jenem Land verbringen, das allen Völkern der Erde heilig und dennoch einem einzigen, Gottes eigenem verheißen ist. Nach Deutschland komme ich mit Gottes Hilfe im Oktober zurück, diesmal aber nach Heidelberg, wo ich an der Hochschule für Jüdische Studien ein Zweitstudium aufnehme.
Allen meinen Lesern und insbesondere den Berlinern wünsche ich ein gutes, wunderschönes neues Jahr,
כתיבה וחתימה טובה
Euer Yoav
Stichwörter: Berlin, Chabad-Lubawitsch, Rykestraße
Montag, 20. August 2007
Enttäuschende Wissenschaft
Wenn wir schon bei Buchkritik sind, widme ich mich einem anderen Werk, das mir ein Freund geliehen hat: Günter Mayer (Hrsg.), Das Judentum (die Religionen der Menschheit, Band 27). Stuttgart, Berlin, Köln: Verlag W. Kohlhammer, 1994. Kein neues Werk also, aber auch kein sehr altes.
Das Werk ist 526 Seiten stark. Reicht das für einen so anspruchsvollen Titel wie "das Judentum"? Anscheinend nicht, denn Band 26 in dieser Reihe heißt: Israelitische Religion. Naja, dass die Religion des Volkes Israel sich mehrmals weitgehend geändert hat, ist klar; sehr fraglich ist aber die begriffliche Unterscheidung zwischen dem "Judentum", das heute noch besteht, und der "israelitischen Religion", die der fernen Vergangenheit angehört. Damit wollen die Herausgeber wohl verhindert haben, dass irgendwelche Verrückten mit osteuropäischen Wurzeln auf die unwahrscheinliche Idee kommen, die Religion Israels in ihren verschiedenen Phasen als kontinuierlichen, sozusagen "authentischen" Entwicklungsgang zu begreifen. Allerdings setzt man damit nur eine alte Problematik fort, die bis in die Anfänge der deutschen Geschichtswissenschaft im 19. Jh. zurückgeht. Demgegenüber heißt der 28. Band in dieser Reihe schlicht und einfach das Urchristentum, ganz zu schweigen vom Islam, der in ganzen drei Bänden thematisiert wird, welche die wohl differenzierenden Titel tragen: Der Islam I, Der Islam II und Der Islam III.
Immerhin bleibt die Frage, was man in 526 Seiten alles aufgreifen kann. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät einen etwas verzerrten Blick auf die jüdische Geschichte. Erstens will sich der Herausgeber fast nur mit der Neuzeit befassen: Im Kapitel "Geschichte des nachbiblischen Judentums in Grundzügen" werden der Antike 10 Seiten, dem Mittelalter ebenfalls 10 Seiten, der Neuzeit aber 20 Seiten gewidmet und dann kommt auch noch die neueste Zeit mit weiteren 11 Seiten. Im Kapitel "Die Entwicklung der Halaka" bekommt die Antike genau 2 Seiten, das Mittelalter und die frühe Neuzeit zusammen bekommen 7 Seiten, und die späte Neuzeit bis heute bekommt in mehreren Kapiteln insgesamt 28 Seiten. Andere Beispiele gibt es auch, aber ihr versteht schon, worum es dem Herausgeber geht.
Dieses Phänomen ist notabene nicht darauf zurückzuführen, dass bis zur späten Neuzeit nicht so viel geschehen wäre, sondern vielmehr darauf, dass alles, was sich bis dahin ereignet hat, für den Herausgeber nicht so wichtig erscheint. Dies rührt wiederum wohl daher, dass es sich dabei um Entwicklungen innerhalb des traditionellen Judentums handelt, womit wir auf die zweite Verzerrung kommen: Der Herausgeber will sich fast nur mit den nichtorthodoxen Strömungen befassen, was nun die erste, chronologische Verzerrung zu erklären vermag.
Das wird bestens am Kapitel "Jüdisches Denken im 20. Jahrhundert" deutlich, das 184 (!) Seiten umfasst (zum Vergleich: Das Kapitel "die Bibel und ihre Geschichte" umfasst 35 Seiten, das Kapitel "Philosophie und Mystik [bis zum 20. Jahrhundert]" umfasst 64 Seiten). Dieses riesengroße Kapitel teilt sich in zehn Unterkapitel, die jeweils Leben und Werk einer Persönlichkeit beschreiben: Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Martin Buber, Leo Baeck, Mordechai Menachem Kaplan, Richard L. Rubenstein, Emil L. Fackenheim und Abraham Joshua Heschel. Fehlt hier etwas? Ach, ja: Neben all diesen Denkern kommt auch "das orthodoxe Judentum" zu Wort und zwar im Unterkapitel "Das orthodoxe Judentum: Rab Kook und Rabbi Soloveitschik", denen zusammen 20 Seiten gewidmet sind... Das zehnte Kapitel heißt übrigens "Die weitere Entwicklung".
Womit lässt sich diese zweite, thematische Verzerrung erklären? Sie hat wohl irgend etwas mit der Sprache zu tun. Nicht wenigen Wissenschaftlern fällt der Umgang mit der hebräischen Sprache schwer, weshalb sie gerne hebräische Quellen übersehen. Und nun ist es mal so, dass "orthodoxe" Schriften, die an die Gelehrten gerichtet sind, eben auf Hebräisch geschrieben werden.
Ich vermute aber, dass dem verzerrten Blick noch etwas zugrunde liegt, nämlich Ideologie. Um das zu beweisen, muss man nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt heranziehen. Allerdings verbiete ich mir Texte (in diesem Fall: Kapitel) zu kritisieren, die ich nicht von A bis Z gelesen habe, weshalb ich mich hierbei auf ein Kapitel beschränken muss: "Die Halaka der Konservativen", geschrieben von Phillip Sigal s. A. und Günter Mayer. Dieses Thema passt zu unserer kleinen Untersuchung eigentlich ganz gut, da es im konservativen Judentum von den Anfängen an eine Spannung zwischen zwei Neingungen gibt: Einerseits zur Reform, andererseits zur Tradition. Werden sich die Verfasser objektiv verhalten können? Fangen wir an (meine Hervorhebungen):
S. 113: "[Sabato] Morais gehörte zu denen, die in Fragen der Liturgie zu echten halakischen Konzessionen bereit waren [...]" - In einem wissenschaftlichen Text soll es weder echte noch unechte Konzessionen geben; wenn der Wissenschaftler die erforderliche Distanz bewährt, vermag er die Echtheit einer Konzession gar nicht mehr zu beurteilen. Eine derartige Beurteilung gehört sich dann auch nicht mehr. Die Verfasser wollen wohl sagen, dass die besagten Konzessionen größer waren als frühere. Nun wissen wir, dass diese Konzessionen zudem groß genug waren, damit die Verfasser sie ganz persönlich für "echt" halten. Aber in einem wissenschaftlichen Werk ist dieser persönliche Geschmack vollkommen falsch am Platz.
S. 113: "[...] auch wenn die führenden Vertreter der Konservativen anerkannten, daß gewisse Rituale obsolet geworden waren," - wo ist der notwendige Konjunktiv? - weiter: "hatten manche unter ihnen immer noch einen orthodoxen Hang zu einem Schulhan 'aruk, wenn auch einem modernen." - Warum nicht "Neigung"? Oder "Vorliebe"? Ach so, weil die Verfasser den Schulchan Aruch negativ bewerten...
S. 115: Die Verfasser zitieren Boaz Cohen und schreiben dann: "Gerade durch diese Sprache [...] unterscheiden sich selbst traditionalistische oder fundamentalistischer eingestellte Fraktionen der eigentlich zu Unrecht so genannten 'konservativen' Bewegung von der Orthodoxie." Wenn es innerhalb des konservativen Judentums Fraktionen gibt, die den Verfassern zumindest gewissermaßen fundamentlistisch erscheinen, möchte ich gar nicht wissen, was für Vorurteile die Verfassen gegen die orthodoxen Strömungen haben...
S. 116-117: Die Verfasser besprechen ein konservatives Rechtswerk: "Zum großen Teil wiederholt es die traditionelle Halaka der Orthodoxie, ohne zu berücksichtigen, daß viele dieser Normen für die religiöse Observanz konservativer Juden keine Rolle spielen" - Na und? Ein Rechtswerk soll vorschreiben, wie Menschen bzw. Juden leben sollen. Es hat ein erstrebenswertes Ideal vorzulegen und braucht das Gegenwärtige nicht zu verkoschern. Es sei denn, die Verfasser finden das jeweilige Ideal - ihrem persönlichen Geschmack nach - nicht erstrebenswert: "Aufs ganze gesehen ist diese Kompilation der Ausdruck der persönlichen fundamentalistischen Meinung ihres Autors." Naja, jeder Text ist der Ausdruck der persönlichen Meinung seines Autors - mit einer Ausnahme: Gerade wissenschaftliche Texte sollen es tunlichst vermeiden. Das ist zugegebenermaßen nicht immer leicht, aber ein guter Wissenschafter muss zumindest versuchen, sachlich zu bleiben.
S. 117-118: "Obwohl einige konservative Rabbiner immer noch glauben, daß die Frauen auch im rahmen der traditionellen Praxis religiöse Erfüllung finden könnten, ordiniert das Jewish Theological Seminary jetzt Frauen zu Rabbinern [...]" - Falscher Konjunktiv. Denn nicht nur "einige konservative Rabbiner", sondern vor allem auch viele Jüdinnen haben eine kritische, ja immer kritischere Einstellung zur (angeblichen oder tatsächlichen) Vermännlichung der jüdischen Frau in linksextremen bis linken Kreisen während der letzten Jahrzehnte. Aber vielleicht ist das Buch ja zu früh erschienen, um diese Kritik in Betracht zu ziehen.
S. 118: "Wie die Entscheidung, den konservativen Synagogen den Verzicht auf den rabbinischen zweiten Diasporafeiertag zu erlauben, so löste auch die Entscheidung, Frauen zum Minjan zuzulassen [gemeint ist: mitzuzählen, denn die Teilnahme am Gottesdienst war den Frauen ja nie verboten], in den Reihen der Orthodoxen heftige Kritik aus. Bündig kommt sie etwa bei J. David Bleich zum Ausdruck [...] Dieser Angriff [seitens Bleichs] verdient nur insofern Beachtung, als er ein Beispiel des orthodoxen Alleinvertretungsanspruchs in der Halaka ist." (auf S. 119 wird auf "den diesbezüglichen Anspruch der Orthodoxie" nochmals Bezug genommen.) Hier muss ich mich schon fragen, ob die Verfasser sich wirklich so gut mit der Materie auskennen wie sie es tun sollen. Wie kann man in einem wissenschaftlichen Werk überhaupt jemand, den man zitiert, einfach nur als "orthodox" beschreiben? Genauso gut hätten ihn die Verfassen auch als "einen Juden mit europäischen Wurzeln" bezeichnen können, denn genauso wenig kann man daraus schließen. Was ist überhaupt "die Orthodoxie"? Es gibt doch so viele Strömungen und Auffassungen, Streitpunkte und lebensstilistische Unterschiede. Was uns zur eigentlichen Frage bringt: Wie sollte es denn einen "orthodoxen Alleinvertretungsanspruch in der Halaka" geben können, wenn es nicht einmal eine "orthodoxe Halacha" gibt? Das Einzige, was allen "orthodoxen" gemeinsam ist, ist die eher theoretische Verpflichtung zum Schulchan Aruch (und bei manchen jemenitischen Juden: zum Mischne Tora). Sie ist deswegen theoretisch, weil es heute keine Gemeinde gibt, deren Bräuche und Riten wirklich dem Kodex entsprechen, den Karo vor fast fünf Jahrhunderten zusammengestellt hat. Diese Unterstellung seitens der Verfasser hört sich fast so an wie die alten Verschwörungstheorien gegen "die Juden", die trotz aller inneren Unterschiede ein gemeinsames - und wohl nur zufälligerweise ebenfalls negatives - Ziel hätten erstreben sollen.
So, mit diesem Kapitelchen bin ich fertig, und das waren ja nur 8 Seiten. Was kann man also sagen? Mit ihrer wiederholt unsachgemäßen Haltung bzw. Ausdrücksweise kommen die Verfasser leider kaum durch. Mir kommt es folglich so vor, als verträten nicht die in diesem Kapitel Kritisierten, sondern vielmehr die Kritiker eine fundamentalistische, weil linksextreme Haltung. Andere Kapitel möchte ich nicht kommentieren, weil ich sie, wie gesagt, aus Zeitgründen nicht durchlesen konnte. Aber gerade an diesem Kapitel war auch der Herausgeber, Günter Mayer, als Mitverfasser beteiligt. Und für das oben besprochene Inhaltsverzeichnis, d.h. für die Struktur dieses Werkes, war der Herausgeber natürlich auch verantwortlich. Ob diese Kongruenz zufällig ist?
Stichwörter: Buch, Kritik, Wissenschaft
Sonntag, 12. August 2007
Der Rabbi, der ein vorzeitiger Pazifist sein sollte
Vorige Woche habe ich ausnahmsweise ein Kinderbuch gelesen (immerhin gefällt mir das Gefühl, auf gleicher Augenhöhe angesprochen zu werden): Marc-Alain Quaknin und Dory Rotnemer, Der Rabbi, der seine Geschichten verschenkte. Erzählungen aus dem Judentum (Lahr: Verlag Ernst Kaufmann, 1997 [Gallimard, 1994]); aus dem Französischen von Daniela Nußbaum-Jacob, religionswissenschaftliche Beratung von Dr. Ilas Körner-Wellershaus.
In diesem einladend gestalteten und schön illustrierten Buch findet man sechs Bearbeitungen von Erzählungen aus der jüdischen Tradition, umgeben von allerhand Wissenswertem, das mehr oder weniger mit der jeweiligen Erzählung zusammenhängt. Abgeschlossen wird das Buch mit drei ebenfalls kindergerechten Einführungen ins Judentum. Bemerkenswerterweise sind die Angaben trotz der notwendigen Vereinfachung i. d. R. zutreffend formuliert. Nur eine Stelle hört sich ganz merkwürdig an, und zwar die wichtigste, nämlich der rückseitige Werbetext (meine Hervorhebung):
Sechs Erzählungen aus [soll es hier übrigens nicht "von" heißen - wegen "von ... bis" - ?] der biblischen Zeit Salomons bis hin zu den Ereignissen um einen Rabbi im Russland des 19. Jahrhunderts zeigen auf, wie die Juden in vielen Ländern und zu verschiedenen Zeiten gelebt haben. Lebendig geschildert wird dabei auch, wie sie Probleme stets durch Nachdenken und nicht mit Gewalt gelöst haben.
Da stellen sich gleich doch einige Fragen: War es denn wirklich so, dass die Juden sich "stets" gewaltlos verhielten? Und in den Fällen, wo es tatsächlich so war - wollten sich die Juden so verhalten? Und konnten sie auf diese Weise überhaupt das Problem lösen? Oder haben eher manche Nichtjuden selbst für eine "Lösung" gesorgt?
Im Einklang mit dem Werbetext wagen die jüdischen Figuren, mit denen sich die jungen Köpfe bekannt machen sollen, nie, Gewalt auszuüben; selbst nicht dann, wenn sie verfolgt werden - etwa in der Geschichte vom Prager Rabbi Löw, wo es zu einem bevorstehenden Pogrom kommt:
Das Tor sprang auf und die Christen ["die Christen"? A-l-l-e ?!] drangen in wildem Durcheinander in die Synagoge.
Und was machen dann die Juden?
Starr vor Entsetzen drängten sich die Juden in einer Ecke zusammen.
Macht euch aber, liebe Kinder, keine Sorgen: Am Ende kommt der Prinz und rettet die Prinzessin. Dem wirklichkeitsfremden Golem ist es nämlich in diesem Kinderbuch erlaubt, Gewalt auszuüben, wenn es nötig ist. Den jüdischen Prinzessinnen ist so etwas leider nicht gestattet.
Das Buch ist in der Reihe "Geschichte vom Himmel und der Erde" erschienen. Neben dem altruistischen Rabbi liegen bereits Kinderbücher zum Islam, Hinduismus, Christentum, Buddhismus u. a. vor. Wahrscheinlich sind die anderen Bücher nicht mit demselben Werbetext versehen, also scheint hier die Gewaltlosigkeit eine vermeintlich typisch jüdische Tugend zu bilden. Aber warum? Warum will man die Juden - heutzutage! - überhaupt so darstellen? Was wird damit bezweckt?
Ich vermute, dass mit diesem scheinbar harmlosen Judenbild den jungen, unkritischen Lesern suggeriert werden soll, dass "richtige" Juden die Gewalt scheuen würden, wie es die "guten" Figuren tun, denen die Kinder im Buch begegnen. Und die neuen Hebräer in Palästina, denen die Kinder im Fernsehen begegnen können? Ach, die sind anscheinend keine richtigen Juden - und schon gar nicht gut.
Die verlorene Norm und die ersehnte Brüderlichkeit: a langes Wörtl far Mozej-Schabbes-Kojdesch Par. "Re'e"
Der Talmud (Jewamot 13:2) bringt eine andere Interpretation vor: "Ihr sollt euch nicht in (eigenständige) Gruppen aufteilen". Diese Interpretation lehnt sich an ein sehr ähnliches Verb an, das zuweilen gleich geschrieben wird und "sich versammeln", "sich zu einer Gruppe formen" bedeutet (vgl. Jeremia 5:7); manchmal ist es sogar nicht klar, welche Bedeutung gemeint ist (vgl. Micha 4:14). Auch wenn sie inhaltlich eher zusammenhangslos erscheint, ist diese Interpretation zumindest in sprachlicher Hinsicht akzeptabel. Immerhin spielt die Einheit eine große Rolle, weil die Identität Israels nicht nur auf dem gemeinsamen Recht, sondern vor allem auch auf der gemeinsamen Herkunft basiert. Zudem scheint die erste Bedeutung seit Jahrtausenden keine richtige Herausforderung mehr zu bilden: Der amoritische Brauch ist so sehr in Vergessenheit geraten, dass Raschi es ja für notwendig erachtet hat, dieses Verbot zu erklären. Und so bleiben wir praktisch mit der späteren Interpretation: uns nicht in Gruppen aufzuteilen.
Doch im Grunde genommen, wenn auch pauschalisierend, lassen sich die gläubigen Strömungen in zwei "Parteien" zusammenfassen, die es als solche freilich nicht gibt: Einerseits das "orthodoxe Judentum", d.h. die Strömungen, deren Ideal (und oft auch die Praxis) ist es, die Anweisungen im Schulchan Aruch, dem reichlich kommentierten, weil grundlegenden Rechtswerk des Judentums in der Neuzeit, zu befolgen (nebenbei bemerkt: für manche jemenitischen Juden ist es der Mischne Thorah des Maimonides); andererseits das "liberale Judentum", d.h. jene Strömungen, die aus unterschiedlichen Gründen sehr verschiedene Änderungen an diesem Grundwerk vorgenommen haben. Wie immer, wenn es sich um weltanschauliche Fragen handelt, scheint auch hier keine Versöhnung möglich zu sein. Konservative Juden verstehen sich mit Reformjuden weit besser als mit Litwaks, die sich wiederum - trotz aller "innerparteilichen" Kontroversen - weit besser mit Chassidim verstehen als mit Reformjuden.
Den Stein des weltanschaulichen Anstoßes bildet hier die Frage: Wie gilt es mit dem von allen ererbten jüdischen Recht umzugehen? "Die Liberalen" sagen, dass das jüdische Recht in unserer Volksgeschichte immer wieder aktualisiert, verändert oder durchaus reformiert wurde; und historisch betrachtet haben sie Recht: Man denke etwa an die "Neugründung" des Judentums durch Esra & Co. oder an die große Reform durch Rabban Gamliel von Jawne & Co., die das Fortbestehen Israels nach der Zerstörung des zweiten Tempels ermöglichte. Also, sagen "die Liberalen", warum soll man mit den Reformen nicht weitermachen, um die ererbte Tradition an die veränderten Umstände, diesmal also an die Moderne anzupassen? Jedoch haben "die Orthodoxen", die als "Kontrarevolutionäre" ebenfalls ein Produkt der Moderne sind, wohl begründete Ängste vor massiven Änderungen am jüdischen Recht. In der jüngeren Geschichte sind derartige Änderungen allzu oft in die Assimilation bzw. Akkulturation gemündet (3. Mose 18:3: "Ihre Bräuche sollt ihr nicht befolgen"). Außerdem wurden mit den beiden großen Reformen der Antike die Grundlagen schon weitgehend festgelegt, was nicht viel Platz für weitere Änderungen übrig lässt. Aber ausschlaggebend ist wohl die bloße Tatsache, dass die Moderne - im Gegensatz zu den Umständen bei den früheren Reformen - kein Zustand ist, der eine Reform erzwingt; ganz im Gegenteil: Dank moderner Technik und Technologie ist das Leben nach den Anweisungen des Schulchan Aruch weit leichter geworden.
Also? Hoffnungsloser Zustand des ewigen oder zumindest noch lange andauernden Kampfes? Nu, auch ein langes Wort soll sein a Wort, d.h. ein Happy Ending haben. Und so kommen wir auf unsere Parscha zurück, denn noch vor dem "lo titgodedu" heißt es (5. Mose 13:1): "Alles das, was ich euch gebiete, sollt ihr zu tun bedacht sein; du sollst nichts hinzufügen und nichts davon mindern." Das erinnert uns wohl an etwas, denn erst vor zwei Wochen haben wir gelesen (5. Mose 4:2): "Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das ich euch gebiete, und davon nichts mindern, zu wahren die Gebote des Ewigen, eures Gottes, wie ich euch gebiete." Dieses doppelte Verbot heißt im jüdischen Kanon "bal tosif" - aber wozu die Wiederholung? Der Wilnaer Gaon meint, die Wiederholung weist darauf hin, dass die beiden herkömmlichen Interpretationen zugleich richtig sind, nämlich: 1. es ist verboten, ein neues Ge- bzw. Verbot einzuführen oder ein bestehendes zu tilgen (d.h. das "Was" zu ändern); 2. es ist verboten, die vorgeschriebene Durchführung eines Gebotes zu erweitern oder zu verringern (d.h. das "Wie" zu ändern).
Nun ist aber so, dass man sowohl bei der einen als auch bei der anderen Partei weitgehende Abweichungen vom ursprünglichen Sinn des biblischen Textes feststellen kann. Ich meine jetzt nicht die Sachen, wo die mündliche Überlieferung notwendigerweise den schriftlichen Text ergänzt, z.B. bei der Praxis der Tfillin, die im schriftlichen Text nicht erläutert wird; sondern die zahlreichen "Sicherheitszonen" um das biblische Recht herum, die die alten Weisen verfügt haben, z.B. die Gleichsetzung von Geflügelfleisch mit Viehfleisch. Man kann also sagen, dass "die Liberalen" links von der rechtlichen Norm, "die Orthodoxen" hingegen rechts von der Norm stehen (aber nicht unbedingt in denselben Fragen).
Meiner Meinung nach sollte diese Norm, wenn möglich, wiederhergestellt werden. Wer "extra leisten" möchte, dürfte es auch weiterhin tun, jedoch gölte es dann eben als "Extraleistung", als das halachische Ideal und nicht mehr als die zu erwartende Norm. Der Begriff der Extraleistung - auf Hebräisch: "Chumra" (bei Verboten) oder "Hidur Mizwa" (bei Geboten) - ist im jüdischen Recht schon tief verankert und wird auch verschiedentlich angewandt.
Für die "liberale Partei" würde es heißen, die Norm zu erhöhen und auch dann hoch zu halten, wenn die Gemeinde sich nicht allzu gut daran hält. So war es z. B. bei den einstigen Konservativen in den USA, die sich nunmehr lieber als "conservadox" bezeichnen, nachdem das konservative Judentum in den letzten 25 Jahren extremer "Reformisierung" ausgesetzt gewesen ist; so war es auch in vielen modern-orthodoxen Synagogen (inzwischen hat aber auch diese Strömung wesentliche Änderungen durchgemacht und zwar in Richtung Ultraorthodoxie); und so ist es seit langem bei den orthodox gesinnten, aber nicht unbedingt orthodox lebenden Traditionellen in Israel (auf Hebräisch: "Masortijim", die aber nichts mit der konservativen "Masorti"-Bewegung zu tun haben). Meines Erachtens gibt es tatsächlich viele Juden, die aus ihrem (jeweils unterschiedlichen) Lebensstil keine neue, verbindliche Norm machen wollen und daher einer Gemeinde angehören wollen, deren "amtliche Norm" höher liegt als ihr (d.h. der Ersteren) eigener Lebensstil.
Fassen wir also den ganzen Gedankengang zusammen: Wie könnte man heutzutage das "lo titgodedu" befolgen? Indem man sich ans vorangehende und ebenso wichtige "bal tosif" hielte und auf diese Weise einen Kompromiss zwischen den beiden "Parteien" fände. Ja, das ist nichts mehr als ein Traum - dessen bin ich mir schon bewusst. Aber wie hat es jener assimilierte Jid formuliert? Wenn ihr es wollt...
P.S. Apropos Herzl fällt mir was ein. In einer der wichtigsten Bibelstellen heißt es (4. Mose 15:39): "Und es soll euch zu Merkquasten sein, daß ihr es anseht und aller Gebote des Ewigen gedenkt und sie ausübt und nicht nachgeht eurem Herzen und euren Augen, denen ihr nachbuhlt" - Wos hejsst "ajer Harz"? Dos is Herzl! Un wos hejsst "ajere Äugn"? Dos is Kuk! ("Kukn" auf Jiddisch bedeutet auf Deutsch "gucken"... Ein uralter Witz eben, aus ultraorthodoxen Kreisen)
Stichwörter: Halachah, Jiddischkeit auf Deutsch
Sonntag, 5. August 2007
In der Tat a gute Kasche
Damit nicht der Eindruck entsteht, Chabad-Lubawitsch hätte "Immunität" vor meiner Kritik, nehme ich Bezug auf Chabad Berlins letzte "Jüdisches"-Ausgabe (Tammus/Aw 5767 bzw. Juli/August 2007). In der Rubrik "Frage und Antwort" hat man diesmal unter dem Titel "Warum ist das jüdische Gesetz so pingelig?" folgende Frage gebracht (das englische Original finden Sie hier; die deutsche Übersetzung hier):
Warum ist die jüdische Religion so von unwichtigen Details besessen? [...] Mir scheint, das größere Bild geht verloren, wenn man so viel Wert auf Nebensächliches legt. [...] Übrigens habe ich Ihnen diese Frage vor einer Woche schon einmal geschickt, aber keine Antwort erhalten. Haben Sie endlich einmal eine Frage bekommen, die Sie nicht beantworten können?
Und dann die Antwort von Rabbiner Aron (Aharon) Moss (laut chabad.org Lehrer für Kabbalah, Talmud und praktisches Judentum in Sydney, Australien):
Ich habe nie behauptet, alle Antworten zu kennen. [...] Ihre Frage habe ich allerdings sofort beantwortet. Dass Sie meine E-Mail nicht erhalten haben, ist schon die Antwort auf Ihre Frage!
Als ich Ihre Adresse tippte, habe ich nämlich den Punkt von dem "com" weggelassen. Ich dachte, Sie würden die Mail trotzdem bekommen, denn es handelte sich ja nur um einen kleinen Punkt. [...] Kann jemand so pingelig sein, zwischen "yahoocom" und "yahoo.com" zu unterscheiden? Ist es nicht lächerlich, dass Sie meine E-Mail nur wegen eines kleinen Punktes nicht erhalten haben?
Nein, es ist nicht lächerlich. Denn der Punkt ist mehr als ein Punkt. [...] Mir mag er unwichtig erscheinen, aber das liegt nur an meiner Unwissenheit, was das Internet anbelangt. [...]
Das jüdische Leben ist unendlich tief. Jede Nuance und jedes Detail enthält eine Welt an Symbolik. Und jeder Punkt zählt. [...]
Moss' Punkt (ha ha) ist klar; den Vergleich finde ich aber eher ungeschickt, denn damit wird der Abgrund zwischen Mensch und Maschine umso deutlicher. Der Computer ist eine Maschine, die nicht einmal für "dumm" gehalten werden kann, da es auch keine wirklich "klugen" Maschinen gibt; es kommt ja alles darauf an, wie der Mensch sie baut. Dieser hingegen ist ein intelligentes Lebewesen, das von alleine verstehen kann, was bspw. mit "Rathouse Schteglits" gemeint wird, sofern er sich mit der Materie (Berlin) auskennt. Möchten wir nun Gott, der sich mit der Schöpfung höchstwahrscheinlich auskennt, wirklich mit der Maschine gleichsetzen?
Offen gestanden, finde ich jetzt die Frage erst recht angebracht. Mir scheint tatsächlich, dass die halachische Norm stark "angeschwollen" ist und daher vorsichtig verringert werden soll; dementsprechend zu erweitern wäre dann das halachische Ideal.
Ein jüdisches Sprichwort sagt: Wenn der Gerechte des Städtls täglich nur 10 Minuten weniger lernte, würde der Schmied schon gar nicht mehr lernen. Aber wo sind heute die Schmiede? Sterben sie als "geistige Klasse" langsam aus? Lasst uns sie doch lieber reemanzipieren...
P.S. Wenn wir schon bei Verringerung sind: Ich kann schon verstehen, wie mancher auf die Idee kommt, "G-tt" statt "Gott" (oder "g-d" statt "god" usw.) zu schreiben. Und das sogar am Computer bzw. im Internet. Aber liebe Leute: Es gibt nichts, wirklich nichts, was an diesem Fremdwort - das ja zudem auch noch in einer fremden Schrift geschrieben wird - heilig sein könnte. Ganz im Gegenteil: Wenn man undifferenziert allerlei heiligt, verliert gerade das an Bedeutung, was wirklich als heilig zu erachten ist.
Stichwörter: Halachah, Jiddischkeit auf Deutsch
Samstag, 4. August 2007
Zum Wesen Israels und der Übertrittsfrage
In "Ekew", der Parsha der vorhin ausgegangenen Woche (wie in anderen Wochenabschnitten auch), macht Gott den Kindern Israels ein Angebot, "das man nicht ablehnen kann": Wenn sie sich an die göttliche Moral halten, die Ureinwohner vertreiben, deren Götzen vernichten usw. usf., wird es ihnen im Verheißenen Lande gut gehen; sonst wird Gott Israel genau das antun, was er mit den anderen Völkern vorhat. Interessanterweise wird diese Sonderstellung Israels hier sowie anderwärts immer wieder auf den Bund zurückgeführt, den Gott mit den Erzvätern geschlossen hat, z. B.: "So gedenke des Ewigen, deines Gottes, denn er ist es, der dir Kraft gibt, Vermögen zu schaffen, auf daß er seinen Bund halte, den er deinen Vätern geschworen, wie jetzt geschieht." (Dwarim 8:18, ins Deutsche von N. H. Tur-Sinai)
Bekanntermaßen wird zuerst Abraham, dann Isaak und schließlich Jakob jeweils auserwählt. Mit Jakob bzw. Israel hört das Auswahlverfahren auf; es ist seine Nachkommenschaft, die Gottes eigenes Volk bildet. Den Anspruch auf diese Sonderstellung - oder die Pflicht, in dieser Rolle zu figurieren - haben wir also ausschließlich deswegen, weil wir Israels Nachkommen sind. Gottes Volk sind wir also nicht deswegen, weil wir die Torah am Sinai bekommen haben, sondern im Gegenteil: Die Torah haben wir bekommen, weil wir Gottes Volk sind, was wiederum unserer Blutlinie entspringt.
Und das erinnert mich an eine Erfahrung, die meine Gedanken wohl geprägt hat: Vor ein paar Jahren - das war kurz vor dem israelischen Unabhängigkeitstag - habe ich im Rahmen meines politischen Engagements eine neue Unabhängigkeitserklärung für den Staat Israels verfasst; die bisherige hat recht wenig mit dem Judentum zu tun, also habe ich sie umgeschrieben und dabei den ursprünglichen Stil bewährt, damit die Korrekturen gleich auffallen. Zum Beispiel: Ben-Gurions Fassung fängt mit folgender Aussage an: "Im Lande Israels kam das jüdische Volk zustande [...]"; dies habe ich in der ersten Fassung (es gab mehrere) ersetzt durch: "Am Berg Sinai entstand das Volk Israel [...]". Die verbesserte Erklärung habe ich herumgeschickt; die Resonanz war i. d. R. positiv, manchmal wurde auch Kritik geäußert. Eine Antwort bewahre ich besonders gut auf, nämlich die von Rabbiner Uri Sherki, der in derselben politischen Bewegung mitwirkt und mir damals Folgendes geschrieben hat:
Meiner Meinung nach gilt die Aussage, dass das Volk Israel am Berg Sinai geboren wäre, als Ketzerei [doppelte Hervorhebung im Original], weil sie den nationalen Charakter Israels leugnet und unsere ganze Identität auf religiöser Grundlage aufbauen möchte [...] Es sei daran erinnert, dass Mose der ultra-orthodxen Versuchung widerstand, mit der Gott ihn prüfen wollte, als er ihm sagte, er würde Israel vernichten, weil es gegen die Sinai-Lehre verstieß; da erwiderte Mose [Schmot 32:13]: "Gedenke es Abraham, Jizhak und Israel [deinen Knechten, denen du bei dir geschworen hast...]" - das heißt, dass [das Volk] Israel zuallererst Nachkommen der Erzväter und erst nachher [=daraufhin] Jünger Moses sind.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Übertrittsfrage recht schwierig. Im Gegensatz zum Christentum, das auf dem Glauben an die heilsgeschichtliche Rolle Jesu, d.h. auf einer Idee basiert, zu der man sich "einfach" bekennen kann, spielt im Judentum die Idee (verkörpert v. a. im jüdischen Recht) eine erst zweitrangige Rolle; sie unterliegt nämlich dem (angeblich) objektiven Umstand, dass man Jude ist (oder nicht). So dürfen sich Nichtjuden z. B. nicht an die Schabbes-Vorschriften halten; sonst sollten sie mit dem Tode bestraft werden. Übertrittskandidaten, die sich auf ihr neues Leben vorbereiten, müssen daher jeden Schabbes einen kleinen Verstoß gegen die Schabbes-Vorschriften begehen. Erst wenn man Jude wird, darf bzw. muss man sich an das jüdische Recht halten. Doch wie kann man eigentlich Jude werden, wenn es auf ein Glaubensbekenntnis ankommt, d.h. wenn die Sache von vornherein nicht universell gemeint ist?
Diese Frage beantwortet die lurianische Kabbalah mithilfe von Begriffen ("Funken" und "Schalen") aus dem eigenen System dieser Mystik. Sieht man davon ab, so bleibt die rechtsphilosophische Frage bestehen: Wie kann ein nichtjüdisch Geborener in eine fremde Blutlinie eintreten?
Im Judentum gibt es eigentlich keine Nachnamen; man (X) ist der Sohn (bzw. die Tochter) seines Vaters (Y) und seiner Mutter (Z), je nach der Situation: Wenn man bspw. in der Synagoge zum Lesen von der Thora aufgerufen wird, heißt man "X, der Sohn von Y". Wenn man aber - Gott behüte - krank wird und andere wollen Gott um seine Genesung bitten, heißt er "X, der Sohn von Z". Und warum habe ich es erwähnt? Weil Proselyten, die als Neugeborene nichts mehr mit den biologischen Eltern zu tun haben sollen, interessanterweise dem Erzvater Abraham und der Erzmutter Sarah zugeschrieben werden, was nun genauso für die Araber in ihrer Rolle als Ismaeliten sowie für die Christen in der Rolle Esaws gilt.
Mit anderen Worten: Proselyten werden - auch bzw. gerade nach dem erfolgreichen Übertritt - nicht dem Erzvater zugeschrieben, der am Ende des göttlichen Auswahlverfahrens steht: Jakob bzw. Israel. Der Bezug des Proselyten auf die Blutlinie Israels ist also eher problematisch, d.h. ein nichtjüdisch Geborener kann in diese Blutlinie nicht wirklich eintreten. Dies hat z. B. zur Folge, dass einem Priester (heb. Cohen) eine Proselytin verboten ist (d.h. er darf sie nicht heiraten oder begatten).
In diesem Zusammenhang wäre es wohl gut zu bemerken, dass im Judentum - im Gegensatz zur üblichen (aber falschen) Meinung - nicht die Mutter, sondern der Vater die Blutlinie bestimmt (vgl. etwa bei Leviten im Allgemeinen und bei Priestern im Besonderen). Nur bei Mischehen jeder Art wird der Vater ausgeschlossen und die Blutlinie nach der Mutter bestimmt. Und dennoch: Eine jüdisch Geborene, bei der die Mutter zwar Jüdin, der Vater aber keiner ist, ist einem Priester ebenfalls verboten.
Bei den Kindern des (bzw. der) Proselyten tritt diese Schwierigkeit übrigens nicht mehr auf. Das Kind X ist dann einfach der Sohn (bzw. die Tochter) des Vaters Y und der Mutter Z (der übergetretene Elternteil hat bei seiner Neugeburt einen neuen, hebräischen Namen bekommen).
a gut Woch,
Yoav
P.S. Woran lässt sich eine gute Bibelübersetzung am schnellsten erkennen? Eine Faustregel: Man schlägt die erste Seite auf und prüft, ob in Bereschis (1. Mose) 1:5 nicht "erster Tag" oder "Tag eins", wie in den christlichen Übersetzungen üblich, sondern "ein Tag" geschrieben steht. Der Grund für diese im hebräischen Original vorhandene Differenzierung ist, dass es bis zum zweiten Tag noch keine Reihenfolge und folglich auch noch kein erster Tag gab. Unter den deutsch-christlichen Übersetzungen ist die revidierte Elberfelder m. W. die einzige, die diese Prüfung besteht.
Stichwörter: Jiddischkeit auf Deutsch, Übertritt
Freitag, 3. August 2007
Samstag, 28. Juli 2007
Manchmal
...stolpert man über eine Webseite, die man halt teilen muss. Dieses Mal: Künstlerische Holocaustaufarbeitung, die womöglich auch ohne besondere Hebräischkenntnisse verständlich ist: http://www.armadil.net/work.asp?id=92
Jedenfalls würde ich mich über die Interpretationsversuche derer freuen, die gar kein Hebräisch können.
Im Übrigen ist seit kurzem meine Magisterarbeit zur Auflösung der Judenfrage. Das Bild des Juden im Spielfilm der DDR frei zugänglich: http://ostdeutsche.judenfrage.googlepages.comDonnerstag, 26. Juli 2007
a seltsamer Schiddech
Heute habe ich erfahren, dass angehende, am Geiger-Kolleg studierende Reformrabbiner, darunter auch eine Frau, ihr Israel- bzw. Jerusalemjahr am kürzlich gegründeten Steinsalz-Zentrum verbringen. Ich gehe mal davon aus, dass die meisten unter euch den vornehmen, herzlichen und leistungsstarken Rabbiner Adin Ewen-Israel (geb. Steinsalz) noch nicht kennen: Ganz kurz gefasst, ist er a Baal-Tschuwe, a gewor(d)ener und äußerst überzeugter Chossid im Allgemeinen und ein sehr berühmter Lubawitscher im Besonderen. 1965 hat er das "israelische Institut für taldmudische Veröffentlichungen" gegründet, wo seither - mit großem Erfolg - v. a. an der hebräischen Übersetzung des babylonischen, seit kürzerem auch des Jerusalemer Talmuds gearbeitet wird. Für diese Erschließung des zweitwichtigsten Textes im jüdischen Kanon hat er 1988 den Israelpreis verliehen bekommen. Seit 2005 figuriert er auch als Präsident der erneuten Sanhedrin, die die höchste Instanz der orthodox-jüdischen Weltjustiz bilden soll - was das Reformjudentum nie wird anerkennen können, da es selbst nie anerkannt werden wird. 2006 hat er sein neues Zentrum eröffnet, wo Erwachsenen nichtakademische, sozusagen freizeitliche Kurse zum (selbstverständlich orthodoxen) Judentum, insbesondere zur Kabbalah (jüdischen Mystik und Grundlage des später entstandenen Chassidismus) angeboten werden.
Selbstverständlich ist den angehenden Rabbinern und Rabbinerinnen des Geiger-Kollegs nicht untersagt, an diesen Kursen teilzunehmen, falls sie sich dafür interessieren (und das sollten sie jedenfalls tun!). Aber wie kommt es zur Zusammenarbeit zwischen den beiden Einrichtungen, die fast nichts miteinander zu tun haben und eigentlich ganz andere, ja entgegengesetzte Wege beschreiten? Da kann man sich schon Einiges vorstellen; meine Vermutungen bleiben aber noch in meinem Köpfl. Jedenfalls haben jetzt diese Studenten die wunderbare Gelegenheit, viel Neues zu lernen und sich dabei selbst in eine ganz neue Richtung zu entwickeln. Wie sie sich aber nachher zum alten Studienort noch verhalten werden, wird sich noch zeigen.
P.S.
Die Geiger-Studenten sind mir zwar nicht persönlich bekannt, aber es wäre ja nicht auszuschließen, dass mancher unter ihnen in Jerusalem im Allgemeinen und an dieser Einrichtung im Besonderen nicht als Jude anerkannt werden kann...
P.S.2
Und dabei können sich die Geiger-Leute, soweit ich weiß, nicht einmal in Berlin mit den Lubawitschern verstehen...
P.S.3
Wenn ich mich recht daran erinnere, was in den Newsletters des Steinsalz-Zentrums steht (den letzten habe ich schon gelöscht), bekommen Frauen und Männer den Unterricht zuweilen nur getrennt erteilt; manche Kurse sind auch nur für Frauen, andere nur für Männer bestimmt. Naja, das habe ich von den Entscheidungstreffenden am Geiger-Kolleg, die sonst ja das Schlagwort Gleichberechtigung praktisch zum Dogma erheben, nicht erwartet.
Stichwörter: Geiger-Kolleg, Jerusalem, Steinsalz
Montag, 23. Juli 2007
a Link farn 9. Aw
"So spricht der Herr der Heere: Das Fasten des vierten, das Fasten des fünften, das Fasten des siebten und das Fasten des zehnten Monats werden für das Haus Juda Tage des Jubels und der Freude und froher Feste sein. Darum liebt die Treue und den Frieden!" (Sach. 8:19)
Nach dem biblischen Jahreskreis, der mit dem Auszug aus Ägypten bzw. dem späteren Monat Nissan anfängt, ist Aw der fünfte Monat und das "Fasten des fünften" folglich der 9. Aw. In Israel gibt es immer mehr Juden, die sich avantgardistisch auf die freudige Zukunft dieses Tages vorbereiten: http://www.temple.org.il
Stichwörter: 9. Aw, Jiddischkeit auf Deutsch, Tempel
Sonntag, 15. Juli 2007
Körperschaften und Gentlemen
Im Dezember habe ich einen Beitrag über das "doppelte Verhältnis" der Juden in Deutschland zum Staat, in dem sie leben, geschrieben und mich dort auf den so genannten Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung bezogen (ein weiteres Beispiel auf regionaler Ebene bildet der kürzlich unterzeichnete Hamburger Staatsvertrag). Gegen meine Sichtweise wird bisweilen eingewandt, dass die Juden doch kein Ausnahmefall seien, da die einzelnen jüdischen Gemeinden sowie der Zentralrat religiöse bzw. kirchenrechtliche "Körperschaften des öffentlichen Rechts" sind; und da haben ja auch die EKD und die Katholische Kirche in Deutschland ähnliche Staatsverträge mit Bund und Ländern abgeschlossen.
Doch gerade dieser Vergleich veranschaulicht m. E. den qualitativen Unterschied zwischen den Kirchen und den Jüdischen Gemeinden, denn Letztere - sowie der Zentralrat - werden ja nicht von Geistlichen bzw. Rabbinern, sondern von ganz "weltlichen" Politikern geführt. Ich kann mir zwar vorstellen, dass in den Gremien der EKD auch Laien tätig sind, die sich aus religiösen Gründen für ihre Gemeinden engagieren (im katholischen Fall erscheint es mir hingegen eher unwahrscheinlich, dass Laien die Kirche in solchen Sachen vertreten dürfen). Doch selbst diesen religiösen Hintergrund (Motivation, Umfeld...) ist in den jüdischen Gemeinden und dem Zentralrat nicht vorhanden.
Themawechsel: Ha'aretz erzählt in seiner Wochenendausgabe unter dem Titel "SS-Offizier und Gentleman" von SS-Brigadeführer Karl Rink, der mit einer Jüdin verheiratet und dennoch ein überzeugter Nationalsozialist war - bis auf die Judenfrage. Das Paar lebte in Berlin und hatte eine Tochter. Der a Bissl naive Rink versuchte, die beiden, die eh auch von der jüdischen Umgebung ausgestoßen wurden, zu schützen, solange er nur konnte. Doch schließlich wurde ihm ein Ultimatum gestellt: Entweder er lässt sich scheiden oder er wird als Jude (in dem Fall also Geltungsjude) behandelt. Rink entschied sich für den Nationalsozialismus. Die Frau wurde kurz nachher auf Befehl von Rinks Vorgesetztem ermordet. Im allerletzten Augenblick, am Vorabend des Krieges, erfüllte er noch sein Verprechen an seine Frau und schickte seine Tochter nach Israel, die heute in einem Kibbutz lebt. Im Kriege war er in osteuropäischen Ghettos tätig, setzte sich aber verschiedentlich für Juden ein. Nach dem Krieg erfuhr er, wie seine Frau umgebracht wurde, und ermordete seinen ehemaligen Vorgesetzten.
Später hat er Briefe mit seiner Tochter gewechselt, die lange noch davon überzeugt gewesen ist, dass er ein ausgesprochener Kriegsverbrecher war. Doch Überlebende, denen er half, haben ihr von ihm erzählt. Diese Zeitzeugen haben ihm auch die Möglichkeit verschaffen, nach Israel einzureisen ohne in Haft genommen zu werden. Eine Woche vor seiner geplaten Reise verriet ihm sein Herz und er starb in Berlin.
Eine in Deutschland wohl noch unbekannte Figur?
Stichwörter: SS, Zentralrat
Donnerstag, 12. Juli 2007
Wie jüdisch darf der Judenstaat sein?
Nach ein paar Enttäuschungen - alle ganz meinerseits - habe ich in Berlin versucht, politische Israel-Veranstaltungen zu vermeiden. Israelis, die hierher kommen, um zu einem mehr oder weniger politischen Thema zu referieren, neigen nämlich leider allzu oft zu Linksextremismus. Es dauert dann a bissl, bis ich mich wieder beruhigt habe.
Trotzdem war ich heute in der israelicshen Botschaft mit einer Studentengruppe bei einem Vortrag von Dan Golan, dem Leiter der Kulturabteilung, über "Kulturen in Israel". Dabei hat er viel behauptet, womit ich nicht einverstanden war, aber besonders aufgefallen sind mir drei Punkte (ich zitiere aus dem Gedächtnis; das Gespräch fand auf Englisch statt, da er kaum Deutsch kann):
1. "Es gibt in der Kultur Israels keine Klassik, da der Staat erst 1948 gegründet wurde." Nach dem Vortrag habe ich darauf hingewiesen, dass es nach diesem Prinzip auch keine deutsche Klassik gäbe, da der heutige deutsche Staat, die BRD, erst 1949 gegründet und 1955 unabhängig wurde; trotzdem sind die Kulturvertretungen dieses neuen Staates weltweit nach einer Person benannt, die ja bereits 117 Jahre vor Staatsgründung starb: Goethe. "Da waren die Deutschen aber auch vorher auf verschiedene Weise souverän." Auch die Polen waren in den letzten Jahrhunderten lange nicht wirklich, nicht überall und manchmal auch halt gar nicht souverän, und trotzdem versuchen sie nicht über diese Zeit hinwegzusehen, erwiderte ich (übrigens: Was heißt hier überhaupt "souverän"? Der Dichter ist ja als solcher immer souverän!). Warum soll denn etwa die hebräische Dichtung von Jehuda HaLevi ausgeschlossen werden? "Man muss aber auch eine sprachliche Kontinuität haben", hat er mir geantwortet, "ich kann diese Texte nicht verstehen." Nanu! Diese Dichtung ist ja Pflichtlektüre an israelischen Schulen! Und außerdem ist die Sprache eigentlich dieselbe, nur wird sie heutzutage als gehoben empfunden.
Um ihn aber vor dem deutschen Publikum nicht in Verlegenheit zu bringen, habe ich ihm einfach gesagt, dass gewöhnliche Deutsche heute mittelhochdeutsche Texte ebenfalls nicht verstehen können. "Mehr kann ich nicht sagen", lautete seine Antwort - und zwar mit guten Grunde, denn eigentlich geht es nicht um das Selbstverständnis des Staates, sondern eher um seinen ganz persönlichen Wunsch, dass Israel ein "normaler", abendländischer Staat wäre, der die "Last" der jüdischen Vergangenheit nicht mehr trüge und die Juden somit "normalisieren" könnte. Und Normalisierung setzt natürlich einen neuen Anfang voraus. Also: Keine Klassik.
Anschließend hat er erzählt, dass diese Selbstbeschränkung seiner Abteilung auf Staatsbürger auch praktische Folgen hat: Als man darum gebeten hat, dass die Abteilung einen finanziellen Beitrag zu einer Ausstellung über Albert Einstein leisten würde, hat sich die Abteilung "nach langer Diskussion" geweigert, da Einstein doch kein Staatsbürger war. Nun soll man bedenken, dass Einstein, einem bekennenden Zionisten, 1952 die israelische Präsidentschaft angeboten wurde, die er allerdings ablehnte, v. a. um sich mit der Physik weiter befassen zu können. Und trotzdem: Für die Präsidentschaft war er gut genug, für finanzielle Leistungen aber nicht mehr?! Da wäre es doch besser gewesen, Mangel an Mitteln als Grund zu geben! Übrigens vererbte Einstein die Rechte auf die Nutzbarmachung seiner Person und Werke an die Hebräische Universität Jerusalem.
2. "Das israelische Recht ist nicht das jüdische Recht, sondern geht auf das britische Mandat zurück." Dies war der Zustand bis 1980, als das israelische Parlament ein Gesetz (das "Rechtsgrundlagengesetz") erließ, nach dem dem israelischen Recht nunmehr das "jüdische Erbe" zugrunde liegt, sofern die Behandlung eines Falls nicht aus israelischen Gesetzen oder rechtlichen Präzendenzfällen zu ziehen ist. Dass unsere "tollen" Richter gerne von diesem Gesetz absehen, gebe ich zu; doch dieses Gesetz gibt es immerhin! "Dazu kann ich nichts sagen", hat er geantwortet, "mir ist das besagte Gesetz nicht bekannt" - sic!
3. "Israel sei kein jüdischer Staat, sondern einer für die Juden. In Neuseeland [wo er vorher gearbeitet hat] gibt es Christen, wenige davon sind Gläubige; käme jemand auf die Idee, Neuseeland als christlichen Staat zu bezeichnen?" - Erstens steht im israelischen (allmählich zustande kommenden) Grundgesetz mehrmals, d.h. in mehreren Teilgesetzen, geschrieben, dass Israel ein "jüdischer und demokratischer Staat" ist; der Hinweis auf den Staat als "jüdischen Staat" liegt auch bereits in der Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1948 vor. Zweitens greift Neuseeland für seine Nationalsymbole (Staatsfahne und -wappen) nicht auf christliche Symbole zurück; Israel tut es doch. Diese Einwände habe ich dann aber nicht mehr vorgebracht, da er offensichtlich schon ganz irritiert war. Naja, es wäre ihm wohl lieber gewesen, wenn alle ihm einfach so geglaubt hätten.
Also? Was kann man nach solch einer Erfahrung noch sagen? Seit langem denke ich mir, dass ich kein guter Diplomat wäre, weil ich keinem Staat meine Zunge zur Verfügung stellen könnte, mit dessen Politik ich nicht unbedingt einverstanden bin. Da ist mir die eigene Meinung schon zu wichtig, um eine andere zu vertreten. Doch anscheinend kann man selbst als Diplomat weiterhin die eigene Meinung aussprechen, so extrem sie sein mag, sogar wenn sie kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Oder gilt das nur für ganz bestimmte Meinungen? Jedenfalls bin ich als Israeli sehr von Herrn Golan enttäuscht, der zumindest hätte sagen können, dass er jetzt nur seine eigene Meinung ausspricht. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass er diesen Vortrag überall in Deutschland hält...!
In der Tat folgt er aber einfach der Vision Herzls, von der ich wenig halte und die erfreulicherweise auch recht wenig mit der israelischen Wirklichkeit zu tun hat. Vielleicht schreibe ich später auch darüber.
Sonntag, 8. Juli 2007
Die Deutsche Frage im heutigen Österreich
Liebe alle,
gerade habe ich ein neues Blog eröffnet, dass diejenigen unter euch ansprechen kann, die sich für Geschichte und insbesondere für österreichische Geschichte interessieren:
Deutschösterreich?
Eine kritische Erörterung des heutigen österreichischen Selbstverständnisses
Bis auf weiteres
Yoav
Stichwörter: Off Topic
Montag, 2. Juli 2007
Goldenes Schweigen?
Zugegebenermaßen habe ich bisweilen doch Einiges zu sagen. Nun ist es jedoch so, dass ich es - wenn überhaupt - dann aber nur für mich selbst aufschreibe. Denn das, womit man nicht öffentlich auftritt, muss man später nicht apologisieren. Es kommt nämlich der Augenblick im Leben, wo man zurückblickt, Bilanz zieht und - besser spät als nie - feststellt, dass Schweigen des Öfteren in der Tat Gold ist.
Bin ich also Feigling? Das mag wohl sein. Aber wie viel kann ein junger, ausländischer "Nachwuchswissenschaftler" heutzutage schon riskieren?
Nein, auch in Anbetracht der geringen Chance, dass sich irgendein Entscheidungstreffender für meine hiesigen Beiträge interessieren würde, möchte ich kein Held sein. Und außerdem scheint diese Funktion doch ziemlich gut von Henryk M. Broder erfüllt zu werden.
Stichwörter: Off Topic